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Bundesliga | Verlieren verboten! Wie Niko Kovac seine letzte Chance nutzen will

Verlieren verboten! Sechs Endspiele für Kovac

29/11/2018 um 21:33

Der FC Bayern München hat gegen Benfica Lissabon endlich wieder einen überzeugenden Sieg gefeiert. Doch Trainer Niko Kovac sitzt keinesfalls fester im Sattel. Der 47-Jährige gilt in Mannschaftskreisen weiter als umstritten, sogar der Begriff "lahme Ente" soll gefallen sein. Bis zur Winterpause hat Kovac sechs Finals, die er alle gewinnen muss. Und er deutete bereits an, wie er das schaffen will.

"Das war ein Statement nicht nur für mich, sondern auch für die Mannschaft."

Er "hoffe, dass das ein Befreiungsschlag ist, und die Spieler sehen, dass das, was wir ihnen an die Hand geben, schon sinnvoll ist". Aber war es wirklich ein Sieg des Trainers, ein Sieg für den Trainer?

Verlieren bis zur Winterpause verboten

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Der Trainer selbst weiß:

"In der Liga laufen wir der Musik hinterher. Wir müssen nicht über Platz eins reden, sondern müssen zusehen, dass wir das konservieren, was wir heute geschafft haben und uns Schritt für Schritt nach vorne hangeln."

Ein schwieriges Unterfangen. Denn glaubt man den Gerüchten, ist Kovac in Mannschaftskreisen alles andere als unumstritten - ja, schlimmer noch, gilt Kovac gar als "lame duck", als "lahme Ente: zwar noch im Amt, aber sowieso bald weg und deswegen unglaubhaft, handlungsunfähig.

Bayern demonstrieren Geschlossenheit

Nach außen hin sah das nach dem Sieg über Benfica freilich anders aus. Das Team demonstrierte Geschlossenheit mit dem Coach. Franck Ribéry, sonst kein Freund von Auswechslungen, umarmte Kovac nach eben jener. Arjen Robben gab bei "Sky" zu, sich für Kovac "gefreut" zu haben: "Das hat er sich verdient. Er gehört zu uns. Er reißt sich auch den Arsch auf." Neuer versprach: "Natürlich spielt die Mannschaft für den Trainer."

Alles Fassade? Nach innen soll die Geschlossenheit nämlich keineswegs so stark zu sein, zumindest bisher. "Sky"-Experte Lothar Matthäus glaubt:

"Bei Kroatien und Frankfurt hat Niko einen tollen Job erledigt. Allerdings fehlt bei Bayern München komischerweise die Verbindung zwischen der Mannschaft und dem Trainer."

In dieses Bild passt ein Bericht der gleichnamigen Zeitung. Demnach habe FCB-Boss Uli Hoeneß Kapitän Neuer, Thomas Müller, Ribéry und Robert Lewandowski in sein Büro bestellt. Die Spieler brachten dabei angeblich scharfe Kritik an Kovac zum Ausdruck und rechtfertigten so ihre schwache Leistung gegen Düsseldorf. Ihrer Meinung nach habe der Trainer zu viele unverständliche Entscheidungen getroffen und von außen zu wenig Einfluss genommen, so die "Bild".

Uli Hoeneß hat die Bayern-Stars offenbar zum Rapport gebeten

Uli Hoeneß hat die Bayern-Stars offenbar zum Rapport gebetenSID

Eine Revolte der Spieler gegen den zu unerfahrenen, zu fehlerbehafteten Trainer?

Immerhin: Kovac selbst scheint erkannt zu haben, dass er etwas verändern muss, dass er zumindest mit einem Teil seiner bisherigen Entscheidungen, seines bisherigen Verhaltens, der Mannschaft (unabsichtlich) eher geschadet als geholfen hat.

Kovac ergreift vier Maßnahmen

Einige neue Maßnahmen, mit denen der 47-Jährige das Ruder herumreißen möchte, waren schon gegen Benfica zu erkennen.

Erstens: Knallharte Ansagen. Bei "Sky" kritisierte Kovac sein Team indirekt:

"Gegen die vermeintlich kleinen Namen der Bundesliga haben wir geglaubt, dass es mit halber Kraft geht. Das hat sich gerächt. "

Der Tenor: Länger werde ich mir das nicht mehr bieten lassen.

Zweitens: Die Doppelsechs. Die meisten Gegentore kassierten die Bayern in dieser Saison nach Kontern. Zu oft liefen sie dem Gegner hinterher. Gegen Benfica setzte Kovac erstmals auf eine klassische Doppelsechs mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka. Die Bayern wirkten dadurch deutlich sattelfester, fand auch der Trainer:

"Die beiden haben es außerordentlich gut gemacht. Das ist, glaube ich, auch für die Zukunft eine gute Idee."

Drittens: Keine unnötigen Umstellungen. Im Hoeneß-Büro sollen die Spieler "unverständliche Entscheidungen" kritisiert haben. Gut möglich, dass sie dabei auch Kovacs Schachzug im Kopf hatten, Kimmich gegen Düsseldorf ohne Not von rechts hinten auf die Sechs zu stellen und dadurch Unruhe ins eigene Spiel zu bringen. Gegen Benfica verzichtete der Trainer auf unnötige Umstellungen. Als beispielsweise Renato Sanches ins Spiel kam, ersetzte er Robben einfach eins zu eins auf der rechten Seite.

Viertens: Der Jugend vertrauen. Zu guter Letzt zeigte Kovac gegen Lissabon mit der Einwechslung des 19-jährigen Woo-Yeong Jeong aus der zweiten Mannschaft erstmals (wenn auch notgedrungen) den Mut, in einem wichtigen Spiel auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. FCB-Fans forderten dies wegen der Verletzungsmisere bei den Profis schon lange, vor allem in den sozialen Medien.

Ein kluger Schachzug von Kovac, um die Anhänger wieder für sich zu gewinnen. Die hatten in der Allianz Arena gegen Benfica schon etwas zynisch einen Klassiker von Jürgen Drews skandiert: "Wieder alles im Griff, ohohohoh, auf dem sinkenden Schiff …"

Woo-yeong Jeong (l.) durfte erstmals in einem Pflichtspiel für die FCB-Profis ran

Woo-yeong Jeong (l.) durfte erstmals in einem Pflichtspiel für die FCB-Profis ranEurosport

Vier Kovac-Maßnahmen, die den Bayern auf ihrem Weg aus der Krise geholfen haben.

Hoeneß sehr zufrieden - "heute"

Aber - um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Es war trotzdem kein Sieg des Trainers, kein Sieg für den Trainer, noch kein "Befreiungsschlag".

Die deutliche Leistungssteigerung der Bayern-Stars ist wohl eher auf den Hoeneß-Rapport, den schwachen Gegner und die große Bühne namens Champions League denn auf Kovac zurückzuführen. Der gab bei "Sky" zu:

"Anscheinend braucht es die großen Spiele, damit die Vorgaben umgesetzt werden."

Robben meinte auf die Frage, ob diese Leistung in der Bundesliga wiederholbar sei, vielsagend: "Ich weiß es nicht." Und Hoeneß sagte nur einen Satz: "Ich bin heute sehr zufrieden." Heute.

Die offensichtlichen Differenzen scheinen noch lange nicht geklärt. Die sechs Spiele bis zur Winterpause, beginnend mit Bremen, werden Aufschluss geben, ob der Sieg gegen Benfica nur ein Strohfeuer war oder im positiven Sinne doch einen emotionalen und sportlichen Großbrand auslöst, eine Aufholjagd zum Beispiel.

Die wird Kovac brauchen, um auch im neuen Jahr noch als Trainer auf der Bayern-Bank zu sitzen - und das nicht nur als "lahme Ente".

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