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Der LIGAstheniker | So wird der BVB nicht Meister

Der LIGAstheniker | So wird der BVB nicht Meister

11/03/2019 um 11:10Aktualisiert 12/03/2019 um 01:06

Der LIGAstheniker befasst sich mit dem spannendsten Titelrennen der letzten Jahre und stellt sich die Frage: Ist der BVB schon reif für das ganz große Ding? Thilo Komma-Pöllath äußert seine Zweifel, ob Dortmund die Meisterschale am Ende der Saison nach oben stemmen wird. Sowohl Trainer Lucien Favre als auch seine schwarz-gelben "Grundschüler" seien neun Spieltage vor Saisonende zu verunsichert.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Jetzt haben wir also endlich das, wonach sich jeder seines Verstandes einigermaßen bewusste Fußballfan seit sieben Jahren sehnt, nur noch wenige Spieltage auf dem Kalender, zwei punktgleiche Titelaspiranten, ein echtes Meisterschaftsfinale. Die Tabelle jedenfalls liest sich großartig: Der FC Bayern nach Krisensaison wieder am Stammplatz Nummer Eins und Dortmund nicht nur die nominelle, sondern auch die tatsächliche Nummer zwei auf Augenhöhe.

Also doch die spannendste und ausgeglichenste Liga der Welt, so zumindest bewirbt die DFL die Bundesliga in der Welt. Es klingt fast zu schön um wahr zu sein, aber diesmal scheint es tatsächlich möglich. Wenn, ja wenn der BVB endlich seine Verzagtheit über Bord wirft. Die Dynamiken der letzten Wochen in beiden Klubs lassen einen anderen Ausgang erwarten, einen, der zum siebten Mal in Folge denselben Meister kennt. Die Frage ist: Hat der BVB wirklich schon die Reife für das ganz große Ding?

Denn daran muss es Zweifel geben. Seit die Dortmunder nicht mehr wie von selbst gewinnen, so wie in der Hinrunde, seit sie sich die Siege erarbeiten müssen, sieht man ihnen ihre Selbstzweifel auf dem Feld regelrecht an. Sie sind wahnsinnig bemüht, ständig im Vorwärtsgang, aber irgendwann geht es nicht weiter. Naht der Strafraum, wirken sie plötzlich auffallend stumpf, ideenlos, fahrig. Das geht gegen Stuttgart gerade noch mal gut, einer trifft schon, aber gegen deutsche und internationale Spitzenvereine ist das eben – im Prinzip – zu wenig.

Wer so verteidigt wie der BVB, wird nicht Meister

Dazu kommt, dass das Umschalten nach hinten nicht funktioniert. Wenn die Gegner im Ballbesitz sind und schnell machen, dann wird das Favre-System ein ums andere Mal überrumpelt. Die Raumdeckung, die der BVB-Trainer präferiert, ist komplizierter und anfälliger und funktioniert nur mit den richtigen Spielern, also mit den Spielern, die den Überblick behalten, wenn es eng wird. Das erklärt vielleicht auch, warum es nicht so viele Trainer gibt, die im Raum verteidigen lassen. Dafür braucht man Erfahrung, Jugend forscht allein reicht da nicht.

Die Viererkette der Dortmunder gegen Stuttgart – Marius Wolf, Manuel Akanji, Abdou Diallo, Achraf Hakimi – dürfte auf ein Durchschnittsalter von knapp 22 Jahren kommen. Warum setzt er die Jungs so unter Druck, wenn sie dem Druck nicht stand halten können? Die ganze Verzagtheit wird auch bei den Standards deutlich, gegen die der BVB als Spitzenmannschaft nicht nur unglücklich, sondern auch unter ihrem Level agiert. Wer so verteidigt, das kann man wohl sagen, wird unter normalen Umständen nicht Deutscher Meister.

Zumal man – Stand heute – davon ausgehen muss, dass sich die Bayerischen Fußballwerke keine weitere Saisondelle erlauben werden. Wie groß der Unterschied zwischen Bayern und Dortmund dann immer noch ist, zeigten die jüngsten Champions-League-Spiele gegen Tottenham und Liverpool im Quervergleich. Dortmund wurde im Vorfeld, angesichts des Saisonverlaufs, gegen die "Spurs" alles zugetraut und dann wirkten sie wie Grundschüler, die sich zur Abiturprüfung anmelden wollten. Der Wille war da, immerhin, aber die nötige Reife und Klasse? Der BVB hätte noch tagelang weiterspielen können, ein Tor hätten sie nie und nimmer erzielt. Die Überforderung mit der Situation war mit Händen zu greifen. Die wollen, aber sie können's nicht.

FC Bayern selbstbewusst wie eh und je

Die Bayern drehten den Spieß einfach um: Vor dem Spiel in Liverpool wurden sie in der Öffentlichkeit als Kanonenfutter für den Supersturm preisreduziert, aber schnell wurde es mucksmäuschenstill in "The Kop". Die Liverpooler Fans waren die Ersten, die erkannten: gegen diese Bayern ist heute nicht mehr drin und wer weiß, ob überhaupt. Schweigen als Respektsbezeugung. Das Spiel in Liverpool war das selbstbewussteste Spiel der Bayern der ganzen Saison und plötzlich sind die Vorzeichen für das Rückspiel am Mittwoch ganz andere: alles andere als ein Weiterkommmen würde mich doch sehr wundern.

Was also kann der FC Bayern, was der BVB noch nicht kann? Die Münchner müssen sich in keinen Rausch spielen, um Deutscher Meister zu werden. Ihre Anspruchshaltung, ihr Selbstbewusstsein, ihre Erfolgsorientierung sind über viele Jahre und Jahrzehnte systematisch verankert worden und klammern Variablen wie "Tagesform" oder "Verletzte Spieler" ein ums andere Mal erfolgreich aus. Man sieht das auch jetzt wieder an Thomas Müller und Mats Hummels, mit welch' großer Überzeugung sie öffentlich gegen ihre Ausbootung in der Nationalmannschaft protestieren.

Mir fällt kein einziger Dortmunder Spieler ein, der Ähnliches wagen würde. Die Interview-Auftritte von Lucien Favre vor und nach den Tottenham-Spielen waren stellenweise so nervös, dass ich selbst als neutraler Zuschauer nie auf die Idee gekommen wäre, dass hier und heute was gehen könnte. Die Bayern haben das – vielzitierte – Momentum auf ihrer Seite. Es würde mich doch sehr wundern, sollte sich das von den Dortmunder Grundschülern noch einmal drehen lassen. Am 6. April, beim direkten Aufeinandertreffen in München, werden wir es genau wissen.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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