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Der LIGAstheniker: Hat Bayern das Mia-San-Mia-Update verpasst?

Der LIGAstheniker: Hat Bayern das Mia-San-Mia-Update verpasst?

12/11/2018 um 11:00Aktualisiert 12/11/2018 um 11:37

Perspektivisch, spielerisch und strukturell ist Borussia Dortmund dem FC Bayern einen Schritt enteilt. Das haben selbst die eingefleischtesten Fans des Rekordmeisters bei der 2:3-Niederlage der Münchner am Wochenende beim BVB schmerzlich erfahren müssen. Hat der FC Bayern das Mia-San-Mia-Update verpasst? Oder leidet der Klub unter einem Burn-Out? Eurosport-Blogger Thilo Komma-Pöllath klärt auf.

Es gibt ja sehr selten ein Ligaspiel, das eine Wirkung über den Spieltag hinaus entfaltet. Das nachwirkt auf einen der beteiligten Klubs, den Saisonverlauf oder gar die Liga als Ganzes. Das nicht spätestens nach drei Wochen vergessen wird, weil es ja nur ein einziges Spiel ist von insgesamt 34 und die sportliche Wirkung eben begrenzt bleibt.

Das BVB-Bayern-Spiel vom Wochenende, das "beste Spiel der bisherigen Saison", von fast allen kundigen Beobachtern so bewertet, dürfte ein solches Ligaspiel gewesen sein, deren finale Folgen vielleicht erst zum Saisonende zu bewerten sein dürften. Vielleicht noch sehr viel später.

Dabei dürfte die geringste Langzeitwirkung auf den strahlenden Sieger Dortmund entfallen. Der BVB weiß jetzt zwar, dass er auf dem richtigen Weg ist zurück an die Spitze, dass er den derzeit besten Fußball spielt im Ligaland, aber wer weiß schon wie lange das anhalten kann.

Die Botschaften für die anderen Beteiligten sind von grundsätzlicher Natur: Die Liga weiß wieder, dass sie noch Weltklasse kann; die Saison glaubt an eine Spannung bis zum Schluss und für die Bayern könnte das Spitzenspiel ein Erweckungserlebnis der unliebsamen Art gewesen sein. Der Beginn eines neuen Selbstverständnisses, das nicht "Mia san mia" grölt, sondern erstaunlich zurechtgestutzt daherkommt. Aber der Reihe nach…

Bayerns Kleinmut statt Chuzpe

Der eigentliche Fingerzeig, was dieses Spitzenspiel ausgelöst hat, zeigte sich am Tag danach bei den Kollegen von "Sky", als die Alphamännchen der beiden Klubs, Aki Watzke und Uli Hoeneß, das Geschehene einordnen sollten. Es zeigte sich nicht nur, dass die Bewusstseinsebenen der beiden Herren vertauscht waren, sondern auch die alten Reflexe vom Faktischen überholt scheinen. In früheren Jahren war es so, dass die Bayern, diejenigen Konkurrenten, denen es gelang sie zu demütigen, einfach das Spitzenpersonal wegnahmen. Mit der nötigen Chuzpe und noch viel mehr Geld.

Oft genug war der Leidtragende Borussia Dortmund, siehe Lewandowski, Hummels, Götze. Oder Schalke (Neuer, Thon) oder Bremen (Klose, Borowski). Doch von dieser Chuzpe ist kaum noch etwas im Mia-san-mia-Reservoir, so scheint es. Es hatte sich angedeutet, mit den weinerlichen Auftritten der letzten Wochen, etwa bei ihrer "Wir werden-ungerecht-verfolgt"-Pressekonferenz; die Personalie ihres Sportdirektors Hasan Salihamidzic steht sinnbildlich für eine verschreckte Klubpolitik.

Robert Lewandowski (FC Bayern München)

Robert Lewandowski (FC Bayern München)Getty Images

Als Watzke im "Sky"-Studio gefragt wird, ob er jetzt davon ausgehe, dass sich die Bayern wieder einmal bei ihm im Kader "bedienen" werden, blieb er selbstbewusst: das könne er hier und heute ausschließen. Noch entlarvender war Hoeneß' Kleinmut, der durch das Telefon, mit dem er zugeschaltet war, in das TV-Studio kroch. Man werde keine Aktivitäten am Transfermarkt machen, so Hoeneß. Wenn wir jetzt zwei, drei Spieler holen würden, hätten wir sofort Theater auf der Bank, worauf die Journalisten ja nur gewartet hätten.

Hoeneß hat keinen Alcácer, keinen Dahoud, keinen Sancho. Einen Reus, der heute alles überstrahlt in Dortmund, hielten sie vor drei Jahren für ungeeignet. Dafür hat er jetzt Angst vor den Journalisten. Habe ich das richtig verstanden? Hat das Mia-San-Mia-System ein Update verpasst? Haben die Bayern ein Burn-Out? Oder ist Hoeneß einfach nur zu alt?

Die Sammer-Frage

Die allgemein greifbare Verunsicherung der Bayern tut der Liga gut, wenngleich eine starke Liga sich durch starke Klubs manifestieren sollte und nicht durch die Schwächephase eines einzelnen Players. Platz fünf mit sieben Punkte Rückstand nach elf Spieltagen, das ist viel und ob die Bayern die Lücke auf Dortmund noch einmal schließen werden, wer will das heute schon in der Glaskugel sehen. Durchaus möglich, vielleicht auch wahrscheinlich.

Perspektivisch und strukturell, so scheint es, ist der BVB den Bayern in jedem Fall einen wichtigen Schritt enteilt. In dieser Woche bekam der LIGAstheniker Post von einem ebenso aufmerksamen wie kritischen Leser. Herr Gerhard M. schrieb, die spannendste Frage im deutschen Vereinsfußball, die bisher noch keiner aufgeworfen habe, sei doch, welcher der beiden Vereine – FCB oder BVB – werde sich Matthias Sammer als zukünftigen CEO schnappen?

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Die Frage ist schon deshalb berechtigt, weil Hoeneß ausgerechnet in der aktuellen Krisenlage über seinen eigenen Rückzug fabulierte. Ob das besonders clever und weitsichtig war, sei mal dahingestellt. Vor allem wenn man sich dessen Äußerungen im Detail ansieht. Dass es nämlich einen gibt, der (in den Augen von Hoeneß) kann, was Hoeneß kann, also "die eierlegende Wollmilchsau" (O-Ton Hoeneß), das kann man getrost ausschließen, wenn man Hoeneß kennt.

Wer sich am Samstag im Dortmunder Stadion auf der Ehrentribüne umsah, der sah einen gut bemützten Sammer brav neben Aki Watzke sitzen. Für die Herren Hoeneß und Rummenigge gab es eine Bierdusche direkt aufs Haupt. Das war ihrem angeschlagenen Nervenkostüm sicher nicht zuträglich. Dass die Bayern-Bosse einen wie Sammer einst haben gehen lassen, könnten sie noch einmal bitter bereuen.

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