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Fragen und Antworten zum Elfmeter-Kuriosum nach Videobeweis in Mainz

Regelkonform oder nicht? Fragen und Antworten zum Videobeweis-Kuriosum

17/04/2018 um 17:43

Zwischen Mainz 05 und dem SC Freiburg ereignete sich am Montagabend eine Szene für die Geschichtsbücher. Schiedsrichter Guido Winkmann entschied Minuten nach dem Pausenpfiff auf Elfmeter und sorgte damit für ein Kuriosum. Das Regelwerk sieht für solche Fälle zwar eine klare Vorgehensweise vor, diese wird aber unterschiedlich ausgelegt. Eurosport beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist passiert?

Zehn Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit (44:50) bekommt Marc-Oliver Kempf den Ball nach einer Flanke von Daniel Brosinski im eigenen Sechzehner an den linken Arm. Schiedsrichter Guido Winkmann hat die Szene nicht gesehen, pfeift 17 Sekunden später (45:07) zur Halbzeit.

    Handgestoppte 37 Sekunden später meldet sich Videoassistentin Bibiana Steinhaus, vermutlich, nachdem sie das Handspiel in den ersten Zeitlupen erkannt hat. Steinhaus nimmt Kontakt zu Winkmann auf, der sich gerade mit dem Ball in der Hand auf dem Weg in Richtung Kabine befindet.

    Winkmann dreht plötzlich um, hat die Hand am Ohr und geht zum Monitor am Spielfeldrand, um sich die Szene selber noch einmal anzuschauen. Weitere zwei Minuten später deutet er an: es gibt Elfmeter.

    Guido Winkmann

    Guido WinkmannImago

    Kurios: Zu diesem Zeitpunkt ist die komplette Freiburger Mannschaft schon in der Kabine. Winkmann muss sie zurück auf den Platz beordern, um den Strafstoß auszuführen. 6:43 nach Pausenpfiff erzielt Pablo de Blasis das 1:0 vom Punkt. Ging da alles mit rechten Dingen zu?

    Was sagt das Regelwerk?

    Der IFAB (International Football Association Board) sieht für eine solche Situation, wie sie sich in Mainz zugetragen hat, eine Regel vor. Punkt 8.13 im Wortlaut:

    Der Schiedsrichter pfeift zur Halbzeit oder zum Spielende und der VAR kommuniziert dann, dass eine klare Fehlentscheidung oder ein nicht geahndeter Vorfall geschehen ist, bevor der Pfiff ertönte – kann der Schiedsrichter diesen Vorfall dann noch untersuchen?

    Der VAR ist einem Schiedsrichterassistenten gleichgestellt. Wenn ein Assistent auf eine irreguläre Situation hinweist, die vor dem Abpfiff des Schiedsrichters stattgefunden hat, kann dieser immer noch Aktionen tätigen, sofern er noch nicht das Spielfeld verlassen hat. Wenn solch eine Situation eintritt, sollte der VAR den Schiedsrichter umgehend informieren. Der Schiedsrichter kann die Spieler dann daran hindern, das Spielfeld zu verlassen.

    Aus dieser Passage geht hervor: Schiedsrichter Guido Winkmann und Videoassistentin (VAR) Bibiana Steinhaus haben grundsätzlich regelkonform gehandelt.

    Einziger Reibungspunkt: Winkmann hatte das Spielfeld bereits verlassen, als er sich ans Ohr fasste und damit offensichtlichen Kontakt nach Köln signalisierte. Wann genau Steinhaus Schiedsrichter Winkmann angefunkt hatte, auf oder neben dem Spielfeld, können die TV-Bilder nicht belegen. Video- und Tonaufzeichnung aus dem Kontrollcenter in Köln sollen nach SID-Informationen aber dokumentieren, dass Steinhaus den Kontakt zu Winkmann aufgenommen hat, als dieser noch auf dem Platz stand.

    Ferner ist auch fraglich, wie genau "Spielfeld" definiert ist. Handelt es sich um den kompletten Innenraum des Stadions oder wirklich um den durch die Seiten- und Torauslinien begrenzten Bereich?

    Wäre die Entscheidung mit Abpfiff genauso getroffen worden?

    Ein erneuter Blick in o.g. Auszug aus den VAR-Regeln des IFAB lässt diesen Schluss zu. Dort ist direkt im ersten Satz von Halbzeit oder Spielende die Rede. Der DFB legt die Regel in dem Fall aber etwas anders aus. Winkmann klärt auf:

    "Bei den Lehrgängen des DFB sprechen wir über solche Situationen. In der Offline-Phase hat es so eine Situation gegeben, da hätten wir nach dem Schlusspfiff nicht mehr eingreifen können. Die Halbzeitpause unterbricht eben nur das Spiel und man kann danach noch spieltechnische Strafen aussprechen. Nach dem Spiel gibt es heute nur die Möglichkeit zu einer Roten Karte. Das war früher auch anders, da hatten die Machtbefugnisse des Schiedsrichters mit dem Schlusspfiff geendet. Das sind eben die Regeln."

    Was sagen die Beteiligten?

    Guido Winkmann nach dem Spiel in der Mixed-Zone:

    "In der Situation selbst habe ich keine Wahrnehmung gehabt, dass es ein Handspiel gewesen sein könnte. Aus Köln kam dann der Hinweis, dass ich die Szene in jedem Fall selbst überprüfen muss, weil ein strafbares Handspiel vorgelegen habe. Weil ich schon abgepfiffen hatte, habe ich kurz den Hinweis gegeben, dass die Spieler bitte warten müssen. Ich bin dann zur Kontrolle rausgelaufen und habe mir die Szene nochmal angeschaut. Ich habe den weit abgespreizten Arm des Abwehrspielers gesehen, und der Ball geht unzweifelhaft an die Hand. Das ist ein strafbares Handspiel, das uns leider im Spiel verborgen geblieben war, aber durch den Videoschiedsrichter, beziehungsweise mich, dann festgestellt worden ist."

    Video - Verrückter Videobeweis gegen Freiburg: So reagiert Christian Streich

    01:11

    Was sagen die Experten?

    Lutz Michael Fröhlich (Leiter Video-Schiedsrichter) bei Eurosport:

    "Das sind Szenen, die eigentlich keiner haben will. Vom Ablauf her ist das keine Werbung, aber es war in diesem Fall tatsächlich nicht anders möglich. Damit muss man leben im Moment. Die Verständigung war wegen der ganzen Trillerpfeifen schwierig, der Schiedsrichter hat die Situation im Spiel überhaupt nicht wahrgenommen. Darum hat sich der Videoschiedsrichter darum gekümmert. Am Ende ist der Ablauf korrekt, aber er läuft dem Grundgedanken der Spontanität und der Emotion entgegen."

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