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Der LIGAstheniker: Nur der Abstieg kann den HSV retten

Nur der Abstieg kann den HSV retten

12/03/2018 um 14:24Aktualisiert 12/03/2018 um 15:45

Die Misere des HSV manifestiert sich beim FC Bayern München zu einem Schauspiel der traurigen Art (0:6). Der LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath nimmt sich der Krise des Hamburger SV an und sieht den Abstieg als einzige Chance. Denn mit dem aktuellen Kader, dem neidprovozierenden Gehaltsgefälle und dem Strukturwirrwarr in den Teppichetagen ist der HSV so etwas wie das 1860 des Nordes.

Warum der HSV schon lange und jetzt längst überfällig in die zweite Liga gehört, bewies er am Wochenende in der Verdichtung eines einzigen Fußballspiels. Im Grunde reichten die ersten 24 Minuten der Hamburger gegen den FC Bayern München, da stand es bereits 3:0 für den neuen Meister und das Symbol des Niedergangs der Hamburger in den letzten Jahren stand da schon nicht mehr auf dem Platz: Dennis Diekmeier.

Diekmeier, dienstältester HSV-Spieler, der gerne erzählt, dass er schon als Kind die Raute in seinem Herzen trug, der beinharte Verteidiger, der für seine schier endlose Kampfkraft und Robustheit bekannt ist, demontierte mit einer lachhaften Einstellung das eigene Team.

Coach Hollerbach holte ihn also in der 24. Minute wieder vom Feld und brachte Vasilije Janjicic. Dass der Schweizer Janjicic sich im Training aufgedrängt hätte, konnte man nicht unbedingt behaupten.

Janjicic, 19, hatte zwei Wochen zuvor einen Verkehrsunfall verursacht, ohne Führerschein und mit Alkohol im Blut. So sieht er also aus der Neuanfang unter dem neuen starken Mann Bernd Hoffmann.

Hoffmanns fehlende Instinkte

Apropos. Wo war der eigentlich am Samstag in München? Er, der zwei Tage vor dem Spiel in München mit Vorstandsboss Bruchhagen und Sportdirektor Todt die gesamte sportliche Führung des Klubs beurlaubt hatte. Er war, so hieß es, noch im Familienurlaub in Dubai. Das ist, bei allem Verständnis für die Familie, zumindest ein bemerkenswertes Zeichen, das Hoffmann da setzte.

Ein Chef, der es in der schlimmsten Klubwoche der allerjüngsten Vergangenheit nicht für nötig hält, gerade jetzt dem verunsicherten Team, dem hilflosen Trainer zur Seite zu stehen, klar zu machen, wir gehen da jetzt gemeinsam durch, dem fehlen schlicht die Instinkte für eine Kehrtwende, von der Hoffmann seit seiner Wiederwahl ständig spricht.

HSV-Boss Bernd Hoffmann

HSV-Boss Bernd HoffmannSID

Man denke nur an die Hamburger Pyroidioten in Bremen, die sich von Hoffmanns Antrittsrede („Wir werden dort mal so richtig aufmischen“) allzu wörtlich inspirieren ließen. Auch wenn er sich davon heute distanziert: Hoffmann spiegelt, obwohl erst drei Wochen im Amt, in großer Kontinuität das Versagen dieses vielleicht größten deutschen Traditionsvereins der Bundesliga: viel zu großspurig, viel zu präpotent um die katastrophale Lage nüchtern und realistisch einschätzen zu wollen.

Schon im Persönlichen fehlt Hoffmann jedes Spurenelement an der jetzt nötigen Demut. Statt "Ich habe verstanden", immer weiter drauf. Wie er so seinen Klub strukturell erneuern will, bleibt sein Geheimnis.

Der HSV - das "1860 des Nordens"

Der HSV gehört, so bitter das für seine Anhänger sein mag, schon deshalb in die zweite Liga, um die führungs- und sportethischen Leitplanken des Klubs neu einzupflanzen. Der Verein ist auf vielen Ebenen verkorkst, das kriegt man im Druckmodus eines laufenden Erstligabetriebs nicht mehr gerichtet.

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Auch ist es dringend notwendig, dass der Klub mit deutlich weniger Geld endlich wieder zu mehr Knowhow gezwungen wird. Die aktuelle Kaderzusammenstellung, das neidprovozierende Gehaltsgefälle, das Strukturwirrwarr aus Klub-Verantwortlichen und Geldgebern, der HSV ist, – und jetzt ganz stark sein, liebe HSVer - das 1860 des Nordens!

Es ist nur zu vermuten, warum gerade Dennis Diekmeier im Sturm des Abstiegskampfes keinen Bock mehr auf seinen als Kind so geliebten HSV hat. Liegt es daran, dass ihm der Klub einen Anschlussvertrag zu seinen grotesken Vorstellungen (über 2 Mio./Jahr, für drei Jahre) erst kürzlich verweigert hatte und er deshalb jetzt die eigene Mannschaft im Stich lässt?

Es würde ins Bild passen: Dennis Diekmeier, so steht es bei Wikipedia, hatte letztes Jahr einen Gastauftritt in der ZDF-Krimiserie "Notruf Hafenkante". Titel der Folge: Die Nervensäge. Dass trifft es doch ganz gut für einen Klub, den wir jetzt noch achtmal ertragen müssen.

Video - Wer wird neuer HSV-Trainer? Fans träumen von Basler, Rehhagel, Neururer

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Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de . Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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