Spätestens seit Lewis Hamilton der Formel 1 beim später abgesagten Grand Prix von Australien 2020 auf der großen Bühne der FIA-Pressekonferenz Geldgier vorgeworfen hat ("Cash is King"), weiß man, dass der siebenmalige Weltmeister als einer von ganz wenigen Sportstars den Mut hat, sich auch zu unbequemen Themen zu äußern. Das ist im Vorfeld des Saisonauftakts 2021 in Bahrain nun wieder passiert.
Hamilton hatte bereits 2020, als die Formel 1 zum bisher letzten Mal ein Rennwochenende in Bahrain ausgetragen hat, Briefe von drei Folteropfern erhalten. Damals in einer Pressekonferenz darauf angesprochen, wich er dem Thema mit der Begründung aus, er habe darüber zu wenig Informationen. Das wurde zunächst von vielen als Ablenkungsmanöver empfunden.
Doch Journalisten vergessen nicht, und so wurde Hamilton am Donnerstag vor dem Saisonauftakt 2021 erneut darauf angesprochen, ob er denn inzwischen die Zeit hatte, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Statt darauf erneut mit einer ausweichenden Antwort zu reagieren, was vermutlich der einfachere Weg gewesen wäre, fand er diesmal klare Worte.
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Die Briefe hätten ihm schwer zugesetzt, sagt der 36-Jährige ("Das erste Mal, dass ich solche Briefe erhalten habe"), weshalb er nicht untätig geblieben ist: "Ich habe in den letzten Monaten versucht, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, denn in all den Jahren, in denen wir hierhergekommen sind, waren mir nicht alle Details in Bezug auf etwaige Menschenrechtsverletzungen bewusst."
Ich habe also Zeit damit verbracht, mit Menschenrechtsanwälten zu sprechen, ich habe mit Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty gesprochen, ich habe mich mit dem britischen Botschafter hier in Bahrain getroffen und auch mit Vertretern aus Bahrain selbst."

Hamilton: Gespräche sollen vertraulich bleiben

"Für den Moment haben diese Schritte auf privater Ebene stattgefunden, und ich halte das auch für den richtigen Weg und würde daher ungern allzu viel sagen, was die Fortschritte bei diesem Thema vielleicht gefährden könnte. Aber ja, das ist die Position, in der wir uns gerade befinden, und ich bin auf jeden Fall entschlossen, da zu helfen, wo ich kann", sagt Hamilton.
Dem vorangegangen war am 24. März ein Schreiben des bahrainischen Instituts für Recht und Demokratie (BIRD) an Formel-1-CEO Stefano Domenicali, FIA-Präsident Jean Todt und die zehn Formel-1-Teams (sowie an 61 britische Parlamentarier und 24 Menschenrechtsorganisationen), in dem die Formel 1 darum gebeten wird, eine Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen in Bahrain in die Wege zu leiten.
Die Formel 1 nehme solche Themen zwar sehr ernst, schreibt Domenicali in seiner Antwort an BIRD-Direktor Ahmed Alwadaei, die "Motorsport-Total.com" vorliegt, doch "wir glauben, dass es nicht der richtige Weg ist, Länder aus dem Sport auszuschließen, und dass es viel besser ist, in Kontakt zu treten statt jemanden zu isolieren".
Domenicali verweist darauf, dass die Formel 1 all ihren Partnern (also auch den Regierungen, in denen sie fährt) klargemacht habe, dass Menschenrechtsverletzungen "sehr ernst genommen" werden, ohne allerdings näher zu spezifizieren, was das konkret bedeutet. "Unsere Menschenrechtspolitik ist sehr klar", versichert der Italiener.
Die Bitte des BIRD nach einer Untersuchung durch die Formel 1 lehnt er aber ab: "Die Formel 1 ist keine grenzübergreifende Ermittlungsorganisation. Wir sind ein Sportrechtehalter [...]. Anders als Regierungen und andere Organisationen sind wir nicht dazu in der Lage, die von Ihnen geforderten Handlungen durchzuführen, und es erscheint mir daher auch nicht angemessen, vorzugeben, dass wir das könnten."
Eine Antwort, die Alwadaei nicht unkommentiert so stehen lässt: "Wir nehmen einfach nicht hin, dass ein Millionen-Dollar-Business wie die Formel 1 nicht die Ressourcen und die Kapazität hat, so eine Untersuchung durchzuführen. Die Formel 1 sollte ihre Position zu diesem Thema dringend überdenken."
Während die Formel 1 das Anliegen der Menschenrechtskämpfer in Bahrain schlichtweg abgewiesen habe, lobt Alwadaei das Engagement von Hamilton ausdrücklich:
Es ist ermutigend, dass sich Lewis Hamilton ungeachtet dessen im Kampf für Menschenrechte engagiert. Anders als die Formel 1 zeigt Sir Lewis, dass Sport ein kraftvoller Motor für Veränderungen sein kann, wenn man nur eine klare Position einnimmt."

Schmaler Grat für den Formel-1-Weltmeister

Hamilton möchte verständlicherweise nicht auf direkten Konfrontationskurs mit Domenicali gehen. Die richtigen Worte zu finden, um einerseits nicht Rechteinhaber Liberty Media und das Königshaus in Bahrain zu brüskieren und somit die diplomatischen Fortschritte zu gefährden, andererseits aber trotzdem klare Kante zu zeigen, fällt ihm nicht leicht - gelingt ihm aber recht gut.
"Es liegt nicht in meiner Macht, darüber zu entscheiden, wo wir unsere Rennen fahren und wo nicht. Aber [...] wir tragen eine Verantwortung, und ich finde nicht, dass Menschenrechte eine politische Angelegenheit sein sollten. Wir alle verdienen doch gleiche Rechte. Ob das jetzt Aufgabe der Formel 1 ist, sich damit auseinanderzusetzen? Das zu beurteilen steht mir nicht zu."
"Ich finde nur, wir kommen mit diesem Sport an so viele Orte, wir besuchen so viele wunderbare Länder und Kulturen, und natürlich gibt es auf der ganzen Welt Probleme", sagt er - und bezieht klar Position, wenn er sagt:
Ich finde nicht, dass wir in diese Länder gehen und ignorieren sollten, was dort passiert, um uns dort eine schöne Zeit zu machen und dann einfach wieder abzuhauen."

Hamilton setzt weiter Zeichen gegen Rassismus

Unabhängig vom Menschenrechtsthema in Bahrain hat Hamilton auch angekündigt, vor den Rennen am Sonntag in der Startaufstellung weiterhin gegen Rassismus niederzuknien. Der Mercedes-Fahrer hatte diese Initiative 2020 gestartet und viele seiner Fahrerkollegen dazu bewogen, sich ihm anzuschließen.
"Der Grund dafür ist ganz einfach", erklärt er. "Wenn Kinder sehen, dass wir niederknien, werden sie ihre Eltern oder ihre Lehrer fragen, warum die Formel-1-Fahrer das tun. Und das löst unbequeme Gespräche aus, weil das bedeutet, dass sich die Eltern über das Thema informieren müssen und die Kinder auf diese Art und Weise auch dazulernen."
Hamilton, auch für sein gesellschaftliches Engagement erst kürzlich zum Ritter geschlagen und daher in seiner britischen Heimat offiziell jetzt Sir Lewis Hamilton, hat nicht vor, bei solchen Themen locker zu lassen:
Das ist ein Kampf, der noch lange nicht gewonnen ist, sondern der noch sehr, sehr lange andauern wird. Da bin ich mir sicher."
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(Motorsport-Total.com)

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