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Der LIGAstheniker: Hurra, Hurra, der Fußball brennt - Willkommen am Ende, lieber HSV!

Der LIGAstheniker: Hurra, Hurra, der Fußball brennt - Willkommen am Ende, lieber HSV!

26/02/2018 um 11:14

Was für eine Horror-Saison für den Hamburger SV! Trotz Trainerwechsel schlittern die "Rothosen" Richtung Liga 2 - es wäre der erste Abstieg des HSV in der Bundesliga-Historie. Doch auch abseits des Platzes herrscht dicke Luft: asoziales Fan-Verhalten beim Nordderby, ein umstrittener Neu-Präsident, finanzielle Probleme. Der LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath sieht für den "Dino" schwarz.

Wenn im modernen Fußball davon die Rede ist, dass eine Mannschaft ein Feuerwerk abbrennt, dann ist das eine Metapher für eine Elf auf der Höhe ihrer Kunst. Als Team, spielerisch, emotional. Aus elf Einzelkönnern filtert sich ein Gesamterlebnis, das einem oft noch Jahre später in Erinnerung ist. So entstehen Helden und Legenden. Der Gag ist: Dass der HSV eine solche Mannschaft sein könnte, würde einem selbst an Silvester nicht in den Sinn kommen.

Der HSV ist keine Metapher, er ist Synonym für eine sportliche und finanzielle Misswirtschaft, die offenbar zur asozialen Sinnentleerung ausarten kann, wie das Verhalten der Hamburger Pyrotechniker im Nordderby vom Wochenende beweist. Der Fan- und Volkssport Fußball mutiert zum Schlachtfeld.

Neue Gesichter, alte Hüte

Aber auch ein Verein, der am Ende angekommen ist, braucht einen Präsidenten, ein frisches Gesicht dazu, der Neuanfang und Aufbruch symbolisiert. Beim HSV sind frische Gesichter gerne alte Hüte. Seit einer Woche darf also wieder einmal Bernd Hoffmann den ersten HSV-Retter spielen. Bereits zwischen 2003 und 2011 war Hoffmann HSV-Präsident.

Video - Drei Rettungen in vier Jahren: Bleibt die HSV-Uhr diesmal stehen?

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Man kann sagen, ohne ihm persönlich nahezutreten, es war am Ende keine glückliche Ära. Anfangs noch spielten die Hamburger vorne in Liga, Pokal und UEFA-Cup mit, aber immer öfter atmete der Traditionsklub unter Hoffmann nur noch die Mittelmäßigkeit, die seinem selbsterwählten Nimbus unwürdig ist und die er heute gerne hätte. Man kann also sagen, Hoffmann hat knapp zehn Jahre mit viel Geld Ideenlosigkeit verwaltet, statt professionelle Strukturen zu etablieren, das haben (viel zu spät) andere gemacht mit der Ausgliederung der Fußballer in eine AG 2014. So dass heute, schaut man bei Wikipedia rein, das Aushängeschild des Vereins nicht die Fußballer, sondern die Beachvolleyball-Olympiasiegerinnern Laura Ludwig und Kira Walkenhorst sind. Und das völlig zu Recht.

Hoffmanns früher Makel

Hoffmanns Wiederwahl ist problematisch und schon jetzt mit einem Makel versehen. Die Wahl war hauchdünn, so dass man korrekterweise sagen kann, dass er die Hälfte des Klubs gegen sich hat. Nur zum Vergleich, etwa beim deutlich erfolgreicheren Antipoden im Süden: Beim FC Bayern werden Präsidenten gerne ohne Gegenkandidaten mit annähernd hundert Prozent der Stimmen deklamiert. In seiner Dankesrede sprach Hoffmann dann tatsächlich davon, mit 4.000 oder 5.000 Anhängern nach Bremen reisen zu wollen "und dann werden wir dort mal so richtig aufmischen". Eine Aussage, die er einen Tag später wieder abschwächte, aber wie das aussieht, wenn Hoffmann "aufmischt", seine Anhänger mobilisiert und in Wallung bringt, das hat man an diesem Wochenende gesehen.

Gerne wird auch Finanzvorstand Wettstein vorgeschickt, der auf der Website des Klubs den Pyroidioten mit Geldstrafen und harter Hand droht. Wenig glaubwürdig! Abgesehen von der Frage, wie soviel gefährliche Pyrotechnik überhaupt ins Stadion gelangen kann, müsste "Zündler" Hoffmann derjenige sein, der wegen Anstiftung abgemahnt wird. Aber das geht ja nicht: der Bernd ist ja gerade erst gewählt, da kann man ihn nicht gleich wieder beschädigen.

Ein verlorener Verein

Der HSV ist, und da brauche ich nicht mal ein intimer Kenner des Klubs zu sein, ein verlorener Verein, ein kaputter Klub. Einen schlechteren Fußball sehe ich an keinem anderen Bundesliga-Standort; ein seelenloser Kader, der hinten und vorne nicht zusammenpasst; ein Gehaltsgefüge, das in Relation zur gezeigten Leistung eine Farce ist; ein Gesellschafterkuddelmuddel, bei dem keiner mehr weiß, wer was zu sagen hat.

Als Vorstandsboss Heribert Bruchhagen am Wochenende gefragt wurde, ob nach dem bisher glück- und sieglosen Bernd Hollerbach noch ein weiterer Trainerwechsel in der Saison denkbar sei, da wusste er gar nicht recht was er sagen sollte.

Hollerbach sei nicht das Problem, der arbeite hervorragend, sagte Bruchhagen, die Probleme lägen tiefer. Wie tief, das beschrieb mit einem Satz das Transparent, das während der Partie gegen Leverkusen in der Hamburger Kurve zu lesen war und das einem wirklich Angst machen kann, weil es alles aufkündigt, selbst die Mindeststandards an Benimm in unserer Gesellschaft: "Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt".

Der HSV ist als Sportverein moralisch am Ende. Spätestens seit Samstag weiß das die ganze Republik.

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