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Arroganz als Antwort: Renato Sanches und die Ernüchterung beim FC Bayern München

Arroganz als Antwort: Sanches und die große Bayern-Ernüchterung

14/09/2018 um 13:45Aktualisiert 14/09/2018 um 13:49

"Ich habe keine Schwächen. Ich bin stark." Renato Sanches mangelt es wahrlich nicht an Selbstbewusstsein. In einem Interview beim vereinseigenen Sender FCB.tv artikuliert der Mittelfeldspieler des FC Bayern München das fast schon arrogant. Doch der Portugiese vergisst dabei seine aktuelle Situation bei den Münchnern, die alles andere als verheißungsvoll ist.

Ein gesundes Selbstvertrauen schadet im Ellbogengeschäft Profifußball in der Regel nicht, gerade beim FC Bayern, wo die Konkurrenz deutschlandweit bekanntlich am größten ist. Nur grenzen Sanches' Aussagen fast schon an Arroganz.

Und die kann sich der Portugiese in seiner aktuellen Situation beim Rekordmeister eigentlich nicht leisten.

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Denn so gut ein Satz wie "Ich habe keine Schwächen" auch klingt, er muss auf dem Platz untermauert werden. Doch dazu erhält Sanches momentan nicht die Gelegenheit. Weder beim Saisonauftakt gegen Hoffenheim, noch am zweiten Spieltag in Stuttgart kam der 21-Jährige zum Einsatz. Ja schlimmer noch: Beide Male stand er nicht einmal im Kader.

Sanches nicht als "Reiseführer" nach Lissabon

Nur eine Momentaufnahme? Vielleicht. FCB-Trainer Niko Kovac meinte vor einigen Wochen im Trainingslager, er wolle den Portugiesen nach seiner Leihsaison in England langsam wieder ans Team heranführen:

"Man kann nicht so einfach erwarten, dass ein Spieler aus einer anderen Kultur gleich Fuß fasst. Da muss man ihm Zeit geben. Die hat man ihm nicht gegeben. Aber die Zeit hat er jetzt."

Trotz des "Überangebots im Mittelfeld" werde Sanches in den kommenden Begegnungen "seine Möglichkeiten bekommen". Beim Champions-League-Auftakt am Mittwoch bei Sanches' früherem Klub Benfica Lissabon werde er "nicht als Reiseführer dabei sein, da können Sie sicher sein".

Sanches kann sich also weiter berechtigte Hoffnungen machen, dass unter Kovac alles besser wird als unter Carlo Ancelotti, unter dem er 2016/17 nur ein einziges Mal über 90 Minuten auf dem Platz stand und ansonsten lediglich zu Kurzeinsätzen kam. Kovac machte sich für Sanches stark, lobte seine "motiviertes" Auftreten im Training: "Er gibt richtig Gas."

Der Portugiese freute sich über die "Zuneigung" und gibt das Lob bei FCB.tv nun zurück: "Er ist ein Trainer, der die Spieler pusht, und damit bin ich sehr zufrieden." Und fügt, wiederum sehr selbstbewusst, an:

"Das ist eine neue Chance für mich."

Neue Chance? Noch nicht wirklich!

Nur ist sie das bisher irgendwie noch nicht. Trotz guter Vorbereitung, trotz engagierter (wenn auch nicht fehlerfreier) Auftritte beim International Champions Cup, trotz der Abgänge von Arturo Vidal und Sebastian Rudy: In den Spielen, in denen es zählt, verzichtete Kovac im zentralen Mitteldeld auf den Europameister von 2016.

Andere erhielten den Vorzug: Thiago, Javi Martínez, Leon Goretzka, James Rodríguez, Thomas Müller, sogar Corentin Tolisso, der nach dem WM-Erfolg mit Frankreich die Vorbereitung verpasste und erst seit vier Wochen wieder bei der Mannschaft weilt, stehen in der Nahrungskette allesamt über Sanches.

FC Bayern muss Causa Sanches neu bewerten

So muss der FC Bayern überlegen, was er mit dem Portugiesen macht. Ihn angesichts des dünnen 23-Mann-Kaders behalten und auf den Durchbruch hoffen, auch wenn der womöglich nie kommt? Ihn erneut ausleihen, eventuell innerhalb der Bundesliga, damit er sich weiterentwickelt und die deutsche Sprache erlernt? Oder sich eingestehen, dass der 35-Millionen-Transfer ein Schlag ins Wasser war, und das Missverständnis endgültig beenden?

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Im Moment scheint der FCB die erste Option zu bevorzugen, schließlich ist es bestimmt kein Zufall, dass der vereinseigene Sender ausgerechnet Sanches in den Vordergrund rückt.

Doch spätestens im Winter, wenn in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League Halbzeit ist, Kovac und Co. um einige Erkenntnisse reicher sind und das Transferfenster wieder öffnet, werden die Bayern die Causa Sanches neu bewerten müssen.

Sanches trotzt der Ernüchterung

Und der Spieler? Der betont indes unbeirrt weiter seine Stärken: "Ambition, Entschlossenheit und Siegeswillen." Und haut, fehlende Spielpraxis hin oder her, eine Kampfansage raus:

"Ich bin vorbereitet, um dieses Jahr hier etwas zu bewirken."

Auch wenn die Saison noch in den Kinderschuhen steckt und der Portugiese sicher noch die ein oder andere Einsatzminute erhalten wird, ist Sanches' Bayern-Comeback bisher eher mit "Ernüchterung" als mit "neue Chance" zu betiteln. Da helfen auch "Ich habe keine Schwächen"-Parolen wenig.

Dass der 21-Jährige tatsächlich "die Erwartungen erfüllen kann", so wie er das selbst fühle, darf mehr denn je bezweifelt werden.

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