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Taktik-Check Deutschland: Joachim Löw und die Qual der Wahl im Zentrum

Taktik-Check: Löw und die Qual der Wahl im Zentrum des deutschen Spiels

14/11/2017 um 15:54Aktualisiert 14/11/2017 um 15:56

Luxusprobleme oder Überangebot? Im zentralen Mittelfeld hat Bundestrainer Joachim Löw schier unendliche Kombinationsmöglichkeiten. Gibt es eine Ideallösung? Vor dem nächsten hochkarätigen Test gegen Frankreich (Dienstag ab 20:45 Uhr im Liveticker) blickt Eurosport.de auf die verschiedenen Spielertypen und wie sie in die jeweiligen Systeme passen.

Gegen England sahen die Fans zum ersten Mal Ilkay Gündogan gemeinsam mit Mesut Özil auf der Doppelsechs - eine gewöhnungsbedürftige Kombination, die überraschend gut funktionierte.

Die Dreifachchance in der ersten Halbzeit stand sinnbildlich für das Zusammenspiel der beiden Kreativspieler: Gündogan zeigte sich vor der Abwehrkette und hatte das Spiel vor sich, Özil schlich sich währenddessen hinter die attackierenden englischen Spieler, wo er dann von Gündogan angespielt wurde.

Mit einem typischen Özil-Pass wurde Timo Werner auf die Reise geschickt, der ebenso wie seine beiden Sturmpartner Leroy Sané und Julian Draxler innerhalb kürzester Zeit aus der Nahdistanz vergab.

Sechser + Doppelacht: Dynamik gegen starke Gegner

Gegen Frankreich wird Löw wohl erneut experimentieren, Sami Khedira dürfte zum Einsatz kommen. Gegen die sehr athletischen Franzosen wäre eine Doppelacht aus Khedira und Emre Can interessant gewesen, da dies die dynamischste Variante der DFB-Elf wäre. Can und Khedira könnten als "Box-to-Box-Spieler" zwischen den Strafräumen agieren. Vorteil dieser Variante wäre die athletische Komponente, die gerade gegen starke Gegner wichtig sein kann: Durch viele Ballbesitzwechsel entstehen folglich viele Umschaltsituationen in beide Richtungen, hier haben Khedira und Can ihre großen Stärken.

Allerdings hat Löw bereits angekündigt, dass er neben Khedira auf Toni Kroos baut - als Doppel-Sechs. Kroos als Fixpunkt im Zentrum Das ist in Kombination mit den spielstarken Innenverteidigern ein Fokus auf einen geordneten Spielaufbau.

Kroos sagte auf der Pressekonferenz über das Angebot an Sechsern:

"Die Liste auf der Position ist lang, wir sind gerade dort sehr gut besetzt. Mit Sami Khedira hat es in der Vergangenheit immer super geklappt. Aber auch mit Ilkay Gündogan oder Sebastien Rudy, die noch mehr über das Spielerische kommen, würde es sicher gut funktionieren."

Sechs, Acht, Zehn: Der Klassiker

Egal ob im 4-2-3-1, 4-3-3 oder auf 3-5-2: Viele Trainer vertrauen in Systemen mit drei zentralen Mittelfeldspielern auf die Aufteilung in einen Sechser, einen Achter und einen Zehner. Im DFB-Team würde diese Aufteilung klar für die erfahrenen Kroos, Khedira und Özil sprechen. Kroos als Metronom vor der Abwehr, Khedira als Unterstützer in alle Himmelsrichtungen und Özil als kreativer Schleicher zwischen den Linien.

Vorteil dieser Variante ist neben der Erfahrung in eben jener Konstellation die Ausgewogenheit: Kroos, Khedira und Özil können ihre Stärken in diesen Rollen am besten ausspielen, ihre Schwächen fallen kaum ins Gewicht - Kroos muss keine langen Wege in hohem Tempo laufen, Khedira keinen Spielaufbau organisieren und Özil keine Bälle ins letzte Drittel schleppen. Was zusätzlich für ein System mit Sechser, Achter und Zehner spricht, ist die personelle Lage hinter den drei Weltmeistern.

Perspektivisch ist Rudy ein starker Ersatz für die klare Sechs, Gündogan, Can und Goretzka für die Acht, Götze, Draxler und wiederum Goretzka für die Zehn.

Plan B: Zwei + x Zentrumsspieler

Eine Alternative zu den Varianten der Doppel-Acht vor einem Sechser und der eingespielten Aufteilung in Sechs, Acht und Zehn ist ein ähnliches System wie gegen England. Hier spielten nominell nur zwei Spieler im Zentrum - die Doppelsechs Gündogan-Özil. Dies wäre sowohl im 4-4-2 als auch im 3-4-3 der Fall.

Hier könnte neben dem gesetzten Kroos ein weiträumig agierender Spieler wie Khedira oder Goretzka agieren, gegen schwächere Gegner auch ein Zehnertyp wie Özil oder Götze. In Löws Spielphilosophie sind unabhängig vom System jedoch immer mehr als zwei Spieler im Zentrum. Egal ob 3-4-3, 4-3-3, 4-2-3-1 usw. - die Außenbahnen werden in der Nationalmannschaft jeweils nur einfach besetzt. Meist fällt diese Aufgabe den Außenverteidigern zu, die sehr breit und hoch stehen.

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Zusätzlich zu den nominellen zentralen Spielern rücken dann Außenstürmer, hängende Spitzen oder sogar Innenverteidiger aus der Dreierkette ins zentrale Mittelfeld. Özil spielte schon oft als verkappter Zehner von der Links- oder Rechtsaußenposition, ebenso Julian Draxler.

Eurosport-Check:

Kroos, Khedira, Gündogan, Can, Rudy, Goretzka, Özil, Götze, Draxler. Was im ersten Moment nach Überangebot aussieht, ist in der Praxis ein notwendiges Repertoire an Spezialisten, mit denen Löw auf die verschiedensten Situationen reagieren kann. Die Partie gegen Frankreich wird also ein erneutes interessantes Testszenario für den wohl wichtigsten Mannschaftsteil bei Weltmeister Deutschland.

Und Löw weiß genau, welche Spieler er benötigt.

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