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Mit Trainer Alexander Zorniger wagt der VfB Stuttgart einen radikalen Neuanfang

Stuttgarts Zäsur: Bloß weg von der Intensivstation!

20/07/2015 um 22:34

Die Hinrunde vermasseln und am Ende doch irgendwie retten - so war das in den letzten Jahren beim VfB Stuttgart. Die Missstände provozierten atmosphärische Störungen, zuletzt wandten sich die Anhänger vom Verein ab. Im Sommer hat der VfB die Notbremse ge- und einen Neustart vollzogen. Trainer Alexander Zorniger fordert Tempo, doch der Aufbau wird behutsam eingeleitet. Unter neuen Vorzeichen.

Die neue Saison begann früher als sonst beim VfB Stuttgart. Im Grunde begann sie schon zwei Tage nach dem Ende der letzten.

Am 25. Mai rief der VfB nichts weniger als einen Neustart aus. Präsident Bernd Wahler bezeichnete den geglückten Klassenerhalt als "Auftrag" und beschönigte nichts: "Die Fans unterstützen die Mannschaft, nicht den Verein. Die Situation ist das Ergebnis mehrerer Jahre."

Zwei Monate später: Auf dem Stuttgarter Wasen herrscht Hochbetrieb. Der Dauerkartenverkauf dürfte die Marke von 30.000 übersteigen, zur Präsentation des neuen Trikots pilgerten 4000 Fans, die Verkäufe übertrumpfen das Vorjahr um 40 Prozent. Euphorie im Ländle!

Aber warum?

Kein Plan! Kein System! Keine Kompetenz!

Der fulminante Schlussspurt allein kann es nicht sein. Schließlich hat es der VfB zum Ritual erhoben, eine missratene Hinrunde auf den finalen Streckenmetern zu korrigieren - um hernach gleich wieder im Keller zu landen.

Das Trikot, das sich mit durchgezogenem Brustring an Traditionen anlehnt, wirkt elektrisierend. Doch 2014 wurde die Wiedereinführung des alten Wappens gefeiert, im Winter war trotzdem Eisesstimmung bei Eiseskälte.

Nun sind die Voraussetzungen andere. Der VfB hat den Umbau eines verkrusteten Vereins mit aller Konsequenz vollzogen, und es scheint, als hätte es den Glauben zurückgebracht.

"In den letzten Jahren", polterte Sportvorstand Robin Dutt, "hat die strukturierte Kaderplanung überhaupt nicht geklappt." Seine Kritikpunkte waren entwaffnend: Kein Plan! Kein System! Keine Kompetenz!

Abrechnung: Robin Dutt scheute keine derben Worte

Abrechnung: Robin Dutt scheute keine derben WorteImago

Jahrgangsbester - und dann auch noch Schwabe…

Die wichtigste Verpflichtung aber ist der Trainer. Doppel-Retter Huub Stevens (2014, 2015) betrachtete seine "Mission als erledigt", enthüllte Dutt und forderte "sofort eine einheitliche Spielkonzeption". Dass er mit Alexander Zorniger einen gebürtigen Schwaben als geeignet empfand, die Implementierung voranzutreiben, ist zwar nette Folklore. Es gibt jedoch unliebsamere Zufälle.

Zorniger heuerte mit viel Kredit an und übernahm, wie er dem "kicker" berichtete, eine "unglaublich willige Mannschaft. Es passt viel, viel mehr, als ich erwartet hätte." Neben der Führungsetage wurde der Kader saniert, Profis wie Sven Ulreich, Moritz Leitner oder Oriel Romeru sind Geschichte.

Dafür holte man die Torhüter Mitch Langerak Przemyslaw Tyton sowie Jan Kliment, einen tschechischen Junioren-Nationalspieler, Philip Heise, Lukas Rupp, Kevin Stöger und die erwünschte Sofortlösung, Emiliano Insua von Atlético. Aus der zweiten Mannschaft bzw. der U19 wurden fünf Akteure befördert, das zeigt, wie Stuttgart auf seinen Unterbau setzt.

Auf Zorniger sowieso. Als Spieler nie über die vierte Liga hinausgekommen, arbeitete der heute 47-Jährige über zehn Jahre beim Württembergischen Tennisbund, ehe er RB Leipzig von der Regionalliga an die Schwelle zur Beletage dirigierte. Die Ausbildung zum Fußballlehrer schloss er 2012 als Jahrgangsbester ab, Note: 1,0.

"Die Reinform vom Klopp-Chaos"

Zorniger ist ein kerniger Typ, der Dinge auspackt wie diese: "Meine Spieler sollen nach ihrem Karriereende sagen, dass der Zorniger der beste Trainer war, den sie je hatten." Ein Witz ist das nicht, eher gesundes Selbstverständnis.

Der Coach will den Stuttgarter Stil grundlegend ändern, er präferiert zwei Angreifer, keine klassischen Flügelstürmer und - besonders bemerkenswert - den Angriffszug durch die Mitte. "Wir werden aus einem 4-3-1-2 und einem 4-4-2 heraus agieren. Es wird sich sehr viel im Zentrum abspielen, das ist der kürzeste Weg zum Tor", erzählt er der "Sport-Bild". Klingt logisch.

Stuttgart schrammte nur knapp am Abstieg vorbei - jetzt soll alles besser werden

Stuttgart schrammte nur knapp am Abstieg vorbei - jetzt soll alles besser werdenImago

Dutts Sehnsucht nach Identität

Stürmer Daniel Ginczek, ein Garant des Klassenerhalts, denkt in den "Stuttgarter Nachrichten" schon an die Praxis: "Die Umstellung ist groß. Aber wenn das funktioniert und du 60.000 Fans im Rücken hast, kann das richtig mitreißen!" Und natürlich ist Zorniger überzeugt, dass es funktioniert.

Wenn nicht? Dann, sagt der Coach, habe er Alternativen, werde aber "sicher nicht von den Schwerpunkten abrücken." Zorniger ist ein Verfechter des Tempo-Fußballs, doch die Stuttgarter Revolution benötigt ihre Reifephase. "Ab und zu bricht bei uns Hektik aus", sagt Ginczek, die teils wilden Tests gegen Pilsen (6:3) und Bern (1:4) offenbarten, was er meint: Die forsche Ausrichtung hat Tücken.

Am 8. August startet der VfB im Pokal bei Holstein Kiel, am 16. August geht es in der Bundesliga gegen Köln - und in eine erneute Zitter-Saison? "Wir haben die Intensivstation nicht verlassen", betont Robin Dutt, "die Schritte werden wir nächstes Jahr noch nicht am Tabellenplatz ablesen können."

Entscheidender aber, ergänzt der Sportvorstand, sei Folgendes: "Wir müssen uns unsere Identität zurückholen." Ein Anfang ist gemacht.

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