Getty Images

Der LIGAstheniker: Favre gibt den Titel auf - das ist der eigentliche Skandal

Der LIGAstheniker: Favre gibt den Titel auf - das ist der eigentliche Skandal

29/04/2019 um 11:15Aktualisiert 29/04/2019 um 12:42

Der BVB und der FC Bayern München lassen wichtige Punkte im Meisterschaftskampf liegen. Insbesondere für Borussia Dortmund ist es die Gelegenheit, alle Kräfte zu mobilisieren und im Titelrennen bis zuletzt an die eigene Chance zu glauben. Doch der Herausforderer lässt eine Kampfansage vermissen. Lucien Favre resigniert. Mit dieser Einstellung hat Dortmund die Meisterschaft nicht verdient.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Was soll man vom heißesten Meisterschaftsfinale seit Jahren halten, wenn der Trainer des Herausforderers drei Spieltage vor Schluss auf die - zugegeben - bescheuerte Frage, ob eben jene Meisterschaft endgültig entschieden sei, antwortet: "Ja, klar!"

Lucien Favre mag ein guter Trainer sein, ein großer ist er nicht. Einer, der Titel kann. Warum, hat er damit eindrucksvoll untermauert. Jeder kann sich ausmalen, was etwa der ehemalige BVB-Beschwörer Jürgen Klopp auf die gleiche Frage geantwortet hätte.

Gerade angesichts dieses unerhörten Betriebsunfalls im Revierderby gegen Schalke hätte er eine krachende Kampfansage ins Mikrofon gerufen, schon allein um seine Mannschaft aus ihrer saisonfinalen Paralyse zu holen. Favre dagegen gibt auf, bevor es richtig losgeht.

Keine Ahnung, wie Favre heute seiner Mannschaft im Training wieder das Gegenteil erklären soll, nachdem auch Bayern gepatzt hat. 'Sorry Leute, wir können jetzt doch wieder Meister werden. Hab mich getäuscht. Wäre schön, wenn wenigstens ihr noch dran glauben könntet.'

Video - Favre giftet nach Derby-Pleite: "Diese Regel ist so lächerlich!"

03:01

BVB und Bayern: Zwei besondere Betriebsunfälle

Es war der Spieltag der Spitzenbetriebsunfälle, wie man ihn in der Liga selten erlebt. Dortmund wie Bayern haben ein Spiel verloren oder wichtige Punkte liegen lassen, was in dieser letzten Phase der Saison eigentlich nicht passieren darf.

Gegen Gegner, gegen die man nicht verlieren darf, will man eine Spitzenmannschaft sein, schon gar eine mit internationalem Format. Aber das ist, wie wir wissen, bei beiden derzeit nicht ausreichend vorhanden.

Der FC Bayern München hadert mit sich nach dem Remis in Nürnberg

Der FC Bayern München hadert mit sich nach dem Remis in NürnbergGetty Images

Schalke taumelt schon die ganze Spielzeit am Abgrund, Nürnberg ist so gut wie abgestiegen, also zweitklassig. Wer seinen Anspruch an die Meisterschaft untermauern will, muss in beiden Spielen anders auftreten.

So darf man nicht Meister werden, BVB

Der BVB, der nach dem 0:5-Debakel im deutschen Clásico das im Westen noch wichtigere Revierderby unbedingt gewinnen musste, auch um sich das nötige Selbstbewusstsein für den Bayern-Kampf zurückzuholen – doch wo war die Einstellung, die das hätte verkörpern sollen?

Die Bayern, die einen solch' leichtfertig vergebenen Meisterschaftsmatchball wie gegen Nürnberg noch einmal bitter bereuen könnten. Im Profiboxen gibt es das ungeschriebene Gesetz, dass der Herausforderer im Ring mehr zeigen muss als der amtierende Champion, dass er mit seiner ganzen Attitüde und Ausstrahlung allen sichtbar macht: Ich kann es besser.

Der Herausforderer BVB hat jetzt zweimal - im Clásico und im Revierderby - sichtbar gemacht, dass ihm in den besonders wichtigen Spielen ganz schön die Flatter geht. Auch für den Fall, dass ich mich wiederhole: So darf man nicht Deutscher Meister werden und so wird man es auch nicht.

Dortmunder Meisterschaft: Eine skandalöse Phantasie

Die Rhetorik der Klubs nach diesem Pannenspieltag ist vielsagend. Während der zerknirschte Niko Kovac auf einen schwachen Tag verweist, starke Nürnberger und den Bremer Pokalfight von Mitte der Woche als halbgares Alibi bemüht, verlieren die Dortmunder nach der 2:4-Peinlichkeit jede Bodenhaftung.

Favre, der sonst nach einem Spiel kaum in die Puschen kommt, spricht vom "größten Skandal im Fußball seit Jahren". Eine Nummer kleiner hat er es nicht hingekriegt. So viel Weinerlichkeit tut weh.

Der Handelfmeter durch Videobeweis zum 2:1 für Schalke war tatsächlich völlig irrsinnig, aber er war nicht der Grund für das Dortmunder Versagen auf ganzer Linie, schon gar nicht, wenn man sich einen so schwachen Auftritt plus zwei Rote Karten leistet.

Marco Reus sieht nach dem Foul an Serdar die Rote Karte

Marco Reus sieht nach dem Foul an Serdar die Rote KarteSID

Mit neun Mann kann man ein Spiel tatsächlich nicht mehr drehen. Wie souverän man mit einer viel schlimmeren Fehlentscheidung umgehen kann, zeigte ihm Mitte der Woche der Bremer Kollege Florian Kohfeldt im DFB-Pokal.

Dass Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke noch am Tag vor dem Derby betonte, wie sehr ganz Deutschland hinter Dortmund stünde, vervollständigt das Bild: Der vielleicht größte Skandal im Fußball seit Jahren ist, dass der BVB tatsächlich glaubt, er hätte sich den Titel längst verdient.

Wer wird Deutscher Meister?

Umfrage
16286 Stimme(n)
FC Bayern München
Borussia Dortmund
RB Leipzig

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

Video - "Sorry, dass ich störe...": Favre widerspricht Stevens auf Pressekonferenz

00:40
0
0