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Taktik-Check: Darum läuft´s nicht beim FC Bayern München

Taktik-Check: Darum läuft´s nicht beim FC Bayern
Von Eurosport

25/11/2016 um 10:53Aktualisiert 25/11/2016 um 11:46

Nach den Niederlagen gegen Borussia Dortmund und FK Rostow steht der FC Bayern vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen (Samstag, 18:30 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de) gehörige unter Druck. Besonders im Fokus: Carlo Ancelotti. Eurosport.de analysiert, warum die Bayern unter dem Italiener nicht mehr so dominieren wie noch unter Tiki-Taka-Papst Pep Guardiola.

Zwei Pleiten in zwei wichtigen Spielen - und zwar in Folge. Sowas hat es beim FC Bayern gefühlte Ewigkeiten nicht mehr gegeben. Doch die Zeiten, in denen der Rekordmeister nahezu jeden Gegner an die Wand gespielt hat, sind vorbei.

Bayern leicht auszurechnen

Spitzenmannschaften schauen nur auf sich selbst. Schließlich muss sich der Gegner an die Favoriten anpassen. Diese Gedankengänge haben mit der Realität im modernen Fußball schon lange nichts mehr zu tun. Jeder Gegner wird bis ins Detail analysiert, Lösungswege werden zu einem Matchplan zusammengefasst.

Unter Pep Guardiola war es die große Stärke der Bayern, immer die passende Lösung für die jeweiligen Charakteristiken des Gegners zu finden. Mal baute man mit drei Innenverteidigern auf, mal rückten die Außenverteidiger auf die Sechs, mal gab es lange Diagonalbälle aus der Abwehr heraus.

Schaut man sich den bisherigen Verlauf der Saison an, findet man wenig Anzeichen, die auf eine spezielle Anpassung an den Gegner schließen lassen. Unter Carlo Ancelotti gibt es zwar eine personelle Rotation, dennoch sind die Muster im Aufbau immer gleich. So schieben die Außenverteidiger hoch, ein Sechser lässt sich dafür fallen.

Das Augfbauspiel der Bayern ist zu eintönig

Das Augfbauspiel der Bayern ist zu eintönigImago

Postionsspiel adé

Diese immergleichen Staffelungen sind für den Gegner natürlich einfach zu analysieren. Viele Teams schaffen es, die Münchener ohne großen Laufaufwand auf die Außenbahnen zu lenken und dort zu isolieren. Das Gegentor zum 1:1 gegen Rostow ist beispielhaft: Douglas Costa wird am Flügel angespielt, jedoch besteht keine Passoption in die Mitte oder in den Halbraum. Mangels Alternativen spielt der Brasilianer einen Rückpass - der zu ungenau gerät und den Konter einleitet.

Das 4-3-3 wird sehr flügellastig interpretiert, da sich die Achter von den Halbpositionen immer wieder nach außen bewegen und sich dort anspielbar machen. Unter Guardiola war es üblich, mit vielen Spielern im Zentrum zu agieren. So wurde der Gegner dazu gezwungen, die Mitte zu verdichten - dadurch ergaben sich regelmäßig Räume auf den Außenbahnen, wo Ribéry, Robben, Costa oder Coman ins Eins-gegen-Eins gehen konnten.

Auch Ancelotti lässt die Einzelkönner dribbeln. Doch weil man sich den Gegner nicht mehr so akribisch zurechtstellt, gibt es zahlreiche aussichtslose Alleingänge in die Überzahl des Gegners hinein. Die logische Konsequenz sind Ballverluste, die wiederum zum nächsten Problem führen.

Franck Ribéry (l.) und Thomas Müller kommen noch nicht so gut mit der neuen Taktik klar

Franck Ribéry (l.) und Thomas Müller kommen noch nicht so gut mit der neuen Taktik klarImago

Gegenpressing war Bayerns bester Verteidiger

In den vergangenen Jahren dominierten die Bayern die Spiele, indem sie den Gegner über nahezu die gesamte Spielzeit hinten reindrückten. Der klare Fokus auf die richtige Positionierung der Spieler, sprich: die Abstände zwischen den einzelnen Akteuren und Mannschaftsteilen, war nicht nur die Grundlage für eine sichere Ballzirkulation.

Die Staffelung in Ballbesitz war gleichzeitig die Ausgangsposition für das Gegenpressing. Nach Ballverlust befanden sich immer mindestens drei Spieler in Ballnähe und attackierten den Gegner. So konnten unzählige Bälle binnen Sekunden zurückgewonnen werden. "Wir müssen die Konter kontrollieren" ist eine der am öftesten von Guardiola wiederholten taktischen Vorgaben.

Ancelotti verfolgt bei der Arbeit gegen den Ball einen anderen Ansatz. Nach Ballverlust lässt sich die Mannschaft zurückfallen, um mit möglichst vielen Spielern hinter den Ball zu kommen. Das Problem dabei: Den Offensivspielern der Münchener scheint diese Vorgehensweise nicht zu liegen. Das aggressive Zurückerobern des Balles mit der Chance auf einen direkten Gegenstoß ist für Spieler wie Lewandowski, Müller, Ribéry und Co. offenbar verlockender.

Eurosport-Check: Grundsätzlich sind die Bayern noch auf Kurs, alle Titel können noch erreicht werden. Der Fußball, der unter dem neuen Trainer gespielt wird, unterscheidet sich qualitativ jedoch stark von den vergangenen Jahren. Natürlich waren die kurze Sommerpause und die vielen englischen Wochen zuletzt nicht gerade die optimalen Voraussetzungen für das Einstudieren einer neuen Spielidee. Doch selbst bei einer längeren Eingewöhnungszeit und bei besserer Form der einzelnen Spieler scheint es derzeit fragwürdig, ob die Mannschaft und die Ideen Ancelottis wirklich zusammenpassen.

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