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Der LIGAstheniker - Zwischen Sevilla und Strukturreform: Die Gratwanderung des FC Bayern

Der LIGAstheniker - Die heikle Gratwanderung des FC Bayern

02/04/2018 um 11:05Aktualisiert 02/04/2018 um 13:19

Je weniger sportlich der FC Bayern gefordert wird, desto mehr Reformstau häuft sich an der Säbener Straße an. Die großen Problemfelder - Trainersuche, Umbruch/Robben und Ribéry, Lewandowski-Zukunft, 50+1 - die die Bayern mindestens seit der Ancelotti-Entlassung nach dem ersten Saisondrittel mit sich herumtragen, sind auch weiter ungelöst.

Sechsnull also! Herrjemine! Danach war wahlweise von einem "Wahnsinnspiel", einem "Jahrhundertspiel", einem "Spiel für die Geschichtsbücher" die Rede. Man hätte es auch etwas nüchterner formulieren können: Bayern gegen Dortmund war der Sargnagel auf eine der spannungsärmsten Bundesliga-Spielzeiten seit ich denken kann.

Der deutsche Clásico, so der lächerliche Euphemismus für das, was da am Samstag stattgefunden hat, übertragen in alle Welt als Ausdruck einer Ligastärke, um deren Ausgeglichenheit und Spannung uns angeblich ganz Europa beneiden soll.

Der Clásico ist mausetot und bitte fangt nächstes Jahr nicht wieder damit an. Was die Bayern in dieser Liga noch wollen, ist unverständlicher denn je. Rummenigge sagt das ja schon lange, jetzt hab' ich es auch kapiert.

Große Problemfelder ungelöst

Der Abstand der Bayern zum ganzen Rest ist auch deswegen so ernüchternd, weil sie ja selbst auf Sinnsuche sind. Sportlich haben sie mehr mit ManCity, Barcelona oder Juve gemein als mit Freiburg, Hamburg oder Mainz, Dortmund, Leverkusen oder Leipzig. Seit der wunderbare Herr Heynckes die Bayern in großer Gelassenheit und Leichtigkeit über den Rasen tanzen lässt, ist es eine Dreiklassengesellschaft geworden.

Video - Ribéry in Galaform - unser Hero of the Week lässt den FC Bayern feiern

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Die Bundesliga-Titanic: Die Bayern besetzen die oberste Klasse, die zweite ist unbesetzt, in der dritten befindet sich der Rest. Ironischerweise ist genau das so gefährlich für den neuen Meister. Je weniger sie sportlich gefordert werden, je weniger Druck erzeugt wird, desto mehr klubinterner Reformstau häuft sich an an der "Säbener".

Die großen Problemfelder - Trainersuche, Umbruch/Robben und Ribéry, Lewandowski-Zukunft, 50+1 - die die Bayern mindestens seit der Ancelotti-Entlassung nach dem ersten Saisondrittel mit sich herumtragen, sind auch weiter ungelöst. In Sachen strategischer Klubführung sind Rummenigge und Hoeneß derzeit nur Mittelmaß, so scheint es.

Kalles Eigentor

Zwei Beispiele: An der entscheidenden DFL-Sitzung, auf der die 50+1-Regel bestätigt wurde, nahm Bayern-Boss Rummenigge gar nicht persönlich teil, obwohl es sein persönlichstes Anliegen ist. Warum nicht? Er schickte Finanzvorstand Dreesen, anstatt selbst einen flammenden Appell an seine Chef-Kollegen zu richten. Seitdem poltert Kalle öffentlich bei jeder Gelegenheit gegen diese Entscheidung, die, das was weiß er heute selbst, ein Eigentor des Vorstandsvorsitzenden war. Die Beibehaltung der von Rummenigge gehassten 50+1-Regel wird der dunkle Fleck auf dieser Bayern-Saison sein, selbst wenn sie das Triple holen sollten.

Warum darf Tuchel die Bayern blamieren?

Oder Tuchel. Den haben sie so lange hingehalten, bis er keine Lust mehr hatte und seine Absage in aller Öffentlichkeit und mit großer Lust inszenierte. Die Stimmung, die er transportierte, dass es noch etliche andere Klubs in Europa gebe, die attraktiver seien als die ständig um sich selbst kreisenden Bayern, beschädigten die Aura des Klubs. Hat man schon mal von einem Trainer gehört, der nicht zu Barcelona wollte oder Real?

Ein Trainer, der die Spielidee des FC Bayern der Zukunft gestalten soll, ist auch weiterhin nicht gefunden. Und egal wer es wird, ob Favre, Kovac oder Hasenhüttl (Frage an mich selbst: Warum traf sich Sportdirektor Salihamidzic vor nicht mal zwei Wochen in einer Münchner Szenebar mit Thorsten Fink? Sicher nur gute Freunde!), er wird das Geschmäckle nach München mitbringen, eben nur Kandidat Nummer drei zu sein (nach Heynckes und Tuchel), das schwächt ihn in der Umkleide von Beginn an.

Angst vor der Ad hoc-Krise

Es ist also mitnichten so, dass die Bayern, die auf dem grünen Rasen alles richtig machen, am grünen Tisch genauso treffsicher sind. Das Gegenteil ist der Fall. Man wiegt sich in Sicherheit, weil es sportlich überragend läuft. Nur was passiert, wenn den Bayern am Dienstag in Sevilla ein schwarzer Tag unterläuft? Ein Ausscheiden in der Champions-League würde diese Erfolgs-Bayern mit nur zwei Spielen in eine relevante Ad-hoc-Krise führen. Wenigstens wäre der Druck dann groß genug, die strukturinternen Reformen endlich anzugehen.

Video - Der komplette kicker.tv Talk: Welchen Trainer braucht der FC Bayern?

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