Nach zwei Schumacher-Siegen zum Saison-Auftakt hoffte ich als achtjähriger, enthusiastischer Formel-1-Fan darauf, dass mein deutscher Lieblingsfahrer dem großen Kontrahenten Ayrton Senna aus Brasilien - für mich damals nicht wirklich der beste Fahrer aller Zeiten - auch beim Großen Preis von San Marino die Grenzen aufzeigen würde. Ich wollte den Kerpener siegen sehen, sonst war mir alles egal.
Doch dann kam die siebte Runde. Als Senna in der Tamburello-Kurve plötzlich geradeaus fuhr und in die Mauer prallte war gar nichts mehr egal. Mit über 200 Stundenkilometern schlug der blau-weiße Williams-Renault des dreifachen Formel-1-Weltmeisters in die Betonmauer ein. Das konnte nicht gut gegangen sein, befanden die Älteren im Raum nach einigen Minuten geschockt - der Jüngste hingegen sagte kaum etwas, er weinte.
Der Größte, der Allergrößte
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Die Welt hatte einen ihrer bedeutendsten Sportler verloren. Ganz Brasilien trauerte drei Tage später bei einer Bestattungs-Zeremonie, der in meiner Erinnerung weltweit lediglich die für Prinzessin Diana oder Michael Jackson nahe kamen, um den größten Hoffnungsträger der gesamten Nation. Und ich? Ich hatte keine Chance mehr, mich durch einen lebenden Senna auf der Rennstrecke davon überzeugen zu lassen, dass der gelbe Helm mit dem grünen und dem dunkelblauen Streifen dem Größten gehörte, dem Allergrößten. Heute weiß ich es trotzdem.
Erzählungen, Formel-1-Magazine, alte VHS-Kassetten und abendfüllende YouTube-Recherchen haben mich aufgeklärt. Doch was der britische Filmemacher Asif Kapadia in den vergangenen Jahren in mühevoller Kleinstarbeit zusammengestellt und dieser Tage in die Kinos gebracht hat, das übertrifft alles. Sein Film mit dem schlichten Titel "Senna" ist das, was man als perfekte Dokumentation bezeichnen sollte.
Alles echt, nichts gespielt
Kapadia verzichtet in seinem chronologisch aufbereiteten Meisterwerk völlig auf künstlich nachgestellte Szenen oder in Studios sitzende Experten, die vor einem schwarzen Vorhang über das Leben des brasilianischen Nationalhelden referieren. Alles was der Kinobesucher zu sehen bekommt, sind Originalszenen aus dem Fernsehen oder entstammt privaten Videoarchiven der Familie Senna sowie anderer Weggefährten.
Zwar wird so auch die Privatperson vorgestellt, im Mittelpunkt steht jedoch der Rennfahrer Senna. Es geht in erster Linie um das, was Fans an ihm liebten: seine Art Rennen zu fahren und den Motorsport zu leben, ja, ihn zu prägen. Sennas heldenhafte Auftritte in Monaco oder bei seinem ersten Heimsieg unter großen Schmerzen in Interlagos, die großen Duelle mit Intimfeind Alain Prost und auch seine Auseinandersetzungen mit der Sportpolitik rund um den damaligen FISA-Chef Jean-Marie Balestre zeichnen ein Bild von einem großen Sportler.
Objektivität braucht es hier nicht
Kapadia ermöglicht eine Zeitreise um rund 20 Jahre, indem er durch seine Bild- und Stimmenwahl eine unvergleichliche Authentizität erzeugt. Vor dem tragischen Hintergrund des frühen Todes gehen einige Zitate aus dem Leben des sehr gläubigen Rennfahrers und seiner Wegbegleiter besonders unter die Haut. So wünscht ihm seine damalige Lebensgefährtin, der brasilianische TV-Star Xuxa Meneghel, am Silvesterabend 1988 küssenderweise ein schönes Jahr 1989, 1990, 1991, 1992 und 1993 - dann hört sie auf zu küssen. Doch auch zum Schmunzeln bleibt an anderen Stellen Zeit.
Selbstredend wird die Szenerie meist aus Sennas Blickwinkel belichtet, was dafür sorgt, dass Prost und Balestre eher negativ dargestellt werden. Spätestens nach zwei Minuten, wenn Sennas Mutter sich wünscht, Gott möge ihren Sohn "immer beschützen - vor jeder Gefahr, der er ausgesetzt ist", spielt Objektivität aber ohnehin keine Rolle mehr. Jeder, der sich mit Senna und dessen Sport irgendwie verbunden fühlt, wird spätestens zu diesem Zeitpunkt wieder in seinen Bann gezogen. Und er braucht sich auch nicht zu schämen, wenn die eine oder andere Szene seine Augen noch einmal feucht werden lässt. Denn da ist er nicht der Einzige...
Felix Mattis
PS: Übrigens, versuchen Sie, die englische Originalfassung zu sehen. Die tatsächlichen Stimmen der Protagonisten verleihen dem Film erst die richtige Tiefe. Die deutsche Synchronisation macht inhaltlich zwar wenig falsch, raubt aber die so wichtige Intimität.
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