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Der LIGAstheniker: Hannes Wolf und der VfB - Die Dämmerung der Jungtrainer

Der LIGAstheniker: Hannes Wolf und der VfB - die Dämmerung der Jungtrainer

29/01/2018 um 13:42Aktualisiert 29/01/2018 um 16:13

Einen Tag nach der Niederlage gegen den FC Schalke trennt sich der VfB von seinem Trainer Hannes Wolf - er selbst habe den Anstoß dazu gegeben. Die Demontage des jungen Mannes hatte allerdings schon vorher begonnen, am Ende wurde der 36-Jährige von einem alten Wolf gerissen. LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath über das Schicksal der "Jungtrainer".

Es war kein gutes Wochenende für die jungen deutschen Laptoptrainer, um die uns die Fußballwelt beneidet, nur Mehmet Scholl nicht.

Julian Nagelsmann untermauerte beim 2:5 seiner Hoffenheimer gegen die Bayern eindrucksvoll, dass er derzeit nur Mittelmaß kann, und dann auch noch der kleinkarierte Rauswurf von Hannes Wolf beim VfB hinzu, den man selbst bei objektiver Betrachtung als ziemlich hasenfüßig bezeichnen kann.

Mein lieber Scholli fühlt sich jetzt sicher total bestätigt.

Reschkes falsches Spiel

Gerade der Fall Wolf zeigt mustergültig, wie die Frontlinien in den Bundesligaklubs zwischen den Hoffnungsträgern und den Altvorderen verlaufen können. Also zwischen denen, die theoretisch bestens ausgebildet, vollgepackt mit neuen Ideen, dem ältesten Spiel der Welt einen neuen Zugang abgewinnen wollen.

Pep Guardiola ist ihr Held und zuletzt haben "die Tedescos, die Wolfs" (so nennt sie Scholli) Cheftrainerposten ergattern können, wie das früher undenkbar gewesen wäre. Und den Neururers, Labbadias, Magaths dieser Fußballwelt, die sich viele zu lange in einem selbstreferentiellen Rotationsprinzip gegenseitig ersetzt haben, solange bis man die ewig gleichen Gesichter nicht mehr ertragen konnte.

Plus die Besitzstandswahrer in den Funktionärsetagen, denen das Gerede von der "abkippenden Sechs" und der "falschen Sechs" schon länger mächtig auf den Zeiger geht.

Als der Sportdirektor des VfB, Michael Reschke, am Samstag nach der Stuttgarter Niederlage gegen Schalke zu einer möglichen Entlassung Wolfs befragt wurde, sagte Reschke, ein Altvorderer, der lange bei Bayern im zweiten Glied stand und der seit dem Sommer in Stuttgart endlich auch mal die erste Geige spielen darf, wörtlich: Er könne das "komplett ausschließen".

Keine sechs Stunden später war Wolf kein Stuttgart-Trainer mehr. Wer unbedingt die erste Geige spielen will, der spielt eben auch mal falsch.

Warum diese Demontage?

Wolf soll laut Aussage Reschkes nach der Niderlage gegen Schalke nicht mehr sicher gewesen sein, ob er die Mannschaft noch erreiche, seine Demontage im Eiltempo begann allerdings bereits vergangenes Wochenende.

Zugegeben ganz schwache Schwaben verloren gegen Mainz und was macht Reschke? Er spricht über seinen Cheftrainer wie über einen Schulbub, der erstmal in die Nachhilfe müsse, weil er es offenbar allein nicht draufhat. Wir müssen uns taktische und spielerische Alternativen überlegen. So klang das. Wir! Der Bub und ich. Danach saß der peinlich berührte Wolf mit hochrotem Kopf im "Sportstudio" und wusste nicht wie ihm geschah.

Es war also nicht so, dass der deutlich ältere, erfahrenere Sportdirektor seinen Schützling, dem er den Neuanfang im Traditionsklub zutraut, vor den Unwägbarkeiten des Geschäfts bewahrte. Im Gegenteil: Deutlicher hätte Reschke seinen Trainer nicht ans Messer liefern können: Zu jung, zu unerfahren, nicht kompetent genug. Warum hat er das getan?

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VfB-Präsident als Cheflobbyist

Nochmal: Mit Wolf ist der VfB in die erste Liga aufgestiegen. Kein einziges Mal waren die Stuttgarter in dieser Spielzeit auf einem Abstiegsplatz. Auch nach den letzten Niederlagen hat der VfB immer noch drei Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.

Vor diesem Hintergrund soll die Entlassung alternativlos gewesen sein? Die Stimmung, schreibt der "Spiegel", ist in Stuttgart schon länger viel nervöser und schlechter als sie qua Wirklichkeit sein müsste.

Und es gibt Indizien, dass in Stuttgart gar nicht die, die das sportliche Knowhow besitzen, das Sagen haben, sondern Betriebswirte, Erbsenzähler und Sponsoren. Namentlich: VfB-Präsident Wolfgang Dietrich, ein Unternehmer und Mercedes-Benz. Sahen beide ihr Investment in Gefahr durch einen Jungspund, der bis Reschkes Äußerungen ein Versprechen war auf die Zukunft des Vereins und zwei Wochen später nicht mehr tragbar?

Präsident Dietrich wirkte zuletzt allzu oft wie der Cheflobbyist seines eigenen Hauptsponsors, wenn er für seinen Klub, immerhin ein Aufsteiger, als Saisonvorgabe das obere Tabellendrittel ausgab. Realistisch? Wohl kaum.

Dämmerung der Jungtrainer

Es hätte was mit Anstand zu tun gehabt, Wolf die Chance zu geben im Kellerduell gegen Wolfsburg am nächsten Wochenende das Momentum herumzureißen. Das hatte er sich mindestens erarbeitet - insofern er selbst noch gewollt hätte.

So aber suchen Dietrich und der Autobauer jetzt auch in Stuttgart, wie zuvor die Kollegen in Hamburg oder München, verzweifelt das Gegengeschäftsmodell zum Aufbruch. Den kleinsten gemeinsamen Nenner, der den Verein kennt, Spielern und Fans gleichermaßen zuzumuten ist. Das Momentum heißt jetzt: Hollerbach und Heynckes - Die Alten schlagen zurück. Das ist nicht innovativ und auch nicht nachhaltig, sondern stark rückwärtsgewandt und bestenfalls kurzfristig beruhigend.

Stevens, Labbadia oder Jens Keller, irgendeiner der alten Recken wird’s in Stuttgart schon machen. Sandro Schwarz in Mainz sollte aufpassen, das er nicht der nächste ist, der in der Dämmerung der Jungtrainer von den alten Wölfen gerissen wird.

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