Beginnen wir diese Geschichte im Winter 2013. Pate steht Horst Heldt, der damals hehre Ziele ausrief, sie klangen so:
Wenn der FC Bayern, der normalerweise in zehn Jahren neunmal Meister wird, mal schwächelt, darf kein anderer Verein da sein, um die Chance zu nutzen. Dann muss der FC Schalke da sein!
Heldt sagte dies in seiner Funktion als Sportvorstand des Gelsenkirchener Klubs, der ja so gerne wieder Deutscher Meister sein würde. Die Parole für jeden halbwegs ambitionierten Bundesliga-Manager leitete sich ab: Wenn Bayern schwächelt, wollen wir da sein. Wollen im Sinn von: müssen.
Bundesliga
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Das ist natürlich ein prägnanter Ausspruch, oft kopiert und meist erreicht. Beispiele? Bitteschön.
  • Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, im Herbst 2014: "Man sucht händeringend einen Bayern-Jäger. Wenn andere schwächeln, wollen wir versuchen, da zu sein."
  • Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, im Sommer 2015: "Wir wollen da sein, wenn die Bayern mal schwächeln."
  • Klaus Allofs, Geschäftsführer des VfL Wolfsburg, ebenfalls im Sommer 2015, mit Rückenwind von Vize-Meisterschaft und Pokalsieg: "Wenn die Bayern mal schwächeln, müssen wir da sein."
  • Roger Schmidt, Trainer von Bayer Leverkusen, vor wenigen Wochen: "Es wäre schade, wenn wir nicht da wären, sollten die Bayern mal schwächeln."
Ja, so hörte sich das über Jahre an. Ziemlich überzeugend.

BVB nur oder schon vier Punkte hinter Bayern?

In diesem Herbst schwächeln die Bayern tatsächlich, auf beträchtlichem Niveau mit fünf Siegen und zwei Remis, aber gut: Für eine Gewinnmaschine, die sieben der vergangenen acht nationalen Titel abräumte, gelten Unentschieden gegen den 1. FC Köln (1:1) und Eintracht Frankfurt (2:2) als signifikante Sinnkrise.
Und die Liga - wo ist sie jetzt?
Hinter dem Rekordmeister (17 Punkte) rangiert Köln (15) vor Aufsteiger RB Leipzig (15) und Hertha BSC (14). Manche Wettbüros beginnen, sich auf dünne Zeiten einzustellen, Bayern-Trainer Carlo Ancelotti lobt die Liga für ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Indes ist der vermeintliche Hauptkonkurrent Dortmund nur Fünfter, vier Zähler von der Spitze entfernt. Ja, nur vier Zähler, das ist ein Argument bei 27 verbleibenden Partien. Ein anderes Argument lautet: schon vier Zähler, nach gerade sieben Spielen. Dortmund verlor in Leipzig und bei Bayer Leverkusen, der BVB ist eben nicht "da", wenn Bayern schon so solidarisch ist und angreifbar erscheint wie lange nicht.
Am Samstag (ab 18:30 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de) gastiert Borussia Mönchengladbach in der Allianz Arena, im Vorjahr verlor der VfL als einziges Liga-Team nicht gegen Bayern. Nun ist Gladbach mäßiger Neunter. Trainer André Schubert lobt bei "bundesliga.de" die "unglaubliche Stärke" und die "ungeheure Dominanz" des FCB, wobei Zweiteres zu diskutieren ist. Unter Ancelotti hat sich der Münchner Stil geändert, weniger Ball- und Spielkontrolle, ergo weniger Autorität im Auftritt.
Warum aber ist Gladbach ebenfalls nicht "da", so richtig? Vor allem aufgrund der chronischen Auswärtsmisere, die Schubert so erklärt:
Fußball findet auch im Kopf statt. Bloß sind das weiche Faktoren, die sich schwer greifen lassen.
Forscher, frecher, frivoler - Köln, Frankfurt, sogar der Hamburger SV und Schalke 04 haben gezeigt, wie Bayern zu triezen ist. Dummerweise ist mit Leverkusen der dritte Champions-League-Teilnehmer (und daher potentiell stärkste Rivale) eher mit sich selbst beschäftigt: Platz zehn, ungenügend.
Bayer schlug den BVB und verlor bei Kellerkind Werder Bremen. "Wir können uns nicht auf individuelle Klasse verlassen, das reicht nicht", schimpft Coach Schmidt.
Wir brauchen Konstanz im Bereich der Mentalität. Ich glaube, dass wir Tore, wie wir sie gegen Werder kassiert haben, gegen Dortmund nicht gekriegt hätten.
Es geht freilich noch ärger. Wolfsburg hat 2015 rund 90 und in diesem Jahr ca. 50 Millionen Euro investiert, unter anderem in deutsche Qualitätsware à la Julian Draxler und Mario Gomez. Rang 14 mit sechs Pünktchen mitsamt einer "prekären Unwucht" im Kader, wie die "Süddeutsche Zeitung" diagnostizierte, kosteten Dieter Hecking den Job. (Interims-)Nachfolger ist Valerién Ismaël, Bundesliga-Novize auf der Trainerbank, aber Ex-Bayern-Profi, immerhin.

Der FC Bayern schwächelt, und keiner ist da

Und dann wäre da noch Schalke. Von Heldts Parole aus 2013 ist nichts geblieben, nicht einmal Heldt selbst. In der Europa League läuft's, das Alltagsgeschäft weist Schalke jedoch als Tabellen-16. aus. Bittersüße Ironie: mit nullvier Punkten.
Dortmund, Leverkusen, Gladbach, Wolfsburg, Schalke. Der Bundesliga fliegen ihre eigenen Worte um die Ohren. Stell dir vor, der FC Bayern schwächelt, und keiner ist da.
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