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Taktik-Check: Jürgen-Klopp-Fußball 2.0 beim FC Liverpool in der neuen Premier-League-Saison?

Taktik-Check: Firmino als Schlüssel für Klopps Pressingmaschine

12/08/2017 um 10:14

Der Premier-League-Auftakt gegen den FC Watford (heute 15:30 Uhr im Liveticker) bedeutet für Jürgen Klopp den Start in seine dritte Saison als Trainer des FC Liverpool. In der vergangenen Spielzeit agierten die "Reds" gegen die vermeintlich schwachen Gegner nicht konstant genug, um ernsthaft um die vordersten Plätze mitzuspielen. Ob sich dies nun ändert? Eurosport.de macht den Taktik-Check.

Jürgen Klopps Arbeit der letzten zwei Jahre hat Liverpool zu einer ähnlichen Pressingmaschine gemacht wie den BVB in der ersten Hälfte des laufenden Jahrzehnts.



FC Liverpool: Variable Pressingmaschine

Baut der Gegner das Spiel kontrolliert auf, hat Liverpool gleich mehrere Lösungen parat. Neben einem sehr aggressiven Angriffspressing, bei dem die Abwehrkette bis auf die Mittellinie hochschiebt und der Gegner vorne in höchstem Tempo verfolgt wird, hat Klopps Team auch ein ausgefeiltes Mittelfeldpressing im Repertoire.

Hierbei positionieren sie sich im 4-5-1, die offensiven Flügelspieler agieren also vorerst sehr defensiv. Spielt der Gegner auf die Außenbahn, stellt Liverpool dort sofort Überzahl her, indem der Außenverteidiger, der offensive Flügelspieler und der ballnahe Achter als eng gestaffeltes Dreieck in Richtung des Ballführenden schieben.

Ein direkter Ballgewinn scheint in dieser Zone jedoch nicht oberste Priorität zu haben. Die Spieler stellen den Gegner, sodass dieser die Unterzahlsituation erkennt und wieder ins Zentrum spielt. Dies ist für Liverpool der Pressingauslöser: Die Flügelspieler rücken nach innen und versperren die Wege auf die Außenbahnen, während die drei zweikampfstarken zentralen Mittelfeldspieler um Emre Can attackieren.

Flügel profitieren von Firminos "neuer Qualität"

Nach Ballgewinn geht es dann unheimlich schnell: Die beiden Flügelspieler suchen sofort die Wege in die Tiefe. Dabei ist es nahezu egal, wen Klopp auf diesen Positionen aufbietet - Sadio Mané, Neuzugang Mohamed Salah, Philippe Coutinho oder Youngster wie Sheyi Ojo bringen enorm viel Tempo mit.

Ein wichtiger Faktor im Umschaltspiel ist auch Roberto Firmino, der als Mittelstürmer eine neue Qualität entwickelt hat. Der ehemalige Hoffenheimer kam zu früheren Zeiten eher schmal und leichtfüßig daher, mittlerweile hat er jedoch deutlich an Muskelmasse zugelegt und setzt diese auch ein.

Roberto Firmino

Roberto FirminoGetty Images

Mit dem Rücken zum Gegner macht er Bälle fest, sein tiefer Körperschwerpunkt und seine Beweglichkeit erlauben ihm schnelle Drehungen. So kann er sich immer wieder drehen und die in die Tiefe startenden Flügelflitzer bedienen - und sich im Anschluss wieder selbst mit einschalten.

Diese Qualität wird Firmino im Ligaalltag nicht nur bei Kontern, sondern auch gegen all die schwächeren, tiefstehenden Gegner einbringen müssen. In der Vergangenheit hatte Liverpool Probleme, solche Teams zu knacken.

Gegenpressing als Spielmacher gegen kleinere Teams?

Der Grund dafür: Sie konnten ihr gefürchtetes Pressing gar nicht aufziehen, da der Gegner schlichtweg nicht hinten rausspielte. Frühzeitige lange Bälle waren gegen Klopps Mannschaft ein ebenso beliebtes wie bewährtes Mittel. So konnten die "Reds" keine hohen Ballgewinne verzeichnen und den Gegner ungeordnet erwischen.

Im zentralen Mittelfeld fehlte ein strategisch guter Spieler mit herausragenden Fähigkeiten im Passspiel. Jordan Henderson, Emre Can und Co. sind eher athletisch geprägte Spieler, Coutinho fühlt sich im letzten Drittel wohler und ist für die vorletzten bzw. letzten Aktionen zuständig. Dass Stand jetzt noch immer kein Akteur "Typ Spielmacher" verpflichtet worden ist, kann am Markt liegen. Für Liverpool gibt es aktuell wohl nicht die geforderte Qualität für einen akkuraten Preis.

Die zweite mögliche Erklärung könnte taktischer Natur sein. Vielleicht will Klopp das Spiel seiner Mannschaft gar nicht abändern, sondern im besten Sinne radikalisieren. Getreu seinem bekannten Spruch aus BVB-Zeiten "Gegenpressing ist der beste Spielmacher" könnte er den Fokus klar auf die Ballrückeroberung in Tornähe legen.

Die Gegner können dem normalen Pressing durch frühe lange Bälle aus dem Weg gehen, doch nach Ballverlusten Liverpools sind die Situationen unübersichtlicher und spielen sich auf deutlich engerem Raum ab. Es ist also gut vorstellbar, dass Liverpool gegen tiefstehende Gegner bewusst in die zugestellten Räume im Zentrum hineinspielt, um dort entweder durch individuelle Qualität oder aber eben durch den Kampf um zweite Bälle in vielversprechende Situationen zu kommen.

Eurosport-Check: In den ersten fünf Wochen der Saison warten mit der TSG Hoffenheim in der CL-Qualifikation sowie dem FC Arsenal und Manchester City spielstarke Gegner, gegen die Liverpool das Pressing in den Vordergrund stellen kann. Die Abläufe sitzen und sind vom Team mittlerweile total verinnerlicht worden.

Interessanter wird es zwischen den Topspielen, denn dort warten mit Watford und Crystal Palace individuell klar unterlegene Gegner. Diese werden Liverpool anders begegnen und das Spiel womöglich erst gar nicht aufbauen. Und genau in diesen Spielen wird sich zeigen, ob die "Reds" doch noch einen Spielmacher brauchen oder ob es reicht, den eigenen Stil noch extremer auszulegen – Klopp-Fußball 2.0 also.


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