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Leichtathletik-WM in London: Startschuss in die Ära nach Bolt: Zeiten? Weltrekorde? Uninteressant!

Startschuss in die Ära nach Bolt: Zeiten? Weltrekorde? Uninteressant!

15/08/2017 um 12:01Aktualisiert 15/08/2017 um 12:38

Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich hat die Weltmeisterschaften 2017 in London begleitet und über zehn tolle Wettkampftage hinweg festgestellt: Es ist eine neue Zeitrechnung in der Leichtathletik angebrochen. Der Abschied von Superstar Usain Bolt verändert vieles - und es gibt überraschenderweise allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

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Es war in den vergangenen Jahren immer relativ einfach, auf den kurzen Strecken in der Leichtathletik die Sieger zu erkennen. Sie trugen helle, gelbe Trikots, mal mit mehr, mal mit weniger schwarzen Applikationen durchsetzt. Schick und leuchtend. Jamaika. Immer vorne weg.

London 2017 brachte eine Zäsur. Nichts ist mehr so, wie es war und es wird auch nie mehr so sein. Einhergehend mit dem Karriereende der Lichtgestalt Usain Bolt bricht seine ganze Generation weg und Nachwuchs in breiter Front ist kaum in Sicht. Nur der Hürdenläufer Omar McLeod hält die jamaikanische Fahne noch hoch. Die Leichtathletik, das haben die Weltmeisterschaften in London gezeigt, ist im Wandel begriffen. Und das wird ihr gut tun.

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Usain Bolt war mehr als ein Jahrzehnt die große Zugnummer. Kam er ins Stadion, schienen alle anderen Sportler in der Versenkung zu verschwinden. Das war durchaus gewollt, denn der (bislang) schnellste Sprinter der Welt sorgte für volle Kassen, Schlagzeilen und Quoten.

Lord Sebastian Coe, der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), sah bereits die Götterdämmerung nahen und rief flugs Wayde van Niekerk, den Weltrekordler über 400m, zum Bolt-Nachfolger und neuen Superstar aus. Aber auch der Brite unterlag - wie so viele andere - der Fehleinschätzung, dass seine Sportart unbedingt eine Speerspitze benötigt, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Die Leichtathletik besinnt sich auf ihre Stärken

Vorbei. Die WM in London brachte die Stärken der Leichtathletik in einem Maße zum Vorschein, wie das in den von Bolt geprägten Zeiten nie für möglich gehalten wurde. Die Vielfalt ist zum großen Schlager geworden. Der Wettkampf als solches hat elektrisiert und die Menschen begeistert. Zu verdanken war dies vor allem dem sachkundigen und dem Sport so aufgeschlossenen Publikum im Stadion. Die Engländer können für sich künftig in Anspruch nehmen, dafür gesorgt zu haben, dass der Leichtathletik neue Impulse eingehaucht wurden.

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Zurück zu den Wurzeln. "Back to the roots",wie das so schön heißt auf englisch. Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. So wie die Briten das lieben. Zeiten? Weltrekorde? Uninteressant. Ich kann mich an keine Weltmeisterschaft erinnern - und London war meine vierzehnte als Kommentator - in der Rekorde so permanent vernachlässigt werden konnten wie diesmal. Plötzlich war sogar der Kampf um den dritten Platz genauso spannend wie jener um den Sieg.

Werfer und Springer wurden nicht mehr so benachteiligt wie früher. Noch immer sind sie zu wenig präsent. Auch in den Fernsehübertragungen. Aber es ist Besserung in Sicht und damit einhergehend die Einsicht, dass die Leichtathletik eben nicht nur aus Laufen besteht. Und nie sprachen wir über die Siegprämien. Die neue Generation vermittelte uns allen tatsächlich das Gefühl, dass sie das Dollarzeichen gar nicht kennt. Dass es ihr in erster Linie wirklich um den Sport geht, um die möglichst maximale Leistung, für die man vorher so hart trainiert hat. Das ist eine elementare und höchst angenehme Erkenntnis dieser WM.

Europäer nehmen den Kampf gegen Afrika auf

Und zudem ist es so, dass wir diese Gefühlswelt wohl noch längere Zeit genießen können, denn es sind viele Athletinnen und Athleten dabei, die zum Teil noch ein ganzes Jahrzehnt ihren Sport ausüben können. Einige gewannen erst kürzlich Titel bei den U23-Europameisterschaften und in London schon ihre ersten großen Medaillen.

Die jungen Wilden aus Europa kuschen nicht mehr vor der schieren Übermacht ostafrikanischer Langstreckenläufer oder karibischer Sprinter. Sie halten dagegen und machen all denen Mut, die diesen Kampf längst aufgegeben hatten. Die Weltmeisterschaften in London waren eine Zeitenwende für die Leichtathletik. Den Europameisterschaften in Berlin im nächsten Jahr wird das zusätzliche Impulse verleihen.

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