Die Schadenfreude in digitalen Netzwerken, die man in formvollendetem Zynismus auch gerne als "sozial" bezeichnet, war schon nach dem 0:3 in Barcelona unüberhörbar. Nach dem 3:2 in München ist sie grenzenlos.
Diese abgrundtiefe Abneigung gegenüber den Münchnern ist immer wieder bemerkenswert und gleichsam beängstigend, da sie sich nicht mit sportlicher Antipathie begnügt, sondern von echtem Hass getrieben wird.
Auch wenn Fairness im modernen Sport längst keine Tugend mehr ist, sollte man sich doch hin und wieder an ihr orientieren.
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Mit Kampf und Moral gegen das Verletzungspech
Und so muss man am Tag nach dem Aus in der Champions League definitiv kein Fan des FC Bayern sein, um dem FC Bayern das entgegenzubringen, was sich dieses Team verdient hat: Respekt statt Schadenfreude.
Man darf einem zum katalanischen Megalativ neigenden Pep Guardiola widersprechen, wenn er von einer "Supersaison" spricht. Aber man sollte dabei auch anerkennen, dass sich diese Bayern unter superunglücklichen Umständen mit einer Supermoral eine sehr gute Saison erkämpft haben.
Sie wurden auf beeindruckende Art und Weise Deutscher Meister und rutschten erst im Pokalhalbfinale gegen einen würdigen Finalisten aus Dortmund aus.
Und auch mit einer vierten Halbfinalteilnahme in Folge in der Champions League konnte zuletzt bis auf Real Madrid kein Team von Manchester über London bis Paris, Mailand oder Rom mithalten – selbst keines aus Barcelona.
Hätte es Barca überhaupt bis ins Halbfinale geschafft?
Natürlich hatten sich die Bayern den Gewinn der Champions League als Ziel gesetzt. Doch diese Zielsetzung entspringt keiner größenwahnsinnigen Obsession, sie ist eine Selbstverständlichkeit. Daraus die Selbstverständlichkeit abzuleiten, dass dieses Ziel dann auch planmäßig erreicht werden muss, das ist größenwahnsinnig.
Es mag die typisch deutsche Nörgelattitüde spiegeln, dass die größte Häme mal wieder aus der Heimat kommt, während man im Ausland darüber nur stirnrunzelnd den Kopf schütteln kann.
Der FC Barcelona steht völlig verdient im Finale von Berlin. Doch es ist fraglich, ob es Barca überhaupt bis ins Halbfinale geschafft hätte. Ohne Lionel Messi. Ohne Neymar. Ohne Sergi Busquets und ohne Gerard Pique.
Dafür mit einem in echter Faustarbeit durchgeschüttelten Luis Suarez, der sein knöchernes Gesichtspuzzle mit einer Karbonmaske schützen muss.
Die Bayern benötigen keine Ausreden!
Aber ebenso wie der FC Barcelona benötigen sie die Statik ihrer Säulen des Erfolgs, um das Prädikat Weltklasse tragen zu können. Mit Franck Ribéry, Arjen Robben, David Alaba und Holger Badstuber brachen gleich vier davon weg.
Mit Robert Lewandowski wurde eine fünfte notdürftig zusammengemörtelt. Ein Substanzverlust, den kein Weltklasse-Team der Welt von der Bank weg gleichwertig kompensieren kann.
Und dennoch hatte diese Not-Elf einem FC Barcelona in Bestbesetzung in Camp Nou rund 80 Minuten lang mit Kampf und Trotz die Stirn geboten und im Rückspiel die vermeintliche Übermächtigkeit besiegt.
Was also wäre gewesen, wenn dieser bestbesetzte FC Barcelona auf den bestbesetzten FC Bayern getroffen wäre?
Die Frage wird nie beantwortet werden.
Zum Glück für den FC Barcelona...
Michael Wollny (Twitter: @MichaWollny)
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