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Dicke Luft in Shanghai: Vettel genervt, Leclerc frustriert, Ferrari ratlos

Dicke Luft in Shanghai: Vettel genervt, Leclerc frustriert, Ferrari ratlos
Von SID

16/04/2019 um 12:31

Vettel konnte sie nicht mehr hören, die immer gleiche Frage. Einen Meter von seinem Teamkollegen Leclerc entfernt - zwischen beiden saß der um Gelassenheit bemühte Teamchef Binotto - sollte der Star nach Platz drei beim Großen Preis von China erläutern, ob er auf die Stallorder zu seinen Gunsten gedrängt und ob die Teamchemie durch den Eingriff des Kommandostandes gelitten habe.

Die Kernfrage bei der Scuderia kreist in der noch jungen Saison 2019 um die interne Hackordnung und ihre Auswirkungen. Vettel beklagte deshalb "schlechten Journalismus" und schwieg - aus Sorge, einige Medienvertreter würden eine konkrete Aussage zu diesem Thema aus dem Kontext reißen und gegen ihn verwenden.

Eine Szene, die zeigt, wie angespannt die Lage bei der Scuderia ist. Auch wenn Binotto "Ich verstehe Leclercs Gefühle" beteuerte, es habe oberste Priorität, "die Leistung des Autos zu verbessern", drohen die internen Befindlichkeiten das große Ganze schon nach drei Saisonrennen zu überlagern. "Ferrari muss aufpassen, andernfalls wird die Fehde zwischen Vettel und Leclerc ihre Saison komplett ruinieren", schrieb die englische Sun am Tag nach dem 1000. Grand Prix der Geschichte.

Sebastian Vettel ist genervt

Die internationalen Medien sind sich in ihrer Bewertung einig. "Leclerc wird immer mehr zum Leader, auch wenn er im Namen des Teams geopfert wird", stellte La Repubblica fest, und der Corriere della Sera fragt besorgt: "Wie lange wird Ferrari Kapitän Vettel noch verteidigen können?" Noch viel deutlicher formuliert es der englische Boulevard: "Die Fehde zwischen Vettel und Leclerc droht Ferraris Saison ernsthaft zu destabilisieren", schreibt der Telegraph, und die Daily Mail bringt es auf den Punkt: "Wir erleben den Aufstieg und die Tragödie des Charles Leclerc."

Charles Leclerc davanti a Sebastian Vettel, Ferrari, GP Bahrain, Getty Images

Charles Leclerc davanti a Sebastian Vettel, Ferrari, GP Bahrain, Getty ImagesGetty Images

Dieser Leclerc schaute, während Vettel sprach, demonstrativ aus dem Fenster auf die künstliche Seenlandschaft im Fahrerlager des Shanghai International Circuit. Unmittelbar nach dem Rennen hatte sich der aufstrebende Monegasse bereits auf die Zunge gebissen, vor TV-Kameras wollte er "erstmal nichts dazu sagen". Das hatte er nach Ansicht der französischen Sportbibel L'Equipe auf der Rennstrecke ja auch zur Genüge getan: "Das Rennen war eine einzige Unabhängigkeitserklärung eines gerade mal 21-jährigen Bengels, der lauthals seinen Willen äußert."

Wirbel um Ferrari-Teamorder

Der immerhin viermalige Weltmeister Vettel hatte sich gegen die Teamorder zumindest nicht gewehrt, das wurde zwischen den Zeilen klar. "Ich bin gefragt worden, ob ich schneller fahren kann. Ich habe geantwortet, dass ich das kann", erklärte er. Als Leclerc nach elf Runden dann widerwillig Platz machte, waren der spätere Sieger Hamilton und sein Teamkollege Valtteri Bottas schon enteilt.

Ob Vettel bei freier Fahrt ein paar Runden früher zum Führungsduo hätte aufschließen können, blieb freilich hypothetisch. Dass er Hamilton und Bottas aber nicht mal näher kam, hielten einige italienischen Medien dem nicht mehr allzu populären Deutschen vor. "Maranello sollte endlich auf Leclerc setzen", schrieb der Corriere della Sera.

Sebastian Vettel hatte die Führung nur kurzzeitig inne

Sebastian Vettel hatte die Führung nur kurzzeitig inneSID

Vettel selbst versuchte, die Konzentration auf die Entwicklung des SF90 zu verlagern. "Wir müssen verstehen, was wir brauchen, was ich brauche, um dieses Auto zu entfesseln", erklärte der 31-Jährige, der seit elf Rennen ohne Sieg ist. Ändert sich das nicht schleunigst, dürfte er mit der WM-Vergabe frühzeitig nichts mehr zu tun haben.

Nach dem Fehlstart der Scuderia mit lediglich zwei dritten Plätzen könnte das nächste Rennen in Baku richtungsweisenden Charakter haben. Immerhin waren die Roten, wie der neue WM-Spitzenreiter Hamilton (68 Punkte) nach dem dritten Mercedes-Doppelsieg erklärte, in China "auf der Geraden vier Zehntel schneller". In Aserbaidschans Hauptstadt gibt es die längste Gerade im gesamten Rennkalender. Wenn selbst das nicht hilft, wird es bestimmt nicht ruhiger in Maranello.

Video - Kult-Rennwagen: Lewis Hamilton im Silberpfeil von 1955

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