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Formel 1 in Ungarn: Diskussion über Ferrari-Teamorder bei Sieg von Sebastian Vettel

"Kimi war schneller": Teamorder-Diskussionen bei Vettel-Sieg

30/07/2017 um 20:12Aktualisiert 30/07/2017 um 21:27

Sebastian Vettel hat trotz technischer Probleme beim Großen Preis von Ungarn 2017 seinen vierten Saisonsieg eingefahren - auch dank umstrittener Teamorder. Während Valterri seinen Mercedes-Teamkollegen Bottas Lewis Hamilton zwischenzeitlich gewähren ließ, um Jagd auf die beiden Ferrari zu machen, durfte der schnellere Kimi Räikkönen nicht an Vettel vorbei. Die Reaktion des Finnen überraschte.

Überholverbot auf dem Hungaroring, und trotzdem hatte der Grand Prix von Ungarn 2017 am Ende jede Menge Dramatik zu bieten. Allerdings ging es dabei weniger darum, was sich auf der Strecke abspielte, als vielmehr um den Boxenfunk.

Aber letztendlich behielt der mit technischen Problemen kämpfende Sebastian Vettel kühlen Kopf und gewann das Rennen vor seinem Ferrari-Teamkollegen Kimi Räikkönen und Mercedes-Fahrer Valtteri Bottas.

Letzterer war mittendrin in der Story des Rennens: Mercedes hatte Bottas in der 46. Runde befohlen, den schnelleren Teamkollegen Lewis Hamilton vorbeizulassen, um Jagd auf die führenden Ferraris machen zu können.

Bottas willigte ein - allerdings nur unter der Auflage, den dritten Platz zurückzubekommen, falls Hamilton scheitern sollte. Zwischendurch wuchs der Abstand zwischen den beiden Silberpfeilen aber auf mehr als acht Sekunden an.

Weil auch von hinten noch Max Verstappen (Red Bull) mit den um zwölf Runden frischeren Reifen drückte, glaubten viele Beobachter, dass Hamilton die Punkte einkassieren würde. Auch Bottas gab zu: "Ich war schon ein bisschen besorgt, als der Abstand größer wurde."

Hamilton zeigt viel Sportsgeist

In der allerletzten Runde ließ sich Hamilton dramatisch zurückfallen - und gab den Platz zurück. Verstappen ließ er auf der Ziellinie nur um 0,4 Sekunden hinter sich.

Was viele nicht wussten: Wegen eines Ausfalls der Boxen-Mittelkonsole konnte Hamilton rundenlang nicht mit seinem Renningenieur kommunizieren - ausgerechnet in der Phase, in der er feststellte, dass er viel schneller ist als Bottas. "Wir waren im totalen Blindflug unterwegs", erklärte Mercedes-Sportchef Toto Wolff.

Letzterer betont zwar, er sei "stolz" auf die sportliche Größe seines Teams ("Wir haben echte Werte"), doch seine persönliche Reaktion beim Platztausch lässt vermuten, dass er lieber Hamilton auf Platz drei gesehen hätte. Denn als Hamilton Bottas vorbeiließ, schlug Wolff mit der Faust auf den Tisch und drehte sich wütend zu Niki Lauda um - ganz offensichtlich war das nicht seine Idee.

Wolff sagte:

"So etwas hat noch kein Team gemacht - speziell mit dem Mann, der in der Weltmeisterschaft vorne liegt. Es ist natürlich hart. Es können am Ende zwei oder drei Punkte abgehen, und dann wird jeder sagen, dass diese Punkte in Budapest verloren gegangen sind, weil das Team eine vermeintlich sportliche Entscheidung getroffen hat. Es war eine schwierige Entscheidung."

Auch für Hamilton selbst: "Es ist hart für die Meisterschaft, aber ich stehe zu meinem Wort."

Währenddessen war der Ferrari-Boxenfunk mindestens genauso interessant wie jener von Mercedes. Polesetter Vettel meldete nach gewonnenem Start in der 25. Runde zum ersten Mal ein nach links hängendes Lenkrad.

Räikkönen durfte nicht gewinnen

Zu dem Zeitpunkt hatte er 3,6 Sekunden Vorsprung auf Räikkönen. Bis zum einzigen Boxenstopp in Runde 32 war Räikkönen wieder auf eine Sekunde dran, und auch Bottas hatte seinen Rückstand von 9,4 auf 7,4 Sekunden reduziert.

Vettel berichtete:

"Als das Auto am Start heruntergelassen wurde, hatte ich schon das Gefühl, dass die Lenkung ein bisschen schief ist. In den ersten Runden konnte ich mich gut absetzen, doch dann wurde es Schritt für Schritt ein bisschen schlimmer und gravierender. Es war sehr schwierig, dann die richtige Balance zu finden. Ich konnte mich nach ein paar Runden dran gewöhnen, aber generell war es sehr, sehr schwer, damit hauszuhalten."
Sebastian Vettel vor Kimi Räikkönen

Sebastian Vettel vor Kimi Räikkönen SID

Angesichts des von hinten drückenden Silberpfeil-Express wurde Räikkönen immer nervöser. Ferrari entschied zunächst, dass ihn Vettel in der DRS-Sekunde ziehen soll, um auf den Geraden nicht angreifbar zu sein. Das aber verschliss die Vorderreifen des "Iceman" zu schnell. Etwas entnervt funkte er:

"Und das soll alles sein, was euch einfällt?"

Viel größer war der Groll über das Timing seines ersten Boxenstopps. Als Mercedes Bottas reinholte, um einen Undercut zu probieren, musste Ferrari mit dem angeschlagenen Vettel reagieren. Räikkönen wollte noch länger fahren. "Ich hatte den Speed, um draußen zu bleiben", ärgerte er sich am Funk.

Im Nachhinein weiß man: Mit einem längeren ersten Stint hätte Räikkönen das Rennen gewonnen.

Vettel: "Kimi war schneller"

"Ich konnte natürlich sehen, dass Kimi von hinten kommt. Er war schneller", gab Vettel zu. "Ich konnte den Speed nicht wirklich gehen, weil ich mit mir selber zu kämpfen hatte."

Die Entscheidung fiel erst, als Hamilton beim Überrunden Dreck aufsammelte und zurücksteckte. Die letzten paar Runden waren für Ferrari dann nur noch eine Spazierfahrt. Am Ende gewann Vettel 0,9 Sekunden vor Räikkönen und 12,5 vor Bottas.

Räikkönen ärgerte sich über die verpasste Chance und machte die Situation am Funk mehrfach deutlich.

"Ihr setzt mich ohne Grund dem Druck von Mercedes aus", "Ich bin in keiner guten Position" oder "Ich mache mir nur die Reifen kaputt. Ist es das, was wir bis zum Ende des Rennens machen wollen?" gab er weiter.

Räikkönen: Kein Ärger aufs Team

Der "Iceman" erklärte hinterher:

"Ich habe gehofft, dass Sebastian so schnell wie möglich fährt, weil von hinten die Mercedes aufgeholt haben."

Gefordert, dass er vorbeigelassen werden soll, habe er aber nicht.

"Ich habe gesagt, dass ich mehr Speed habe. Ich wollte nicht in eine Position kommen, in der ich den zweiten Platz aus den falschen Gründen verliere. Ich wollte einfach, dass wir auf eins und zwei kommen."

Der Finne managte Rang zwei und blieb immer im Schatten von Vettel, ohne je eine Chance auf ein Überholmanöver zu haben. "Ich wollte natürlich gewinnen, aber für das Team ist es großartig", sagte er.

Seinem Team macht er jedoch keinen Vorwurf, dass es mit dem ersten Saisonsieg nicht geklappt hat. "Ich muss da in den Spiegel schauen", so Räikkönen, der sich über seinen Fehler im Qualifying ärgerte, der ihm die mögliche Pole und eine bessere Ausgangsposition gekostet habe.

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