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FC Bayern München: Kaderplaner Michael Reschke ist momentan der wichtigste Mann

Schattenmann Reschke: Das ist aktuell der wichtigste Mann des FC Bayern

07/06/2017 um 11:47Aktualisiert 17/06/2017 um 15:12

Beim FC Bayern München werden Weichen für die neue Saison gestellt. Im Hintergrund laufen Prozesse auf dem Transfermarkt, möglicherweise überdenkt der Rekordmeister seine Strategie. Oder: Er muss sie überdenken. Michael Reschke ist Bayerns Technischer Direktor - und baut am Superkader. Die Ex-Leverkusener Reiner Calmund und Klaus Augenthaler liefern hochinteressante Einblicke.

Marco Asensio hat neulich ein Tor erzielt, was sehr schön für ihn war, aber für die Gesamtunternehmung eher weniger essentiell.

Es war das Tor zum 4:1 in der 90. Minute des Champions-League-Finals zwischen Real Madrid und Juventus Turin, Asensio schob locker ein, und vielleicht wird der 21-jährige Spanier schon bald wichtigere Tore schießen. Seine Anlagen sind grandios.

Das sehen alle. Und das sagt einer, der es besser weiß als jede bierselige Stammtischrunde.

Michael Reschke vom FC Bayern

Michael Reschke vom FC BayernImago

"Als ich bei der U19-EM in Griechenland war, habe ich José Ángel Sánchez (Reals Geschäftsführer, Anm. d. Red.) dazu gratuliert, Asensio für nur 3,5 Millionen Euro von Mallorca verpflichtet zu haben. Sie sollten ihm dafür ein Denkmal bauen! Würde ihn Real für 50 Millionen gehen lassen? Ich glaube nicht", sagte Michael Reschke im April zu "El País".

Reschke ist Technischer Direktor beim FC Bayern München, so lautet sein offizieller Job-Titel. Um den Ball aufzunehmen: Würde ihn der Rekordmeister gehen lassen, für welchen Preis auch immer? Sicher nicht. Weil er gerade Bayerns wichtigster Mitarbeiter ist. Als Kaderplaner.

Reschke folgte auf Leverkusen-Legende Calmund

Reschke fällt gar nicht auf wie Asensio, beziehungsweise: Er will nicht auffallen. "So kann ich mich in jedem Stadion unbemerkt bewegen", sagte er mal. Reschke, der Schattenmann.

"Er macht etwas Wichtiges im Hintergrund und ist mit seiner Rolle sehr zufrieden", sagt Reiner Calmund zur "AZ". Leverkusens Manager-Unikum engagierte den Rheinländer im Jahr 1979 bei Bayer, wo dieser die U17- und U19-Teams betreute und 1986 Deutscher Meister mit der U19 wurde. Von 1998 bis 2004 war Reschke dann Nachwuchsleiter, ehe er zu Calmunds Nachfolger aufstieg.

Stefan Kießling, Arturo Vidal, Ömer Toprak, Lars Bender oder (der von Real Madrid ausgeliehene) Daniel Carvajal sind lediglich eine Auswahl an Reschke-Transfers. Trainer Klaus Augenthaler erlebte ihn von 2003 bis 2005, via "tz" berichtet er, irgendwann einmal "abends bei einem Bier" mit Reschke zusammengesessen zu sein.

"Da habe mich schon gefragt: Hat er die 400 Bundesligaspiele auf dem Buckel oder ich?"

Der heute 59-Jährige sei eine Figur "von absoluter Fachkompetenz und mit einem hervorragenden Netzwerk", sagt Augenthaler und erzählt eine Anekdote. Zusammen seien sie einst nach Birmingham geflogen, um einen Spieler zu sichten. "Es war alles tipptopp vorbereitet: Abholservice, Hotel, Karten - seine fachkundige Meinung sowieso. Bei Reschke ist alles minutiös geplant."

Reschke: "Ich muss einen Spieler spüren"

Ja, dieser Typ "kennt sich aus im Weltfußball", bestätigt Calmund, "ich weiß, dass Uli Hoeneß immer sehr viel von ihm gehalten hat".

Nach 35 Leverkusener Jahren wurde der Transfer-Einfädler selber transferiert, 2014 zu Hoeneß' Bayern. Als später Diskussionen entstanden, ob Reschke nicht Matthias Sammer als Sportvorstand ersetzen sollte, trommelte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge: "Der FC Bayern braucht Michael Reschke in der Rolle, die er perfekt beherrscht, und das ist das Scouting."

Für die Münchner entdeckte er unter anderem Kingsley Coman und Joshua Kimmich, immer mit klar definierter Strategie:

"Ich schaue mir extrem viele Videos an, aber ich bin ein Live-Gucker. Ich muss einen Spieler spüren."

Augenthaler liefert Einblicke:

"Da werden Bewertungsbögen erstellt, in denen es nicht nur ums Fußballerische, sondern auch um den Charakter und den familiären Hintergrund des Spielers geht. Erst dann trifft man die Entscheidung."

Kimmich ist ein gutes Beispiel, um Reschkes Denkweise zu verdeutlichen.

"Er hat in der 2. Liga bei Leipzig gespielt, war keine 19 Jahre alt, und wir haben 8,5 Millionen Euro für ihn bezahlt", sagt er. "Viel Geld für den Augenblick. Aber manchmal musst du etwas riskieren. Kimmich hat eine fantastische Mentalität: Wenn du ihm sagst, er muss für den Sieg durch eine Wand gehen, macht er das."

FC Bayern: "Supertransfers gehören nicht zur Philosophie"

Auf die Frage, worauf es auf dem Wechselbasar ankomme, nennt Reschke sinngemäß den Grund, warum der FC Bayern einen Sportdirektor benötigt:

"Ein gutes Auge reicht nicht. Man braucht die entsprechende Struktur im Klub. Ich denke, dass die Top-Teams besonders gut fahren, wenn man zwei Köpfe hat, die entscheiden. Die sportliche und wirtschaftliche Auswirkung ist einfach zu groß, um das als Sportdirektor neben dem Tagesgeschäft zu regeln."

Bisher sind die Münchner nicht fündig geworden, Philipp Lahm und Max Eberl winkten ab. Also erneut Reschke mit Hoeneß und Rummenigge, in einem Sommer, der besonders spannend ist, weil Bayern möglicherweise seine Strategie überdenkt. Oder überdenken muss. Stichwort Alexis Sánchez, Stichwort Marco Verratti, Stichwort 60 Millionen plus.

Noch im April sagte Reschke:

"Bayern investiert viel, aber nicht wie Madrid. Diese Supertransfers gehören nicht zur Philosophie des Klubs. Wir haben eine klare Philosophie, und der folgen wir."

Aber Madrid gewann drei Champions-League-Titel in vier Jahren.

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