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Taktik-Analyse Real Madrid - BVB: System mit Zukunft für den BVB - aber ein Puzzleteil fehlt

Taktik-Analyse Real - BVB: Bosz' Plan B fehlt ein entscheidendes Puzzleteil

07/12/2017 um 13:12

Mit einer weiteren 2:3-Niederlage aber einer ordentlichen Leistung gegen Real Madrid hat sich Borussia Dortmund aus der Champions League verabschiedet. Dabei vertraute Peter Bosz erneut auf seinen "Plan B". Eurosport.de analysiert im Taktik-Check, warum das System Zukunft hat - und was dem BVB derzeit noch fehlt.

"Wir haben schlecht angefangen. Aber nachher haben wir eine Mannschaft gesehen, die Fußball gespielt und zusammengearbeitet hat." Peter Bosz fasste die Leistung seiner Mannschaft nach dem Spiel bei Real Madrid bei "Sky" kurz und knapp zusammen.

Erneut hatte der Niederländer sein Team in seinem "neuen" System ins Spiel geschickt. Eine Dreierkette wurde gegen den Ball von Marc Bartra rechts und Raphael Guerreiro links zu einer Fünferkette komplettiert. Im Mittelfeld wurde die Doppelsechs von den beiden Flügelstürmern unterstützt.

Tiefere Grundordnung liegt den Spielern besser

Diese Grundordnung nutzten die Dortmunder schon in der ersten Halbzeit gegen den FC Schalke 04 sowie im letzten Ligaspiel gegen Leverkusen. Nachdem die Mannschaft in den vergangenen Monaten immer wieder von langen Bällen hinter die hohe Abwehrreihe überrumpelt worden war, verteidigt man im 5-4-1 nun deutlich tiefer.

Allerdings war der BVB in der Anfangsphase zu tief und passiv. "Wir hatten abgesprochen, dass wir sehr kompakt spielen möchten und nicht so hoch stehen wie normal - aber wenn man nicht so hoch steht, muss man sehr aggressiv sein", erklärte Bosz den schnellen 0:2-Rückstand. Nach dem Doppelschlag der Madrilenen ließ sich Dortmund jedoch nicht hängen und zeigte jene geforderte Kompaktheit und Aggressivität.

Mit drei Innenverteidigern und zwei Sechsern davor ist die Mitte besser gesichert, der Gegner wird frühzeitig auf die Flügel gelenkt. Dort kann Dortmund nun mit dem äußeren Spieler der Fünferkette, dessen Vordermann sowie einem Sechser und bei Bedarf sogar einem Innenverteidiger Überzahl herstellen. Hin und wieder konnten sich die Real-Stars dank ihrer individuellen Klasse aus diesen Situationen lösen, in der Bundesliga dürfte dies aber kaum einem Spieler gelingen.

Der BVB ist aus der Champions League ausgeschieden

Der BVB ist aus der Champions League ausgeschiedenSID

Neue Struktur im Ballbesitz

Das neue System bringt auch eine andere Struktur in Ballbesitz mit sich. Zu Saisonbeginn war die Raumaufteilung im klassischen 4-3-3 sehr auf das Flügelspiel ausgerichtet, sowohl Außenverteidiger als auch Außenstürmer agierten sehr nah an den Seitenlinien. Aus dem 5-4-1 wird nun in Ballbesitz ein 3-4-2-1 - die Außenbahnen sind nominell also nur einfach besetzt.

Die Flügelstürmer positionieren sich weiter im Zentrum und starten erst im Verlauf der Angriffe situativ auf die Außenbahnen. Besonders Christian Pulisic liegt diese Rolle. Das US-Talent hat ein sehr gutes Timing beim Anbieten im Rücken der gegnerischen Sechser und weiß genau, wann er in die Tiefe gehen muss - trotz Aubameyangs Doppelpack war Pulisic in Madrid der auffälligste Offensivspieler der Dortmunder.

Bessere Absicherung im Spielaufbau

Ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Faktor des neuen Systems ist die Absicherung im Spielaufbau: Die erste Linie wird nun von drei statt zwei Spielern gebildet. Die Innenverteidiger haben also noch eine zusätzliche Absicherung und wirken im Passspiel nun deutlich sicherer. Besonders Marcel Schmelzer als linker Innenverteidiger konnte immer wieder mit Ball am Fuß ins Mittelfeld anschieben, Neven Subotic und Sokratis rückten derweil ein und sicherten so ab.

Dieser Mechanismus kann in der Liga gegen die tiefstehenden Gegner wichtig werden - schließlich ergibt sich durch den andribbelnden Spieler eine andere Dynamik, die für einen kurzen Moment für Unordnung in der gegnerischen Defensivstruktur sorgen kann.

Video - Bosz witzelt: Aubameyang verdient den Ballon d'Or

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Ein Puzzleteil fehlt - Baustelle rechte Seite

Damit das 5-4-1/3-4-2-1 den BVB so richtig gut funktioniert, fehlt aktuell jedoch ein Puzzleteil: Auf der rechten Seite hat man derzeit keinen Spieler, der der Fünferkette in der Defensive Stabilität verleiht und gleichzeitig Impulse in den Offensivphasen setzen kann.

Bartra ist als gelernter Innenverteidiger eine klare Notlösung - defensiv solide, offensiv aber eher ein Aufbauspieler statt Flügelläufer. Lukasz Piszczek wird schmerzlich vermisst, der Pole wäre die Idealbesetzung für diese Rolle. Für ihn ist 2017 wohl kein Einsatz mehr möglich. Erik Durm, der unter Thomas Tuchel schon eine ähnliche Position bekleidete, fehlt ebenso verletzungsbedingt.

Dementsprechend bleiben Bosz nur wenige Alternativen. Gonzalo Castro und Sebastian Rode, die beide mit ihrer Dynamik und Erfahrung als Rechtsverteidiger in Frage kämen, sind auch verletzt. Statt des defensiven Bartras kann allenfalls der sehr sehr offensive Pulisic in diese Rolle schlüpfen, die Vor- und Nachteile dieser Besetzung wurden im verrückten Spiel gegen Schalke deutlich.

Eurosport-Check: Grundsätzlich scheint sich der BVB im neuen System wohler zu fühlen. Das Zentrum ist stärker besetzt, die Wege zum Doppeln sind kürzer. Dennoch muss die Mannschaft, die über Jahre nach vorne verteidigt hat, erst einmal wieder die Abläufe in einer tieferen Grundordnung verinnerlichen. Die Baustelle auf der rechten Seite lässt sich aktuell nur mit zwei sehr radikalen Notlösungen auffangen. Gegen stärkere Gegner dürfte Bartra weiterhin als defensive Variante gefragt sein, gegen tiefstehende Mannschaften sollte Pulisic den Vorzug erhalten. Hat sich die Personalsituation erst einmal wieder etwas entspannt, könnte das 5-4-1/3-4-2-1 die Idealformation für den BVB werden.

Video - Bosz nach Real-Pleite: "Sind zu Recht ausgeschieden"

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