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Thomas Müller auf der Bank: Warum er gerade nicht ins Team des FC Bayern passt

Warum Müller gerade nicht ins Bayern-Team passt

17/02/2017 um 09:37

Thomas Müller hat beim 5:1 des FC Bayern München gegen den FC Arsenal in der Champions League einen besonderen Moment, wird von allen Seiten gelobt - und gehört dennoch derzeit nicht zur ersten Wahl seines Trainers Carlo Ancelotti. Das hat systemische, taktische und personelle Gründe: denn an Thiago, Robert Lewandowski und Arjen Robben kommt Müller derzeit nicht vorbei.

Vom FC Bayern berichtet Florian Bogner

Als Thomas Müller am Mittwochabend beim Stand von 4:1 in der 86. Minute ins Spiel kam, besann sich die Südkurve einer ihrer Greatest Hits. “Müller vor, noch ein Tor”, skandierte der Fanblock der stimmungsbereiten Fans fernab der Scampi-Plätze rhythmisch, und ein Teil der anderen Zuschauer stimmte tatsächlich mit ein.

Zwei Minuten später hob es sie alle von den Sitzen. Denn Müller tat wie ihm geheißen, leitete sein erst fünftes Pflichtspieltor diese Saison selbst ein, in dem er den Ballverlust von Alex Oxlade-Chamberlain selbst provozierte. Der Angreifer hatte dann sogar noch die Ruhe, Oxlade-Chamberlain nach Zuspiel von Thiago auf den Hosenboden zu setzen und netzte schließlich trocken zum 5:1-Schlusspunkt ein. Mit links.

"Ich habe mich sehr für ihn gefreut. Das war wichtig für ihn", sagte Carlo Ancelotti einige Minuten später im Bauch der Allianz Arena zufrieden, machte Mut:

"Ich glaube, dass das für ihn der Durchbruch war. Wir können uns auf die nächsten Wochen freuen. Ich glaube, dass er noch sehr wichtig für uns sein wird."

Wenn er denn spielen darf, der Müller. Denn so schön sich der Abend für ihn am Ende noch entwickelte und so paradox es nach seinem Tor und der Ancelotti-Worte klingen mag: Eigentlich lieferte der Abend mehr Argumente dafür, dass Müller es auch künftig schwer haben wird, in Bayerns Top-Top-Top-Elf zu stehen.

Thiago sticht Müller aus

Lothar Matthäus benannte es im "Sky"-Studio schonungslos wie treffend:

"Seine Position ist besetzt. Wenn sich keiner verletzt, dann ist in diesem System von heute kein Platz für Thomas Müller. In wichtigen Spielen muss er daher wahrscheinlich weiter auf der Bank sitzen."

Besetzt durch Thiago, der gegen Arsenal eines seiner besten Spiele im Bayern-Trikot machte – nicht nur wegen seines ersten Champions-League-Doppelpack (56., 63.) und der Vorlage für Müller.

Thiago spielte trotz sehr offensiver Position die drittmeisten Pässe (90) und hatte nach Lahm und Vidal die drittbeste Passquote auf dem Platz (92 Prozent). Dazu brachte er überragende neun von zehn langen Bällen an den Mitspieler.

"Seine Leistung war einfach hervorragend, perfekt", lobte Carlo Ancelotti, der während Thiagos Ausfall zu Beginn des Jahres schon prophezeit hatte, dass es spielerisch besser werde, sobald der Spanier wieder mitwirbelt.

Matthäus, präziser zu Müller: "Es sind drei Positionen, die er spielen kann. Hinter Lewandowski oder neben Lewandowski, dann wäre Thiago weg. Vorne als Nummer neun, dann wäre Lewandowski weg. Oder auf der rechten Seite, dann wäre Robben weg. Aber über diese drei Spieler brauchen wir nicht zu diskutieren."

Zwei Sechser und ein echter Zehner

Kurz vor Mitternacht erklärte Philipp Lahm dann auch noch das systemische Problem mit Müller: "Es gibt zwei Optionen: entweder du spielst mit einer hängenden Spitze oder mit einem Mittelfeldspieler. Thiago ist ein Spieler, der den Ball lieber in den Fuß bekommt, um dann zu einem späteren Zeitpunkt in den Strafraum zu stoßen." Müller gehöre dagegen der Gattung Spieler an, "die auch mal tiefer gehen, eine höhere Präsenz im Sechzehner haben, dafür aber im Mittelfeld fehlen".

Der Unterschied zu den Vorjahren: Unter Pep Guardiola habe man "meist mit einem Sechser und davor zwei Achter gespielt", erklärte Lahm weiter, "da haben sich beide Achter zwischen den Linien bewegt. Jetzt sind daraus ein Sechser und ein Zehner geworden. Das ist der Unterschied."

Heißt fürs Bayern-Spiel: Spielt Müller, muss sich einer der Sechser mehr ins Offensivspiel einschalten, um den Raum als Anspielstation zu besetzen, den Müller mit seinen Sprints in die Spitze offen lässt. Diesem Sechser, meist ist das der taktisch ohnehin eher impulsgesteuerte Vidal, fehlen dann aber in der Rückwärtsbewegung entscheidende Meter, was Bayern konteranfälliger macht.

Positive Effekte aufs Bayern-Spiel

Gegen Mannschaften, die mit zwei engen Riegeln wie der FC Arsenal agiert, gleichzeitig aber ein starkes Umschaltspiel haben, ist die Variante mit Thiago also kompakter. Zumal sich der Spanier, wenn in Top-Form, offensiv vorbildlich zwischen eben diesen Reihen anspielen lässt, dort immer noch Ball und Gegner kontrollieren kann, kaum Ballverluste produziert.

Und es hat noch einen weiteren positiven Effekt aufs Bayern-Spiel.

"Thiagos Positionsspiel ist sehr wichtig für uns, weil er uns durch seine Gegner-Bindung mehr Räume auf den Flügeln gibt", analysierte Carlo Ancelotti. Zumal Thiago diese immer wieder gekonnt einzusetzen weiß.

Thiago vom FC Bayern bejubelt ein Tor gegen den FC Arsenal

Thiago vom FC Bayern bejubelt ein Tor gegen den FC ArsenalImago

"Wir brauchen ihn für seine Kreativität, zwischen den Linien, für seine Pässe", sagte Robben, der ein bisschen hin und her gerissen wirkte. Der Niederländer sagte nämlich auch:

"Thomas ist ein sehr, sehr wichtiger Spieler für uns. Auch wenn er nicht trifft, habe ich ihn gerne auf dem Platz. Was ich mit Philipp Lahm habe, habe ich auch mit Thomas. Ich spiele sehr, sehr gerne mit ihm zusammen."

Zuspruch allenthalben. Philipp Lahm sagte:

"Ich glaube, dass Thomas Müller in jeder Mannschaft einen Platz hat. Er geht immer voran. Es ist unglaublich, wie er arbeitet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er wieder zu seiner 100-prozentigen Form findet. Das Tor heute war auch für ihn persönlich wichtig."

Und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge lobte ebenfalls:

"Thomas kommt langsam wieder in eine gute Verfassung. Thomas ist Thomas, er hat eine riesige Bedeutung für uns. Bei ihm haben wir immer Geduld."

Fakt ist aber auch: Wäre morgen das Champions-League-Finale – Müller würde nicht in der Startelf des FC Bayern stehen.

Sagen wollte er am Mittwochabend übrigens nichts.

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