Wer sich den Kader des SC Freiburg anschaut, findet eine Mischung aus Spielern ohne bzw. mit wenig Bundesligaerfahrung und Akteuren, die es bei anderen Vereinen nicht wirklich geschafft haben. Auch ein Blick in die Statistiken lässt den SC Freiburg nicht wie eine Spitzenmannschaft wirken: Bei Ballbesitz, Passgenauigkeit und Torchancen liegen sie jeweils im Mittelfeld der Liga. Keine herausragenden Einzelspieler, keine dominanten statistischen Merkmal? Warum steht diese Mannschaft eigentlich auf Platz fünf?

Kollektive Arbeit gegen den Ball

Die oft bemühte Floskel, der Star sei die Mannschaft, trifft beim SC Freiburg ausnahmsweise zu. Das Spiel des Tabellenfünften ist in jeder Hinsicht sehr auf Kollektivität angelegt. Meistens lässt Trainer Christian Streich sein Team im 4-4-2 auflaufen. Hier gibt es vor allem gegen den Ball ganz klare Abläufe, die sehr sauber umgesetzt werden.
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Die Doppelspitze ist gleichzeitig die erste Verteidigungsreihe. Um dem Gegner den Spielaufbau zu erschweren, greifen Freiburgs Stürmer auf das sogenannte taktische Mittel des Abkippens zurück: Ein Stürmer läuft den ballführenden Innenverteidiger so an, dass dieser nach außen gedrängt wird. Gleichzeitig lässt sich der zweite (ballentfernte) Stürmer diagonal nach hinten fallen, um den Passweg in den Bereich der Sechser zu schließen.
Dieses Prozedere ist Standard und fester Bestandteil der DFB-Trainerausbildung. Doch nur weil jeder dieses taktische Mittel kennt, wird es längst nicht von allen erfolgreich umgesetzt. Das gegenseitige Beobachten sowie das richtige Timing bei den Tempowechseln sind große Herausforderungen für die balljagenden Spieler. Doch Freiburg gelingt es: Nur sehr selten kann der Gegner durchs Zentrum aufbauen – und vom Flügel aus sind die Möglichkeiten zur Spielfortsetzung nun einmal durch die Außenlinie begrenzt.

Risiko als Fluch und Segen

Wurde der Gegner auf den Flügel gelenkt, verhält sich der Freiburger Defensivblock sehr ballorientiert. Alle Spieler schieben eine Position rüber und verknappen den Raum im Bereich des Balles. So werden Überzahlsituationen geschaffen, die den Zugriff im Zweikampf erleichtern.
Auch hier zeichnen sich die Breisgauer durch hohe Disziplin, gute Abstände und gutes Timing aus. Meistens jedenfalls. Diese Spielweise birgt nämlich auch Risiken. Passen die Abstände mal nicht und der Gegner kann ins Zentrum spielen oder verlagern, drohen Unterzahl- oder Gleichzahlsituationen in großen Räumen.
Diese sind ohnehin nicht leicht zu verteidigen. Da Freiburg zudem eben nicht über herausragende Individualisten verfügt, die solche Situationen immer erfolgreich lösen, sind diese Aktionen Gift für das Pressing der Breisgauer.
Wird der Ball hingegen gewonnen, schaltet Freiburg blitzschnell um. Sie fahren keine klassischen Konter mit vielen langen Bällen hinter die Abwehrkette, sondern suchen im offensiven Umschaltmoment das Kombinationsspiel. So werden die Stürmer eher in den Fuß angespielt statt in den Lauf. Diese lassen dann auf die nachrückenden Mittelfeldspieler klatschen und ermöglichen ihnen, mit Gesicht zum Tor Tempo aufzunehmen. Durch diese Spielweise holen die Freiburger wieder mehr Mitspieler in die Nähe des Balles, was wiederum zur Absicherung gegen mögliche Konter des Gegners beiträgt. Auffällig: Wie auch im Defensivverhalten kaschiert dieser Ansatz die individuelle Unterlegenheit durch einen klaren Fokus auf Kollektivität.

Fleiß und Mut

Ständiges Verschieben zum Ball, kompaktes Nachrücken in beide Richtungen: Dass der SC Freiburg regelmäßig mehr Kilometer abspult als der Gegner ist keine Überraschung. Dieser Fleiß wird kombiniert mit einer ordentlichen Prise Mut.
Bester Beweis dafür: Freiburg spielt so gut wie nie Unentschieden. Ganze fünf Remis aus 32 Partien sind sehr ungewöhnlich – nur Hertha und Absteiger Darmstadt haben weniger vorzuweisen. Der Mannschaft von Streich ist der absolute Siegeswille stets anzumerken, auch bei einem zwischenzeitlichen Remis gegen Spitzenmannschaften gehen sie auf den Dreier.

Florian Niederlechner vom SC Freiburg

Fotocredit: Getty Images

Besonders in der Hinrunde führte dies zu einer kuriosen Statistik, als sie fast regelmäßig zwischen Sieg und Niederlage wechselten. Mit ihrer kraftraubenden Spielweise haben sie zu Hause mit Unterstützung des Publikums starke 31 Punkte gesammelt, auswärts waren es immerhin zehn.
Eurosport-Check: Mut, Fleiß, ein kollektiver Spielstil mit vielen nahezu unbeschriebenen Blättern im Kader: Der SC Freiburg verkörpert die Rolle des Underdogs, der über sich hinauswächst, optimal. Die Analyse zeigt jedoch, dass sie kein One-Hit-Wonder sind, sondern durch ihre klaren taktischen Abläufe das Fundament für weitere erfolgreiche Spielzeiten gelegt ist. Ob nun am Ende ein Startplatz für die Europa League herausspringt oder nicht: Christian Streich und sein Team sind definitiv Gewinner dieser Saison.
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