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FC Bayern: Jupp Heynckes bohrt subtil in den Wunden - das Monster, das Ancelotti schuf

Heynckes bohrt subtil in Bayerns Wunden: Das Monster, das Ancelotti schuf

14/10/2017 um 12:30Aktualisiert 14/10/2017 um 12:31

Jupp Heynckes wird gegen den SC Freiburg (15:30 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de und in der Eurosport App) erstmals wieder als Trainer des FC Bayern an der Seitenlinie stehen. Gut eine Woche hatte er nun Zeit, die Lage innerhalb der Mannschaft zu ergründen. Seine Analyse fällt drastisch und schonungslos aus. Vorgänger Carlo Ancelotti kommt zwischen den Zeilen alles andere als gut weg.

Der FC Bayern ist auf den Hund gekommen. Zum zweiten Mal bat Jupp Heynckes seit seiner Rückkehr zum Mediengespräch mit den Journalisten. Zum zweiten Mal ging es animalisch zu.

Schäferhund Cando habe vor lauter Sehnsucht zwei Tage nichts gegessen, nachdem es sein Herrchen mal wieder in den Süden der Republik verschlagen habe.

Dorthin hat es den Terrier nie gezogen. Zu höchsten Ehren reichte es aber dennoch. Weltmeister, zwei Mal Europameister, fünf Mal Deutscher Meister: Berti Vogts, genannt Terrier, kann auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken.

Derart beeindruckend, dass er am Freitag Candos Hunde-Ehre in München hochhielt und Erwähnung in Heynckes Ausführungen fand.

Heynckes spricht Hierarchie-Problem an

Der 72 Jahre alte Rückkehrer philosophierte ausführlich über die Hierarchie innerhalb einer Mannschaft. Wie wichtig sie ist, wie sie sich bilden lässt, und wie sich ein Spieler innerhalb dieser Hierarchie am Anfang der Nahrungskette platziert.

Terrier Vogts war damals bei Borussia Mönchengladbach als Mitspieler von Heynckes in dessen aktiver Zeit einer der ersten am Futternapf. Weil er sich durch konstant tadellose Leistungen den Respekt des Rudels erwarb.

Nun hatte es den Anschein, als habe es beim FC Bayern zuletzt zu wenig Alphatiere gegeben. Ein Missstand, den Heynckes zum wiederholten Mal anprangerte.

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Heynckes zerrupft Ist-Zustand der Mannschaft

Der Bayern-Trainer erklärte:

"Der eine oder andere Spieler muss mehr Verantwortung übernehmen. In erster Linie über die Leistung, dann aber auch intellektuell und im Umgang mit der Mannschaft. Unter Philipp Lahm haben die Spieler intern schon Dinge geregelt, bevor sie zu mir kamen."

Kritik an den Spielern einerseits. Aber zugleich deutliche, wenn auch subtile Kritik an Carlo Ancelotti, der gleich elf Spieler in den Mannschafsrat berief (Heynckes: Normalerweise fünf bis sechs Spieler) und den Führungsanspruch von Spielern wie Thomas Müller durch diverse Personalentscheidungen untergrub.

Nun hatte Heynckes bei seiner Vorstellung erklärt, wie sehr er seinen Vorgänger schätze. Und es gibt auch keinen Grund, an diesen Worten zu zweifeln.

Dennoch hatte man das Gefühl bei beinahe jedem Satz das Echo der verbalen Ohrfeige zu hören, die - nicht willentlich - auf Ancelottis Wange landete.

Fragwürdiges Training, fragwürdige Personalien

"Vielleicht ist das Niveau im Training nicht so hoch wie im Triple-Jahr", berichtete Heynckes, der wieder länger und intensiver trainieren lässt als sein Vorgänger.

"Ich habe Stabilisationstraining zur Vorbeugung von Verletzungen wieder eingeführt. In den zwei Jahren, wo ich da war, gab es die wenigsten Verletzungen, da wollen wir wieder hin", so der ehemalige Weltklassestürmer weiter, dem sichtlich anzusehen war, wie sehr es ihn irritierte, das dies nicht selbstverständlich sei.

Zuletzt habe man keinerlei Balance gehabt. Es sei daher das "A und O, die Defensive zu stärken". Dazu plane er auch Javi Martínez, unter Ancelotti ausschließlich Innenverteidiger, wieder ins defensive Mittelfeld zu ziehen.

Der Spanier brauche allerdings Zeit, weil er ein wenig verlernt habe, wie er sich im Mittelfeld zu verhalten haben. Weil er aus Heynckes Sicht offenbar nicht auf seiner Idealposition zum Einsatz kam.

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Spieler ohne Spaß und Selbstvertrauen

Ohnehin sieht es der alte und neue Trainer als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, den einzelnen Spielern wieder den Glauben an die eigene Stärke zurückzugeben.

Mit ersten Erfolgen, wie Heynckes meint:

"Die Spieler haben jetzt wieder Spaß an der Arbeit."

Keine Balance, keine Fitness, kein Selbstvertrauen, keine Freude: Klingt alles ein wenig nach Abstiegskampf. Nach Feuerwehrmann bei einem Klub am Abgrund.

Dabei hatte Ancelotti vor seiner Entlassung lediglich zwei Spiele verloren.

Heynckes legt den Finger in die Wunde

Wie sehr es beim FC Bayern dennoch rumorte, hat Heynckes innerhalb einer Woche analysiert und nun noch mal in aller Deutlichkeit dargelegt.

Klar ist, dass es ihn in keinster Weise darum ging, seinen Vorgänger herabzuwürdigen. Dafür ist Heynckes viel zu sehr Gentleman.

"Es geht nur um den FC Bayern", hatte er bei seiner Vorstellung erklärt. Er hat die Probleme seines Herzensklubs erkannt - und will sie mit aller Dinglichkeit und ohne Rücksicht auf etwaige Befindlichkeiten lösen.

Damit muss auch Schäferhund Cando leben.

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