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Der LIGAstheniker: Schluss mit der Scheinheiligkeit, her mit den Scheichs!

Der LIGAstheniker: Schluss mit der Scheinheiligkeit, her mit den Scheichs!

05/02/2018 um 14:42Aktualisiert 05/02/2018 um 19:49

Die 50+1-Regel - für Millionen Deutscher Fußballfans ist sie der letzte Strohhalm am Fußball als Volkssport. Für die Deutsche Fußball-Liga (DFL) eher ein Störfeuer im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs. Deswegen soll sie bald fallen. Doch LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath geht das noch nicht weit genug. Er fordert: Mehr Scheichs in den deutschen Fußball.

Es ist vielleicht der letzte große Kulturkampf, den die Bundesliga gerade ausfechten muss. Das Kuriose daran ist, dass sie nicht so genau weiß, ob sie ihn auch gewinnen will.

In den groben Linien geht es darum, ob die eingetragenen Vereine, aus denen die Profimannschaften ausgegliedert wurden, die Macht bei den Bundesligaklubs behalten sollen. Oder ob in Zukunft jeder Klub für sich entscheiden kann, ob ein Scheich, ein SAP-Gründer oder ein Koffeinbrausemagnat die Geschicke der Klubs bestimmen darf.

Schon zuvor hatten erste Vorabmeldungen angedeutet, dass ihm die DFL sein Bestreben verweigern würde. Was auch deshalb kurios anmutete, weil genau diese DFL die bestehende Regel am liebsten sofort abschaffen würde, weil sie um die internationale Wettbewerbsfähigkeit fürchtet. Einen Aufstand der Fans fürchtet die DFL mindestens so sehr. Die Liga muss endlich entscheiden, wie ehrlich sie sein will.

50+1 verstößt gegen EU-Recht

Bei Lichte betrachtet ist die 50+1-Regel, die es nur in Deutschland und sonst in keinem anderen Land gibt, tatsächlich grober Unfug. Vor allem fördert sie die Ungleichheiten innerhalb der Liga. Kind hat vorab kundgetan, dass er bei einer Ablehnung dagegen klagen möchte. Und da Kind ein vermögender Mann ist, der sich durch alle Instanzen klagen kann, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Regel ganz kippt. 50+1 verstößt gegen EU-Wettbewerbsrecht. Kind wäre der erste, der das ungeschriebene Commitment der Liga aufbricht und klagt. Es wird auch Zeit.

Das Commitment, wonach man die Chancengleichheit innerhalb der Bundesliga bewahren, das wirtschaftliche und sportliche Auseinanderklaffen zwischen oben und unten in der Tabelle verhindern, Misswirtschaft eindämmen möchte, ist auch in der Bundesliga schon längst ad absurdum geführt.

In Hoffenheim hat SAP-Gründer Dietmar Hopp 96 Prozent des Kapitals bereitgestellt, seine Stimmrechte sind bisher auf 49 Prozent beschränkt. Aber glaubt wirklich irgendjemand, dass in Hoffenheim etwas gegen Hopp entschieden werden kann? In Leipzig hat Dietrich Mateschitz 99 Prozent des Kapitals bereitgestellt. Um sicherzustellen, dass mit seinem Geld kein Schindluder getrieben wird, hat er sieben Red Bull nahestehende Gründungsmitglieder installiert, die die Stimmrechte halten.

Scheinheilige Regel

Bei den Werksklubs in Leverkusen und Wolfsburg ist es noch offensichtlicher: 100 Prozent Bayer und Volkswagen AG. Die Daimler AG, die beim VfB Stuttgart zwar nur knapp 12 Prozent der Anteile hält, aber zuletzt immer deutlicher wurde, wie sehr sie das operative Geschäft mitbestimmt. Und wenn es um Misswirtschaft geht, da macht dem HSV keiner was vor, der mehr als 60 Millionen Euro seines Gönners und Edelfans Klaus-Michael Kühne im Rekordtempo und in Rekorderfolglosigkeit durcherhitzte.

Die Regel werde "unterlaufen", sagt der DFB und zeigt sich besorgt. Unternommen wird nichts dagegen. Was DFL-Chef Christian Seifert davon hält, machte er beim Neujahrsempfang im Januar klar. Heritage, Traditionen, Fanbelange, sind seine Sache nicht. Er fordert knallharten Kommerz "mit allen Konsequenzen", wie er sagt. Die Bundesliga ist für ihn ein ganz normales Wirtschaftsunternehmen, auch wenn es das natürlich gar nicht ist. Aber dafür ist es längst zu spät.

Warum soviel Herumgedruckse?

Nun ist es ja nicht so, dass die Bundesliga sportlich eine ausgesprochen ausgeglichene Liga wäre. Im Grunde kann man sogar sagen, ist die Meisterfrage in der Bundesliga noch langweiliger als in England und Spanien - und selbst da ist schon alles entschieden.

Die "Bild"-Zeitung hat schon ausgerechnet, dass Bayern im Idealfall an Ostern Meister sein könnte. Das schafft selbst Barcelona nicht. Es wäre die sechste Meisterschaft in Folge, die keine Regel verhindern konnte. Die Bundesliga tut gerne so, als wäre sie im Vergleich zur Scheich- und Oligarchenunkultur in England, Spanien oder Frankreich moralisch besser, integerer. Nach außen hin klopft man sich ob des eigenen Geschäftsethos auf die Schulter, insgeheim lechzt man nach den Optionen der anderen. Wenn wir nur endlich auch soviel Geld hätten, dann aber...

Es ist ein scheinheiliges Gebrumme. Warum steht keiner auf und sagt was er will? Auch Kind in Hannover hat das nicht mit der nötigen Offenheit getan, um seinen Kritikern zu begegnen. Um Anhänger und Fans geht es im Big Business Bundesliga schon lange nicht mehr und die wissen das auch. Warum also immer dieses Herumgedruckse, wenn es um Macht und Geld geht?

Gesucht: Regel mit Scheichs

Ich persönlich kann keinen großen Unterschied erkennen zwischen Abu-Dhabi-Herrscher Mansour bin Zayed Al Nahyan, der sein Geld in ManCity steckt und Brause-Milliardär Mateschitz in Leipzig.

Mit der Historie des Klubs haben beide nichts zu schaffen (RB Leipzig hat nicht einmal eine Historie), und dass Unternehmer darauf schauen, was aus ihrem Investment wird, sollte legitim sein. Die sportliche Ungleichheit kann kaum größer werden, die wirtschaftliche Schere wird gerade auch mit Regel immer größer und Misswirtschaft ist vor allem auch eine Frage der sportlichen Exzellenz, auf die wir uns im Land des Weltmeisters immer soviel einbilden.

Die zynische Losung ist somit klar: Die Regel muss weg! Her mit den Scheichs!

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