Imago

Taktik-Check Borussia Mönchengladbach: Dieter Hecking macht den Lucien Favre

Taktik-Check Gladbach: Das macht Hecking anders

16/03/2017 um 20:47

Abgesehen von der Niederlage beim heimstarken HSV hat sich Borussia Mönchengladbach nach dem Trainerwechsel von André Schubert zu Dieter Hecking stabilisiert. Eurosport.de analysiert im Taktik-Check vor dem Europa-League-Rückspiel gegen den FC Schalke, welche Maßnahmen Hecking ergriffen hat, um die "Fohlen" wieder auf Kurs zu bringen.

Dreierkette, Manndeckungen, Angriffspressing, Spiel auf zweite Bälle: Das Gladbacher Spiel unter André Schubert war variabel, letztlich konnte der Fußballlehrer seine Ideen mit den vorhandenen Spielertypen nicht richtig umsetzen.

Unter Dieter Hecking sind die Gladbacher gewissermaßen ein Stück in die Vergangenheit gereist und orientieren sich in vielen Aspekten am Spielstil, den man in der erfolgreichen Zeit unter Lucien Favre praktiziert hatte.

Der "passive Druck"

Im 4-4-2 empfängt Gladbach seine Gegner im Mittelfeldpressing. Die vorderste Reihe steht dabei eher tief und macht nur selten richtig Druck auf den Ballführenden. Vielmehr sollen die Spitzen die Passwege auf die gegnerischen Sechser zustellen und sich nicht aus der Position ziehen lassen.

Das Spiel gegen den Ball ist nicht mehr mann-, sondern klar raumorientiert angelegt. Heißt: Der Gegner soll aus den torkritischen Zonen herausgelenkt werden. Durch diszipliniertes Verschieben erzeugt Gladbach dabei auf passive Art und Weise Druck.

Borussia Mönchengladbach

Borussia MönchengladbachSID

Der Gegner wird nur selten richtig attackiert und in direkte Zweikämpfe verwickelt, sondern frühzeitig im Verbund gestellt. So entsteht Handlungsdruck beim Ballführenden, da er durch die kurzen Abstände der ballnahen verteidigenden Spieler keine Anspielstationen in unmittelbarer Nähe hat. Die Folge sind oftmals Rückpässe, Gladbach schiebt dann wieder gewissenhaft im Verbund nach.

Gegner, die über ihre individuelle Klasse kommen wie der FC Schalke mit (Tempo-)Dribblern à la Meyer, Choupo-Moting, Schöpf oder Caligiuri können so stabiler im Verbund verteidigt werden. Bei einer mannorientierten Verteidigungsstrategie wie zuvor unter Schubert verliert das Defensivkonstrukt hingegen bei einem verlorenen Zweikampf sofort die Stabilität, da der Gegner schnell Überzahlsituationen generieren kann.

Zwei falsche Neuner

In Ballbesitz zeichnet sich Gladbach - ebensfalls ähnlich wie unter Favre - durch ein ruhiges Aufbauspiel aus. Schon bei Abstößen positionieren sich die Innenverteidiger auf der Torauslinie, um das Spielfeld so groß wie möglich zu halten. Lange Bälle sind die Ausnahme, das Spiel soll kontrolliert von ganz hinten aufgebaut werden.

Die Sechser kommen sehr weit entgegen und holen sich die Bälle ab, Dahoud und Kramer harmonieren hier in puncto Timing und Raumaufteilung hervorragend. Viele Mannschaften haben im 4-4-2 das Problem, den Zehnerraum zu besetzen und so (Pass-)Verbindungen über die ganze vertikale Achse zu schaffen.

Gladbach löst dieses Problem mit zwei ungewöhnlichen Stürmertypen. Stindl und Raffael sind beides spielstarke Akteure, die sich im Raum des offensiven Mittelfelds am wohlsten fühlen. Sie agieren zwischen den Linien des Gegners und wollen sich im Rücken von deren Sechsern anspielbar machen. Für die gegnerische Abwehrkette ist dies unangenehm zu verteidigen, da sich die Innenverteidiger immer wieder neu entscheiden müssen: Die Position verlassen und Stindl/Raffael zustellen oder aber in der Kette bleiben und dafür eine Unterzahl im Mittelfeld in Kauf zu nehmen?

Abgerundet wird diese Spielweise vom Verhalten der Flügelspieler. Ob Hermann, Johnson, Hofmann oder Hahn: Die offensiven Außenbahnspieler versuchen aus einer sehr breiten Position mit Diagonalläufen in die Spitze hinter die letzte Linie zu kommen. Hier können sie per Schnittstellenpass oder einem Ball hinter die Kette bedient werden und ihr Tempo ausspielen. Dies bietet sich besonders dann an, wenn ein gegnerischer Innenverteidiger aus der Kette herausschießt, um Raffael oder Stindl zu folgen.

Eurosport-Check: Dieter Hecking hat Gladbach stabilisiert - und zwar auf eine gleichermaßen simple wie sinnvolle Maßnahme: Der Kern der Mannschaft ist mit dem Favre-Stil groß geworden im Profifußball, zudem passen die Spielertypen hervorragend zu dieser Herangehensweise. Hecking kann nun nach und nach seine eigenen Ideen zur gruppen- und individualtaktischen Herangehensweise einbringen - die Basis dafür ist längst geschaffen.

Video - Hecking-Vorstellung in Gladbach: "Möchte eine erfolgreiche Zukunft gestalten"

01:42
0
0