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Kommentar von Sigi Heinrich: Die Chance für einen Neuanfang

Biathlon-Skandal: Die Chance für einen Neuanfang

17/04/2018 um 21:32

Die Vorwürfe gegen die ehemaligen Bosse des Biathlon-Weltverbandes werden immer massiver. Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich analysiert die großen Probleme des Sports und geht tief in den Sumpf hinein. Immerhin: Er hat die Hoffnung noch nicht aufgebeben und sieht einen Weg hinaus.

Zunächst einmal kann ich alle Biathlon-Fans beruhigen: Auch in der kommenden Saison werden wieder Weltcup-Veranstaltungen stattfinden. Und auch an der Austragung der Weltmeisterschaft im schwedischen Östersund bestehen keinerlei Zweifel. Das Teilnehmerfeld freilich wird sich neu justieren.

Tim Burke, Lowell Bailey, Ole Einar Björndalen und Emil-Hegle Svendsen haben ihre Karrieren beendet. Und wer weiß, wer im Sommer noch die Lust verliert an diesem Sport, den bislang verantwortliche Funktionäre und Angestellte des Verbandes an den Rand der Glaubwürdigkeit getrieben haben. Der Umgang mit Doping, so scheint es, kommt bei den Spitzen der Verbände nicht so an, wie es sein sollte. Die Internationale Biathlon-Union (IBU), die derzeit ihre wohl schwierigste Krise seit ihrem Bestehen durchstehen muss, ist ja nur ein Beispiel für die beliebtesten zwei Disziplinen vieler Funktionäre: Wegschauen und Weghören.

Das Ehrenamt gerät in Verruf

Verbände bestehen im Normalfall aus verschiedenen Gremien, in denen Vertreter verschiedener Nationen sitzen. Deren Aufgabe besteht eigentlich ausschließlich darin, den Verband zu stützen und zu führen, damit dieser für die Wettkämpfe beste Voraussetzungen schaffen kann.

Vielfach sind die Präsidenten der Verbände mittlerweile auch hauptamtliche Funktionäre mit gutem Salär. Aber gerade dort, wo wie im Biathlon oder in der Leichtathletik die Führungspositionen im Ehrenamt ausgeübt werden, scheint die Verführung, die eigenen Interessen überproportional zu beachten, groß zu sein.

Gegen Lamin Diack, den ehemaligen Präsidenten des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), hat die französische Justiz im November 2015 Anklage wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Bestechlichkeit erhoben. Sein Sohn Papa Massata Diack wird von Interpol gesucht. Die Terminologie ist immer ähnlich gestrickt. Gegen Zahlungen sollen Dopingproben vertuscht oder auffällige Blutwerte unter den Tisch gekehrt worden sein. Von Offshore-Konten ist die Rede und von Vorteilsnahme.

Es gibt kaum eine Großveranstaltung der letzten Jahre, die vom Verdacht der Manipulation frei wäre. Die hohen Funktionäre saßen dabei immer in den höchsten Gremien, waren auch Mitglieder des IOC, das nach wie vor nicht mit gebotener Entschiedenheit gegen Doping vorgeht. Nur drei Tage nach den Olympischen Spielen wurde das Nationale Olympische Komitee Russlands wieder begnadigt. Ein fatales Signal.

Beisitzer ohne Wortmeldungen

Und immer bewegt sich um die Entscheidungsträger eine Entourage von Vizepräsidenten. Beisitzer, Frauen und Männer, die eigentlich wie Aufsichtsräte fungieren sollten. Und scheinbar tun sie das auch. Sie machen nämlich nichts. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass nach Aufkommen der Skandale wie jetzt auch in der IBU nur Stimmen der Überraschung zu hören sind. Ungläubiges Staunen, ja Entsetzen, macht sich breit. Dabei ist alles nur ein riesiges Lügengebilde, das jetzt zusammenfällt.

Denn schon seit Jahren gibt es etwa auch im Biathlon Gerüchte über die große Nähe von Präsident Anders Besseberg zu Russland. Nur haben immer alle unter vorgehaltener Hand geflüstert. Und niemand sah sich in der Lage oder imstande, mit aufrechter Haltung problematische Vorgehensweisen anzusprechen mit deutlichen Worten.

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Die IBU beschäftigt mehr als eine Handvoll Vizepräsidenten. Für Finanzen, für Sport, für Entwicklung, für Marketing, für medizinische Fragen, für Information und Sonderaufgaben (?). Und es gibt auch einen ersten Vizepräsidenten (Viktor Maigurov aus Russland).

Alle hörten sicher immer dies und jenes. Manche wissen sicher mehr als sie je zugeben werden. Denn was wir hörten und was uns zugetragen wurde, konnte doch nie und nimmer dem engsten Zirkel verborgen geblieben sein. Doch niemand aus dem Kreis um den oder die Präsidenten hat den Mut und die Courage, gegen Missstände anzugehen, weil alle, egal in welchem Verband auch immer, ihre eigenen Pfründe nicht gefährden wollen.

Neuwahl für neues Personal

Fast alle, die jetzt stöhnen und sich sorgen um ihren Sport, heucheln, ohne dabei rot zu werden. Der Ruf nach neuen Personen wird laut - und selbstverständlich muss das auch eine Reaktion sein - weit über den ehrenamtlichen Bereich hinaus. Aber es müssen auch die Strukturen verändert werden - hin zu mehr Öffentlichkeit. Vertrauensbildende Maßnahmen sind notwendig.

Athleten müssen endlich gehört werden und auch Trainer, Sponsoren und Medien. Bislang sind die Sportler nicht mehr als die wohlfeile Masse, mit der Geld verdient wird. In der Leichtathletik mit Sebastian Coe an der Spitze hat man, so scheint es, die richtigen Schlüsse gezogen. Die Biathleten müssen bei ihrem nächsten Kongress mit Neuwahl und neuem Personal erst noch beweisen, dass sie willens sind, den Verband in eine sichere und saubere Zukunft zu führen. Und gefragt ist dann nicht nur der neue Präsident und sein neues Team, sondern jedermann, dem dieser tolle Sport am Herzen liegt.

Offene Türen und offene Ohren sind dabei wichtig, verbunden mit dem Mut und der Möglichkeit, mitgestalten zu wollen und auch zu können. Dies ist eine Riesenchance für die Internationale Biathlon-Union sich zu einem modernen Verband zu entwickeln. Jetzt oder nie.

Es wird ein spannender Sommer werden, auch ohne Wettkämpfe.

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