Getty Images

Der LIGAstheniker: Zu viel Mittelmaß für das Wunderkind - die Krise des Julian Nagelsmann

Der LIGAstheniker: Zu viel Mittelmaß für das Wunderkind - die Krise des Julian Nagelsmann

19/02/2018 um 13:14Aktualisiert 19/02/2018 um 16:23

Julian Nagelsmann ist DAS große Trainertalent der Bundesliga. Er rettete 1899 Hoffenheim einst vor dem Abstieg und führt sie in die Champions League-Qualifikation - sein Weg zu Bayern München oder Borussia Dortmund war bereits vorgezeichnet. Doch nun ist der 30-Jährige erstmals Gegenwind ausgesetzt. Ist der Hype um ihn bereits verpufft? LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath hat eine klare Meinung.

Der Ligastatus von Julian Nagelsmann war auch schon mal besser. Nur ein Sieg seiner TSG Hoffenheim in den letzten acht Spielen - und der war gegen Mainz, Tabellensechzehnter. Und jetzt muss er sich auch noch beim Spiel auf Schalke vom Schiedsrichter-Assistenten beschimpfen lassen. Vom Assi, geht’s noch?

Geht man so mit einem Trainerwunderkind um, das vor gar nicht langer Zeit von den Zunftgrößen Bayern und BVB umschmeichelt wurde? Von dem Pep Guardiola schwärmt, wie es heißt, und der mit seinen jungen 30 Jahren an der Fußballbörse als "the next big thing" gehandelt wurde. Und heute? Ist der Nagelsmann-Rausch schon verflogen?

Ein guter Trainer, noch kein großer

Julian Nagelsmann ist ein guter Trainer. Das ist unbestritten. Ob er ein großer wird, ist völlig offen. Zwei Jahre ist er nun schon in Hoffenheim. Er rettete den Hopp-Klub vor dem Abstieg, schaffte im Jahr darauf die Champions League-Qualifikation, enttäuschte in dieser Saison in Europa League und Ligaalltag. Platz neun ist Mittelmaß.

Er hat also die ganze Bandbreite an Höhen und Tiefen in kurzer Zeit erlebt, das ist nicht neu in dem Job und auch nicht überraschend, aber vermutlich hat er selbst gedacht, dass sein Lauf länger halten würde. Vor allem haben Hopp und Klub darauf gesetzt. Das gilt es jetzt zu kapieren. Der Rausch, das alles, was Nagelsmann anfasst, zu Erfolg wird, ist großer Nüchternheit gewichen.

Naiver Nagelsmann

Was war nochmal das, was Nagelsmann besonders gut kann? Sich mit der kritikwürdigen Realität auseinanderzusetzen offenbar nicht. Wenn er, wie kürzlich im "kicker" eine "tendenziöse Meinungsmache" zu seiner Person vermutet, dann spricht da eine Naivität und Dünnhäutigkeit aus ihm, die ihm angesichts seiner Jugend und der - noch - fehlenden Erfolgsvita nicht gut zu Gesicht steht.

Darüber hinaus offenbart er eine erhebliche Wissenslücke in Bezug auf die medialen Mechanismen des hochkommerzialisierten Volkssports Fußball. Hochgejubelt, niedergeschrieben, hochgejubelt - will er uns weißmachen, dass ihm das vorher nicht klar war? Ein Jupp Heynckes darf, qua Lebensleistung, gerne mal dünnhäutig sein (was er selten genug ist), aber ein Nagelsmann?

Er offenbart taktische Mängel

Julian Nagelsmann ist ein Versprechen auf die Zukunft, das zweifellos. Mehr ist er noch nicht. Ein junger Bursche, der selbstbewusst genug ist, auch mal eine kesse Lippe zu riskieren. Der offenbar mit seiner direkten Art bei weiten Teilen seiner Mannschaft gut ankommt, der eine moderne Vorstellung vom Spiel besitzt, die seine Leute zuletzt kaum noch aufs Feld brachten.

Und der zuletzt in seinen taktischen Wechselspielchen viele Fragen aufwarf: Von der Startelf auf die Ersatzbank in die Startelf ist es unter Nagelsmann für einige Spieler nur eine Frage des jeweiligen Gegners, respektive des von Nagelsmann paukermäßig ausgetüftelten Matchplans, auf den er soviel Wert legt. Das Aufbauspiel der Hoffenheimer ist Mittelmaß, die Defensive selbst das nur mit Mühe.

Das Gefühl, dass Nagelsmann die bekannten Probleme der TSG abstellen konnte, hatte man zuletzt immer seltener. Und nur dass wir uns richtig verstehen: das ist eine Kritik, eine Analyse, keine tendenzöse Meinungsmache. Hier will niemand ein junges Talent fertig machen.

Video - Timo Werner im Interview der Woche: "Tuchel und Heynckes sind beeindruckend"

04:15

Noch Talent oder schon ein Star?

Dass Jugend und Talent noch kein Selbstzweck sind, wenn der Erfolg ausbleibt, das musste zuletzt Hannes Wolf in Stuttgart erfahren. Anders als Wolf aber hat Nagelsmann mit ganz oben geflirtet. Also von sich aus deutlich gemacht, dass er sich, zumindest in Deutschland, jeden Klubtrainerposten zutraut.

Nagelsmann glaubt von sich selbst, dass er längst mehr ist als "nur" ein Talent, er ist der Star, so benimmt er sich. Das ist zumindest keck. Wie soll man einen Satz wie den, dass der FC Bayern ihn noch ein bisschen glücklicher machen würde, anders verstehen als: lasst mich das mal machen, dann wird alles gut mit eurem Umbruch. Als wäre es vorstellbar, dass ein Vidal, ein Lewandowski, ein Thiago ihn überhaupt ernst nehmen?

Verglüht das nächste große Ding?

Die Antwort gab der große Heynckes in seiner ganz eigenen, altväterlichen Art schon vor ein paar Monaten. Er, Nagelsmann, solle doch noch ein paar Jahre in Hoffenheim bleiben und internationale Erfahrung sammeln, sagte Heynckes. Und bumm, das war kaum misszuverstehen: "In einem kleinen Verein kann man noch Fehler machen."

Die macht er gerade. Noch viel mehr sollten nicht dazukommen, sonst ist das mit der internationalen Erfahrung eh hinfällig und dann verglüht womöglich das nächste große Ding im deutschen Fußball.

0
0