Die geknickten Schalker bedankten sich traurig bei ihren stolzen Fans. Der abgestürzte Traditionsklub hat in einem mitreißenden Duell der Zweitliga-Giganten gegen den Hamburger SV gleich den nächsten Nackenschlag kassiert, sich mit seiner zusammengewürfelten Mannschaft aber teuer verkauft.
Der Bundesliga-Absteiger verlor sein erstes Spiel im Unterhaus seit mehr als 30 Jahren durch zwei späte Gegentore mit 1:3 (1:0). Zuvor hatten die Schalker bei der Saisoneröffnung selbst gute Gelegenheiten auf den Siegtreffer vergeben.
Moritz Heyer (86.) und Bakery Jatta (90.) bescherten dem HSV den perfekten Start in seine vierte Zweitliga-Spielzeit in Serie. Ausgerechnet Schalkes Neuzugang Simon Terodde (7.) hatte gegen seinen Ex-Verein die frühe Führung erzielt, Hamburgs Robert Glatzel glich in der 53. Minute vor 19.770 Zuschauern aus.
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VOR EINER STUNDE
Zudem hielt Schalkes Torhüter Michael Langer einen Strafstoß Glatzels (28.). Erstmals seit März 2020 waren wieder mehr als 300 Zuschauer in der Veltins-Arena zugelassen und sorgten sowohl vor dem Anpfiff als auch während der Partie für Atmosphäre.
Drei Dinge, die uns auffielen.

1. Hach, Fußball mit Fans…!

Die EM gab einen Vorgeschmack, doch das Duell zweier Traditionsmannschaften hat dann doch noch mal ein anderes Flair. Ob erste, zweite oder Kreisliga war da beinahe egal. 19.770 Zuschauer durften zurück auf die Ränge der Veltins-Arena - und feierten das dementsprechend lautstark. Das Steiger-Lied, Fan-Gesänge, Emotionen bei Zweikämpfen, Chancen, Schüssen - alles kam voller Inbrunst. Auch wenn angesichts steigender Coronazahlen ausverkaufte Stadien wohl noch eine Weile lang ausgeschlossen sind, herrschte wieder ein bisschen "Normalität" im Stadion. Der Funke sprang definitiv auch auf die Mannschaft über: Die Schalke-Fans präsentierten sich zumindest in der ersten Halbzeit in Top-Form und verschafften ihrem Team wirklich einen Heimvorteil. Es war auch ein positives Signal an die neue königsblaue Mannschaft, die den direkten Wiederaufstieg schaffen soll. Die dunklen Erinnerungen an die vergangene Saison mit all ihren Tiefen schienen am Freitag zwischenzeitlich wie vergessen. Wohl auch, weil Spieler wie Amine Harit, Matija Nastasic, Ozan Kabak und Omar Mascarell nicht im Kader standen. Sie stehen noch für das "alte" Schalke und sollen den Verein unbedingt noch verlassen. Umso leiser wurde es dann, als die Schalker Fans merkten, dass ihr Team Mitte der zweiten Halbzeit keinen Plan B gegen immer stärker werdende Hamburger hatte. So mancher wird sich direkt zurückversetzt gefühlt haben und realisiert haben, dass die zweite Liga tatsächlich so hart ist, wie alle immer behaupten.

Die Fans dürfen wieder zurück in die Veltins-Arena

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2. Schalke muss schnell besser werden

Schalke will sofort wieder hoch - den Druck macht sich der Verein logischerweise selbst. Dass das ein ambitioniertes Ziel ist, an dem beispielsweise der HSV schon mehrfach scheiterte, ist auch logisch. Es war ein radikaler Schnitt, den die Verantwortlichen im Sommer vornahmen. Die Neuverpflichtungen sollen das neue, das andere und bessere, Gesicht der Mannschaft prägen. Acht davon standen gegen den HSV in der Startelf und begannen genauso, wie es die Fans sehen wollten: Aggressiv, mutig, frech und schnell nach vorne spielend - Zielspieler Simon Terodde immer als Anspielstation im Blick. Schnell wurde klar, was Akteure wie Danny Latza, Dominick Drexler, Marius Bülter oder Reinhold Ranftl Schalke bringen können. An Einsatz und Identifikation mangelt es nicht: Diese Akteure haben definitiv Bock! Es wurde aber auch klar, welche Risiken es birgt, in der Abwehr voll auf die Youngster Malick Thiaw und Florian Flick zu setzen.

Schalke traf zum Zweitliga-Auftakt auf den HSV

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Während sich Schalke mit einer Fünferkette über weite Strecken zu passiv und in den Zweikämpfen zu ungestüm zeigte, ließen sie sich von einem stabilen und ballsicheren HSV durcheinanderwirbeln. Zum Ende der Partie kam nichts von der Bank und die Kondition ließ spürbar nach. Es war der Moment, in dem der HSV das Spiel mit Entschlossenheit entschied und die Ursache für den Schalke-Schock zum Saisonstart. "Die Mannschaft braucht Zeit", beschwichtigte Team-Koordinator Gerald Asamoah bei "ran" und hob die positiven Ansätze hervor. Drexler sah das auch so: "Wir sind sehr enttäuscht. Wir müssen viel besser machen und können noch einiges draufpacken. Heute können die Hamburger feiern, aber die Saison ist lang." Viel Zeit darf sich Schalke nicht lassen, die Fans wollen Erfolge sehen. Gleichzeitig steigt der Druck auf dem Transfermarkt. Top-Verdiener wie unter anderem Harit und Nastasic es sind, blockieren mit ihren Gehältern weitere Verstärkungen, die vor allem in der Abwehr und im zentralen Mittelfeld noch nötig erscheinen.

3. Immer Walter, HSV!

Der Hamburger SV kann sich glücklich schätzen, denn mit Tim Walter hat der Verein einen ganz besonderen Trainer mit einem besonderen Ansatz verpflichtet. Die Handschrift des Übungsleiters war unverkennbar. Mit ständigen Positionswechseln und viel Ballbesitz wird der Gegner vor eine permanente Denkaufgabe gesetzt. Die Außenverteidiger stehen extrem hoch, die Innenverteidiger dribbeln bis weit in die gegnerische Hälfte hinein. Die Offensivspieler rotieren. Gegentreffer wie der Konter nach Ballverlust von Jan Gyamerah im Spielaufbau werden in Kauf genommen, wenn danach die Linie beibehalten wird. Das alles ist nicht gänzlich neu, auch der VfB Stuttgart präsentierte sich unter Walter ähnlich. Es war jedoch die positive Erkenntnis des Spiels aus Sicht des HSV, dass die Spieler das anspruchsvolle Walter-System adaptiert zu haben schienen und es bereits mit Leben füllen.

Tim Walter

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Erwischt dazu noch Torwart Daniel Heuer Fernandes einen Sahne-Tag, kann fast nichts mehr schiefgehen. "Wir wollten mutig sein, das ist uns anfangs nicht so gelungen. Mit dem Tor sind wir wachgeküsst worden und sind immer mehr ins Spiel gekommen. Es war ein Anfang, mehr aber auch nicht", blieb Walter noch bescheiden. Intern wird ihm der Sieg weiter Auftrieb geben - und die Tatsache, dass er der Mannschaft Sonntag und Montag freigegeben hat, zusätzlich Sympathien verleihen. Stimmt die Chemie zwischen Mannschaft und Trainer dauerhaft, gehört der HSV mit seiner Spielstärke und Ballsicherheit einmal mehr zu den Aufstiegsfavoriten. Zudem können Robert Glatzel, Tim Leibold und Sonny Kittel mit ihren individuellen Fähigkeiten den Unterschied ausmachen. "Nur wer überzeugt ist von seiner Stärke, kann so auftreten. Und das sind wir", betonte Walter.
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