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Der LIGAstheniker | Wankelmut trifft Euphorie: FC Bayern, BVB und die Vormachtfrage

Der LIGAstheniker: Bayerns Vormachtsstellung wankt

30/10/2018 um 06:40Aktualisiert 30/10/2018 um 09:41

Trotz drei Siegen in Serie sieht LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath die Krise des FC Bayern nicht beendet. Ganz anders die Situation bei Borussia Dortmund: Der BVB wogt trotz spätem Ausgleich gegen Hertha BSC weiter euophorisch vorneweg. In zehn Tagen kommt es zum direkten Duell, und unser Autor befürchtet für den Fall einer Bayern-Pleite die Einberufung einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats.

Liebe Leser und Fußballfreunde, ein kurzer organisatorischer Hinweis in eigener Sache nach der Sitzung des Bayernverfassungsgerichts vor zwei Wochen unter dem Vorsitz von Karl-Heinz Rummenigge und der damit verbundenen eingeschränkten Meinungsfreiheit im deutschen Fußballjournalismus: der LIGAstheniker veröffentlicht in Zukunft nur noch die Meinung seines Anwalts. Oder die von anderen Akteuren, zum Beispiel von Mainzer Spielern.

Die sind von dem Rummenigge-Dekret offenbar nicht selbst betroffen. Nach dem eher unglücklichen 1:2 gegen die Bayern stellten sich einige Mainzer Spieler in der Mixed Zone hin und analysierten das Spiel des FC Bayern in einer brutalen Nüchternheit, dass uns verängstigten professionellen Beobachtern die Ohren sausten.

Thomas Müller im Spiel gegen Mainz 05

Thomas Müller im Spiel gegen Mainz 05Getty Images

Man müsse vor den Bayern keine große Angst mehr haben, sagte etwa Stefan Bell. Die Dominanz von früher fehle, es gebe überraschend viele einfache Ballverluste bei den Münchnern, im Spiel gegen den Ball fehle der Druck, und überhaupt sei das aktuelle Spielsystem der Bayern leicht ausrechenbar, sagte der verletzte Mainz-Torhüter René Adler im TV-Studio.

Dass sich Hinterbänkler vom Tabellen-13. derlei Unverschämtheiten erlauben dürfen, wird die Bayern-Bosse in den Bluthochdruck treiben und zu ihrem Medienanwalt, der längst an der nächsten Unterlassungsverfügung sitzt. Und dabei steht das viel bedeutendere Gipfeltreffen mit Dortmund in zehn Tagen ja erst noch bevor...

Seltsame Eigenwahrnehmung

Es war auch diesmal ein eher unruhiges Wochenende für den FCB. Gegen Mainz - ein Bayern-Sieg wie er früher einmal typisch war für die Münchner. Das eine Tor mehr als der Gegner, im zweiten Drittel des Spiels erzielt, weil man cleverer, überzeugter war, sicher auch besser, auch wenn das nicht immer und überall zu sehen war. Die Bayern konnten das Glück sportlich zwingen, ob sie das aktuell auch gegen hochklassige Gegner können, darüber gibt es Zweifel.

Das Problem von Kovac ist, dass diese 1:0- oder 2:1-Bayernsiege keiner mehr sehen will seit Pep Guardiola, der unter einem Bayern-Sieg etwas ganz anderes verstand: ein 4:0, 5:0, einmal sogar ein 8:0. Auch deshalb ist Kovac schon so früh in der Saison angezählt, weil die Bosse sich fragen, warum ein 8:0 nicht mehr zu den allgemeinen Geschäftsbedingungen ihrer Eigenwahrnehmung gehört.

Trainer Niko Kovac vom FC Bayern München

Trainer Niko Kovac vom FC Bayern MünchenGetty Images

Vor dem Mainz-Spiel gab der neue Bayern-Trainer - wieder auf der offiziellen Bayern-PK - eine Erläuterung, warum das angeblich nicht mehr möglich ist. Seine Auslassungen waren ganz anders, aber nicht weniger kurios als die seiner Bosse eine Woche zuvor.

Wenn Mannschaften gegen den FC Bayern München spielen, so Kovac, dann müsse man pro Angriff "20 bis 30 Spieler ausspielen. Man muss nicht nur zehn Spieler ausspielen, sondern nachdem man zwei, drei ausgespielt hat, sind sie danach direkt wieder da und man muss sie wieder ausspielen".

So hat Kovac das wörtlich gesagt. 20 bis 30 Spieler pro Angriff? Klingt eher nach einer Verschwörungstheorie als nach dem Regelbuch im Fußball.

Der deutsche Clásico und die große Frage

Es war auch diesmal ein eher euphorisches Wochenende für den BVB. Und das obwohl die Dortmunder gegen Hertha kurz vor Schluss noch zwei Punkte herschenkten. Das tat der allgemeinen Stimmung gar keinen Abbruch. Und anders als die Mainzer über die Bayern, fanden die Berliner nur Lobeslieder über das Dortmunder Spiel.

Hertha-Coach Pál Dárdai war derart angetan von der modernen Spielanlage, von Ideenreichtum und Tempo, was in der sichtbar beeindruckten Aussage gipfelte: "Die können schon kicken!" Grins! Dass ein gegnerischer Trainer kurz nach dem Spiel so etwas sagt, kommt reichlich selten vor.

Jubel bei Borussia Dortmund

Jubel bei Borussia DortmundGetty Images

Über die Bayern hat das jüngst zumindest so beeindruckt keiner mehr behauptet. Und jetzt also am 10. November der deutsche Clásico und die Frage: Hat die jahrelange Vormachtstellung der Bayern mit sechs Meisterschaften in Folge ein Ende?

Was Sammer kann und Salihamidzic nicht

Sollte die inzwischen längst legendäre Pressekonferenz der Bayern als Ablenkungsmanöver gedacht gewesen sein, dann kann man sagen, ist das Manöver ein Rohrkrepierer gewesen. Die "Krise", von der Kovac auf seiner PK sogar wörtlich sprach, ist trotz der letzten Siege längst nicht überstanden, schlicht deshalb nicht, weil selbst die Herren Bell und Adler aus Mainz klar benennen können, woran es den Bayern fehlt.

Zudem ist der Flurschaden nach innen immens. Sportdirektor Hasan Salihamidzic wurde auf der PK als duckmäusender Befehlsempfänger vorgeführt, der von der Mannschaft spätestens jetzt nicht mehr ernstgenommen werden kann.

Ironischerweise läuft es bei den Dortmundern gerade jetzt wieder besser, seitdem der notorische Nörgler Matthias Sammer ihnen in die Suppe spuckt. Sammers produktiver Widerspruch war den Bayern-Bossen ja irgendwann zu viel geworden, das könnte sich jetzt rächen.

Die Luft nach oben ist für Rummenigge und Hoeneß dünn geworden: nach einer nicht unmöglichen Niederlage in Dortmund hilft wohl nur noch die Einberufung einer Sondersitzung vor dem UN-Sicherheitsrat. Dass der FC Bayern einmal nicht Deutscher Meister wird, verstößt in München eindeutig gegen das Völkerrecht.

Video - 32 Minuten Wut! Die Abrechnung der Bayern-Bosse in voller Länge

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