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Der LIGAstheniker: Die BVB-Angsthasen dürfen nicht Meister werden

Der LIGAstheniker: Die BVB-Angsthasen dürfen nicht Meister werden

08/04/2019 um 11:10Aktualisiert 08/04/2019 um 11:20

Der BVB zeigt sich gegen den FC Bayern München im Bundesliga-Topspiel ängstlich und wenig titelreif. Der Titelkampf ist de facto entschieden, meint LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath in seinem neuesten Blog. Er analysiert das Auftreten von Borussia Dortmund und die Unterschiede zum Rekordmeister, der mit wesentlich mehr Wille und Biss in die heiße Phase der Saison geht.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Es gibt, spätestens seit Samstag, keinen Zweikampf, kein echtes Finale, kein Rennen um die Meisterschaft mehr. Die Meisterschaft ist entschieden, nicht rechnerisch, aber de facto. Was uns bisher als Spannung verkauft wurde, angesichts der monatelangen Dortmunder Tabellenführung, war bestenfalls ein Placebo-Effekt.

Die Sehnsucht der Fans nach einer größeren Spannung in der Liga war um ein Vielfaches größer als die tatsächliche Rasenwirkung der jungen Wilden aus Dortmund. Wer sich in einem Spitzenspiel dermaßen in die Hosen macht, ist eben (noch) kein Spitzenteam und darf auch nicht deutscher Meister werden.

Eine ganze Galaxie trennt Bayern und BVB

Dass zwischen den Klubs aus München und Dortmund weit mehr als nur ein Punkt Differenz liegt, sondern ganze Galaxien was das eigene Anspruchsdenken betrifft, bewiesen die Vorstandsvorsitzenden Rummenigge und Watzke in den einschlägigen Talkrunden keine 20 Stunden nach dem Spiel.

Rummenigge verzichtete darauf, sich selbst auf die Schultern zu klopfen, erinnerte an die Bayernkrise im Herbst, lamentierte noch einmal über das Aus in der Champions League, und zog die Daumenschrauben für seinen "jungen und unerfahrenen" Trainer Niko Kovac weiter an, indem er erklärte, dass er ihm auch jetzt – trotz 5:0 - keine Jobgarantie geben wolle.

Bekommt auch nach dem 5:0-Sieg keine Jobgarantie: Niko Kovac.

Bekommt auch nach dem 5:0-Sieg keine Jobgarantie: Niko Kovac.Getty Images

Gleich danach sprach er vom Double, das er jetzt erwarte. Das alles kann man hartherzig und befremdlich finden, schließlich boten die Bayern just gegen den BVB in der ersten Halbzeit ihre beste Saisonleistung. Und man kann Kovac sehr wohl zugute halten, dass seine Kritik an der Mannschaft nach dem wirren Pokalspiel gegen Heidenheim seine volle Wirkung entfaltet hatte.

Angsthasen zu Ostern

Aber was, um Himmels Willen, tat BVB-Boss Aki Watzke? Spätestens am Dienstag würden die Bayern merken, dass sie auch für dieses Spiel nur drei Punkte bekämen und wir nur einen Punkt dahinterlägen. Das hat er wirklich gesagt.

Wie man nach 90 Minuten Angsthasenfußball, ausgerechnet im wichtigsten Spiel der Saison, sofort wieder zur Tagesordnung übergehen kann, das muss uns Aki dann doch noch mal genauer erklären. Ist ja bald Ostern, vielleicht lag's daran. Zur Erinnerung: Mit einem Sieg wäre die Meisterschaft wohl entschieden gewesen – zugunsten des BVB.

Robert Lewandowski gegen eine überforderte BVB-Abwehr

Robert Lewandowski gegen eine überforderte BVB-AbwehrGetty Images

Warum ausgerechnet im wichtigsten nationalen Meisterschaftsspiel ein "spielerisches Organversagen" passierte, wie es die "Süddeutsche" nannte, diese kollektive Gehemmtheit im Zweikampf, diese vielen irrwitzigen Fehler, diese angststarrige Null-Ausstrahlung, das würde man doch jetzt gerne von Watzke, Zorc oder Favre erfahren. Fehlanzeige!

Stattdessen Totschlagsätze wie die von Zorc: "Wer die Aufstellung als Begründung sieht, hat keine Ahnung vom Fußball. Wenn man sich vor aller Augen mit 0:5 blamiert, sollte man nicht soviel von Ahnung von Fußball sprechen."

Nur Reus hat die Bayern-Denke

Der einzige, dem man anmerkte, dass er stocksauer war, dass er persönlich eine ganze andere Anspruchshaltung hat, das war Marco Reus („katastrophal), der sich ganz offen hörbar eben nicht damit begnügen will, immer nur Zweiter zu werden.

Und insofern hat Reus, den die Bayern vor einiger Zeit bewusst nicht haben wollten, genau ihre ureigene Erfolgsdenke, die dem BVB in seinen gewählten Strukturen abgeht. Es geht nämlich nicht um die Frage, was der BVB von den Bayern lernen kann. Eigentlich nix.

Denn dieses atemberaubend notorische Mental-Gen der Bayern, das in der Liga, dann, wenn es darauf ankommt, immer noch hervorragend funktioniert (anders als international etwa), das kann man gar nicht lernen. Man hat es, oder nicht. Die Bayern haben eine Denke und ein Selbstbewusstsein strukturell verankert und über viele Jahrzehnte in der europäischen Spitze verinnerlicht.

Im Vergleich dazu fehlt es dem BVB an Augenhöhe, wie das Spiel vom Samstag mehr als deutlich zeigte. Wir alle können uns wohl kam ausdenken, was passiert wäre, hätten die Bayern 0:5 verloren. Hoeneß wäre aus der Haut gefahren, ein Tsunami des Zorns wäre über die Mannschaft gerauscht, Rummenigge hätte die Frauenkirche einreißen lassen, hätte Kovac dort Zuflucht gesucht, eine Ad-Hoc-Entlassung nicht ausgeschlossen.

Und beim BVB? Noch einmal die Stilblüte von Aki Watzke zum Genießen: "Spätestens am Dienstag werden die Bayern merken, dass sie für das Spiel auch nur drei Punkte bekommen haben." Für die Fans einer spannenden Bundesliga bleibt zu hoffen, dass Watzke spätestens am Dienstag merkt, dass er mit einer solchen Einstellung niemals Deutscher Meister wird.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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