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Taktik-Check Relegation: Wie Bayern unter Guardiola - Darum ist Kiel so gefährlich für Wolfsburg

Taktik-Check: Kiel macht's wie Bayern unter Guardiola

17/05/2018 um 10:36Aktualisiert 17/05/2018 um 14:56

Der VfL Wolfsburg hat sich gerade so in die Relegation gegen Holstein Kiel gerettet. Die Überraschungsmannschaft der 2. Liga mag auf den ersten Blick wie ein leichtes Los wirken. Eurosport.de analysiert im Taktik-Check vor dem Relegationshinspiel (20:30 Uhr LIVE im Eurosport Player und im TV bei Eurosport 2 HD Xtra), warum Wolfsburg die Kieler nicht auf die leichte Schulter nehmen darf.

Mutiges Aufbauspiel

Holstein Kiel hat als Aufsteiger einen ungewöhnlichen Weg gewählt: Viele Aufsteiger spielen einen sehr vorsichtigen, defensiven Fußball. Kiel hingegen spielt unter Trainer Markus Anfang sehr modern und offensiv - und hat damit großen Erfolg.

Torhüter Kenneth Kronholm spielt nahezu jeden Ball flach und kontrolliert auf die Innenverteidiger. Diese bieten sich sehr nah am eigenen Tor an und fordern auch unter Druck den Ball. Dabei beziehen sie immer wieder den Torwart als zusätzlichen Aufbauspieler ein, um so auch gegen hoch pressende Gegner Überzahl herzustellen. Um das Spiel eine Ebene nach vorne zu tragen, bieten sich zudem die Außenverteidiger in ungewöhnlichen Positionen an.

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Außenverteidiger als Spielmacher

Variante 1: Die Außenverteidiger kommen sehr weit entgegen und bieten sich fast an der Eckfahne an – damit stehen sie sogar tiefer als die Innenverteidiger. Kiel bildet so ein sehr breit gezogenes Fünfeck, bei dem der Torwart immer eine Passoption hat. Stellt der Gegner mal mit vier Spielern zu, folgt der lange Ball und Kiel hat direkt vier Gegner überspielt - das Mittelfeld des Gegners kann im Anschluss also gar nicht kompakt sein.

Variante 2: Anstatt sich an der Linie anzubieten, rücken die Außenverteidiger ins Zentrum. Im Kieler 4-1-4-1 wird der Raum vor der Viererkette von nur einem Spieler besetzt, die Viererreihe davor steht sehr hoch. Rücken die Außenverteidiger ein, bekommt Kiel im Zentrum ein massives Übergewicht, da der Gegner nun gleich fünf Spieler aufnehmen müssen (Zwei Achter, einen Sechser und die eingerückten Außenverteidiger). Die Folge: Viele Gegner ziehen ihre Formation sehr eng zusammen, um die Kieler Überzahl im Zentrum irgendwie aufzufangen. Doch dadurch gehen für die Innenverteidiger interessante Passwege auf - nämlich auf die offensiven Außenbahnspieler.

Diese können vorbei am weit ins Zentrum gerückten gegnerischen Mittelfeld einfach angespielt werden und mit dem Gesicht zum Tor auf ihren direkten Gegenspieler zudribbeln. Insgesamt also ein Muster, dass dem Positionsspiel des FC Bayern unter Pep Guardiola gar nicht so unähnlich ist.

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Klassisch gegen den Ball

So modern Kiel auch mit dem Ball agiert, so altmodisch verteidigen sie. Grundsätzlich lässt sich ihre Formation zwar meistens als 4-1-4-1 beschreiben, doch bei gegnerischem Ballbesitz ist davon nichts zu sehen: Kiel spielt Manndeckung.

Stürmer Ducksch positioniert sich zwischen den beiden gegnerischen Innenverteidigern und versucht einen der beiden mit einem cleveren Laufweg "abzuschneiden", dann verfolgt er den ballführenden Innenverteidiger. Dahinter hat jeder Kieler einen klaren Gegenspieler. Dabei verfolgen die Kieler ihren jeweiligen Gegenspieler fast überall hin – auch mal auf die andere Spielfeldseite oder bis in die gegnerische Hälfte.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Es gibt sehr klare Zuständigkeiten, viele Gegner sind dieses Spiel nicht (mehr) gewohnt und es gibt schlichtweg kaum offensichtliche Anspielstationen - und wenn, dann haben die Spieler sofort Druck durch den Kieler Manndecker.

Kiel-System hat Schwachstellen

Doch diese Spielweise hat natürlich auch Nachteile: Durch die Manndeckung werden immer wieder Spieler aus dem Abwehrverbund gezogen, dahinter tun sich große Räume auf. Diese können - zum Beispiel durch clevere Gegenbewegungen aus dem Mittelfeld in die Spitze - von guten Gegnern verhältnismäßig einfach bespielt werden. Gerade gegen die individuell überlegenen Wolfsburger kann dies natürlich ein potenzieller Brandherd sein.

Der weitere Nachteil: Wird ein Kieler Spieler ausgedribbelt, löst dies dahinter eine Kettenreaktion aus. Um den Gegner nicht einfach durchlaufen zu lassen, muss sich ein Kieler aus der Manndeckung lösen und attackieren - ein weiterer Gegner wird frei. Auch das dürfte gegen Wolfsburgs Dribbler wie Malli oder Brekalo eine Herausforderung werden.

Eurosport-Check: Die Relegation ist ohnehin schon spannend genug: Es geht schlichtweg um alles! Diese Paarung dürfte auch aus taktischer Sicht höchst interessant werden. Kiel könnte in Ballbesitz mit der modernen und mutigen Spielweise die nicht gut als Team pressenden Wolfsburger ausspielen und folglich hinten reindrücken. Defensiv sind sie durch ihre Manndeckung einerseits sehr bissig und unangenehm, andererseits aber auch anfällig. Spielt Wolfsburg die individuelle Klasse aus, kann Kiel mit dieser Spielweise auf keinen Fall alles verteidigen.

Prognose : Kiel ist absolut nicht zu unterschätzen und verfolgt einen sehr klaren, kollektiven Plan - ganz im Gegensatz zu den Wolfsburgern, die sehr von ihrer individuellen Überlegenheit abhängen. Wer das erste Tor schießt, hat sehr gute Karten auf den Gesamtsieg in der Relegation.

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