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Heinrich-Blog: Titel im Schwergewicht - Charrs Sieg, eine Niederlage für uns

Heinrich-Blog: Titel im Schwergewicht - Charrs Sieg, eine Niederlage für uns

29/11/2017 um 14:32Aktualisiert 29/11/2017 um 15:27

Der erste Weltmeister-Titel im Schwergewicht seit Max Schmeling: So schnell sich die Neuigkeiten über den Sieg von Manuel Charr gegen Alexander Ustinow verbreiteten, so schnell kamen auch die Zweifel an dem "geschichtsträchtigen" Kampf. Offiziell ist Charr nicht einmal Deutscher. Eurosport-Kommentar Sigi Heinrich beleuchtet die Selbstbeweihräucherung des Landes mit einem inszenierten Titel.

Deutschland sucht. Den Superstar. Natürlich. Aber mehr noch suchen wir hierzulande immer wieder Vorbilder. Vor allem im Sport. Athleten, zu denen wir aufschauen können, die uns leiten in unsicheren Zeiten. Die uns irgendwie Halt geben und uns träumen lassen. Die uns ein gewisses Gefühl der Überlegenheit suggerieren. Der klassische Zweikampf ist ein perfektes Stilmittel dazu.

Gewinnt einer von uns, von uns Deutschen, zeigt das doch, dass wir eine zupackende Nation sein können. Gut, statt zupacken heißt es im Boxring zuschlagen, draufhauen. Den Gegner zermürben mit Kopf-und Körpertreffern. Wir lassen uns natürlich vertreten, denn das ist allemal besser als selber die Rübe hinzuhalten. Max Schmeling war unser erster Held in politisch grausigen Zeiten. Er wurde von den Nazis missbraucht wie etwa nach seinem Sieg gegen Joe Louis, den "braunen Bomber" 1936.

Schmeling hat das glücklicherweise unbeschadet überstanden und steht noch heute an der Spitze der Beliebtheitsskala in Deutschland. Er kam aus der Uckermark, kämpfte in den USA und ist heute noch ein Synonym für Fairness und Freundschaft im Sport. Er beteiligte sich an den Beerdigungskosten für Louis, der als armer Mann starb. Ja, Schmeling erfüllte unsere Sehnsüchte. Er war einer von uns, ein unbeugsamer Held.

Deutschlands große Boxtradition

Natürlich kamen auch danach noch tolle Boxer. Henry Maske vor allem. Axel Schulz, Peter Müller, René Weller. Deutschlands Boxtradition ist beachtlich. Karl Mildenberger nicht zu vergessen, der einst Muhammad Ali im Frankfurter Waldstadion zwölf Runden einen bissigen Kampf lieferte, der Ali zu der Aussage bewog, dass er gegen diesen Mann nie mehr boxen wolle. Und dann kamen die Zeiten der Klitschko-Brüder, die von einem perfekten Marketing profitierten.

Zwei Ukrainer, die nie einen deutschen Pass hatten, wurden in Deutschland gefeiert, als wären sie in Warnemünde oder Buxtehude auf die Welt gekommen. Es genügte ein deutscher Fernsehsender, der sie zu Stars machte, ein deutscher Boxstall (ein schönes Wort) und eine deutsche Boxlizenz. Und ein Publikum, dem es plötzlich egal war, woher die Sieger kamen. Sie sprachen ein wenig deutsch, das Umfeld war deutsch. Her damit. Egal, dass bei WM-Kämpfen die ukrainische Hymne gespielt wurde. Der Kommentator war ja auch ein Deutscher.

So leicht ließen wir uns vor den Karren spannen. Vermutlich waren manche sogar überrascht, dass Vitali Klitschko Bürgermeister von Kiew wurde und nicht von Hamburg. Die Siege und Kämpfe der Klitschkos waren nicht mehr als eine perfekte Inszenierung. Deutschlands Boxfans haben nie nachgefragt.

Voreilige Nachrichtenlage

Wie auch jetzt zunächst nicht bei Manuel Charr, der plötzlich als erster deutscher Box-Weltmeister im Schwergewicht nach Max Schmeling die Runde machte nach seinem Sieg gegen den Russen Alexander Ustinow in Oberhausen. Ich höre mir gerade noch einmal die Nachricht an:

"Nach 85 Jahren ohne Titel ist es endlich so weit. Deutschland ist wieder Weltmeister im Schwergewicht."

Deutschland. Erst danach wird in dieser Meldung übrigens der Name genannt. Manuel Charr aus Köln.

"Ich schwöre", sagte dieser als er gefragt wurde, ob er tatsächlich auch Deutscher sei. Jetzt stellt sich heraus: Er ist Libanese. Er hat keinen deutschen Pass. Angeblich eines möglichen Strafverfahrens wegen kam er nicht dazu, die Papiere abzuholen. Die Zeit holt uns wieder ein. Wir glauben zunächst, wir recherchieren später und stellen fest, dass wir rundherum belogen werden.

Den Machern des Boxkampfes, den Promotern, den Managern, dem übetragenden TV-Sendern ist das alles ziemlich egal. Hauptsache, die Quoten stimmen und die ersten Meldungen laufen auf die Titelseiten wie weiche Butter auf die Frühstückssemmel.

Die Tränendrüsen quellen über

Und nun kommt auch noch die Tränendrüse ins Spiel. Libanon und Krieg. Sozialarbeiter, die dem 33-Jährigen und seiner Familie das Leben in Deutschland ermöglicht haben. Zwei künstliche Hüftgelenke, die ihn an seinem Sieg nicht hinderten, eine Schießerei vor einem Imbiss vor ein paar Jahren. Für die Boxszene sind das perfekte Ingredienzen für schaurige schöne Geschichten.

Ein wenig Unterwelt, ein bisschen persönliches Drama, ein paar Lügen. A star is born. Manuel Charr ist nicht mehr und nicht weniger als ein Produkt unserer Zeit, in der Nachrichten schneller fliegen als der Schall und moralische Werte mehr und mehr verschwinden. Manuel Charrs Sieg ist eine Niederlage für uns.

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