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FC Bayern München im Frühjahr 2019: Die Dämonen aus Barcelona...

FC Bayern im Frühjahr 2019: Die Dämonen aus Barcelona...

28/12/2018 um 17:04Aktualisiert 29/12/2018 um 10:13

In den Jahren 1998, 2008 und 2018 verpflichtete der FC Bayern München jeweils neue Trainer. Ottmar Hitzfeld, Jürgen Klinsmann, Niko Kovac. Erstere beiden reisten bald nach Barcelona, mit unterschiedlichen Vorzeichen und demselben Ergebnis: Tränen. Für die Kovac-Bayern kann sich Geschichte wiederholen. Der "Killer mit dem Babyface" ist ja auch zurück…

Im Sommer 1998 holt der FC Bayern einen Trainer namens Hitzfeld. Die Regierung Kohl erreicht ihr Verfallsdatum. Der Kosovo-Konflikt entwickelt sich zum Krisenherd. Eine überalterte deutsche Nationalmannschaft ist bei der WM chancenlos. Sport-Deutschland steht um fünf Uhr morgens auf, um Michael Schumacher fahren zu sehen. Jürgen Klinsmann hat vor einem Jahr in die Tonne getreten, er ahnt nicht, dass er in acht Jahren zum Sommermärchen-Architekten und in zehn Jahren zum Buddha-Beauftragten wird. Niko Kovac ist ein Berufsfußballer aus Leverkusen.

Der FC Bayern vor 20 Jahren: Mario Balser und Ottmar Hitzfeld 1998

Der FC Bayern vor 20 Jahren: Mario Balser und Ottmar Hitzfeld 1998Getty Images

"Es geht nicht um FC Effenberg oder FC Matthäus oder FC Basler", sagt der Mathematiklehrer Hitzfeld und liefert den größten gemeinsamen Nenner: "Nur der FC Bayern ist das Maß aller Dinge." Das ist die Botschaft, nachdem Kaiserslautern (!) gerade Meister wurde und die Egos beim FC Hollywood den spektakulär liebenswerten Mister Trapattoni vergrault haben. Flasche leer. Außerdem hat Franz Beckenbauer diesen monotonen Rasenschach-Fußball satt; Stadionbesuche als Unterhaltungsprogramm würde er blind unterschreiben.

Von Hitzfeld, einem Lörracher, der "Leverkusen" wie "Läwwerkusen" ausspricht und "Profi" wie "Proffi", wird nichts weniger erwartet, als einen offensichtlich untrainierbaren Klub endlich erfolgreichen und attraktiven Fußball spielen zu lassen. Das Verblüffende: Es sollte ihm gelingen, wenigstens teilweise.

Proffi.

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Der Norweger Ole Gunnar Solskjaer verlässt Manchester United anno 2007 als Legende, bis 2010 ist er Trainer der Reserve, anschließend wird er flügge. Früher bezeichneten sie Solskjaer als "Killer mit dem Babyface". Schon ziemlich witzig.

Bayern am Boden: Carsten Jancker nach dem Champions-League-Finale 1999

Bayern am Boden: Carsten Jancker nach dem Champions-League-Finale 1999Getty Images

26. Mai 1999, Camp Nou in Barcelona, kurz nach 22:30 Uhr. Die Bayern-Stars sacken ermattet zu Boden, sogar Carsten Jancker, ein Mann von der Statur eines Wandschranks, schluchzt wie ein Kind. Die Münchner starren apathisch in die Nacht, und der ausrangierte Ex-Kapitän Thomas Helmer streckt beide Mittelfinger in die Höhe, weil Hitzfeld nicht ihn, sondern Thorsten Fink einwechselte. Der Killer mit dem Babyface hat die Bayern erledigt, in der 93. Minute. 2:1 für Manchester United im Finale der Champions League.

München glaubt an die schmerzlichste, epochalste, wahnsinnigste Niederlage seiner Geschichte, damals und jetzt und in alle Ewigkeit.

Bis zum sogenannten Finale dahaom sind es noch 13 Jahre.

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Im Sommer 2008 holt der FC Bayern einen Trainer namens Klinsmann. Amerika erhält mit Barack Obama seinen ersten dunkelhäutigen Präsidenten. Die Weltwirtschaftskrise führt in die globale Rezession. Eine technische Innovation überschwemmt den Markt, aber dieses Smartphone wird sich kaum durchsetzen. Ottmar Hitzfeld hat sich nach insgesamt siebeneinhalb Jahren aus München verabschiedet. Niko Kovac beginnt sein letztes Profijahr, ehe er als Juniortrainer bei Red Bull Salzburg übernimmt.

Gar nicht mal so schlecht: Mesut Özil (r.) gegen Bayerns Mark van Bommel im Jahr 2008

Gar nicht mal so schlecht: Mesut Özil (r.) gegen Bayerns Mark van Bommel im Jahr 2008Getty Images

Mesut Özil schießt ein zauberhaftes Tor in der Allianz Arena, in zwei Jahren wird er zu Real Madrid wechseln. So ein Dreck, denkt sich vermutlich Uli Hoeneß, der natürlich "Mist" hätte denken sollen. Bayern 2, Bremen 5. Eine andere Zeit. Wolfsburg wird Meister, und Hoeneß' Gesichtsfarbe ähnelt seiner Trainingsjacke.

Ende April klingelt in einem Bauernhof am Niederrhein das Telefon.

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Zehn Jahre nach der Mutter aller Niederlagen, die in drei Jahren einen Zwilling erhalten wird, tritt der FC Bayern erneut in Barcelona an. 8. April 2009. Die Abwehrkette bilden Lell, Breno, Demichelis und Oddo; im Tor steht Butt, nicht Rensing. Der FC Barcelona wüstet wie ein zorniger Orkan über München, nichts bleibt zurück außer Wut, Scham und Frust. 0:4, es hätte 0:8 ausgehen können oder noch schlimmer. Karl-Heinz Rummenigge hält das Bankett im Stile einer Trauerrede, er hat "unseren alten Freund Udo Lattek" auf der Tribüne erkannt. "Der hat geweint."

Wer an jenem Abend prophezeit, dass der FC Bayern 2010, 2012 und 2013 ins Finale der Champions League vorstoßen wird - Respekt.

Jürgen Klinsmann und Uli Hoeneß bei der Schmach von Barcelona 2009

Jürgen Klinsmann und Uli Hoeneß bei der Schmach von Barcelona 2009Getty Images

Klinsmann erlebt das Monatsende nicht als Mitarbeiter des FC Bayern. TV-Moderator Günther Jauch nennt ihn "Obama des deutschen Fußballs", worauf Hoeneß gallig hoeneßt: "Wenn Jürgen der Obama des deutschen Fußballs ist, dann bin ich Mutter Teresa."

Indes werden am Niederrhein ein paar Koffer gepackt. Der Schäferhund bellt und wird beruhigt. Keine Sorge, Cando, in fünf Wochen ist Herrchen wieder da.

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Im Sommer 2018 holt der FC Bayern einen Trainer namens Kovac. Die SPD erleidet ein historisches Wahldebakel. Rechte Ströme belasten die Gesellschaft. Der Fußball ist derart politisch aufgeladen, dass es die Causa Özil zur leidigen Dauerdebatte bringt. Eine überalterte deutsche Nationalmannschaft ist bei der WM chancenlos. Sport-Deutschland beschäftigt Schumachers Schicksal. Ottmar Hitzfeld hat seine Karriere vor vier Jahren beendet. Jürgen Klinsmann ist seit zwei Jahren ohne Job.

Video - 32 Minuten Wut! Die Abrechnung der Bayern-Bosse in voller Länge

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Zwei Dekaden nach Trapattonis Ich-habe-fertig-Pamphlet weist Rummenigge zurecht auf die Belange des Grundgesetzes hin. Hasan Salihamidzic sitzt ganz außen, will etwas sagen, hat aber ebenfalls fertig bei einer Auf-die-Fresse-Konferenz ("Süddeutsche Zeitung"). Hoeneß bewertet Ex-Bayern-Spieler Bernat profund; zuvor war er, Hoeneß, ein paar Jährchen verhindert aufgrund eines Fehlers, den er als Privatmann begangen hatte.

Beim FC Bayern läuft's ähnlich harmonisch wie zu Trapattonis Zeiten: nicht sooo besonders. Salihamidzic sucht Maulwürfe, davon unbeeindruckt erzielt ein Mensch namens Lukebakio drei Tore für einen Verein namens Düsseldorf. 3:3. Kovac analysiert den Aggregatszustand: "Wenn wir die drei Gegentore abziehen, haben wir ein gutes Spiel gemacht."

Jupp Heynckes kommt heim. Diesmal endgültig. Schätzt er. Ja, doch. Kovac kriegt den Laden langsam in den Griff.

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1999 gab es Tränen in Barcelona und 2009 erneut. Zwei Ereignisse als Wegmarken. Im Frühjahr 2019 duelliert sich Bayern mit Liverpool, Franck Ribéry und Thomas Müller sind die letzten Vertreter von 2009, der FC Barcelona ist weiter im Wettbewerb, genau wie Manchester United.

Die Dämonen von einst zähmten sich selbst. Sie haben einen neuen Coach. Ihr Babyface ist ergraut, aber das muss nichts heißen.

Video - Ost: "Letzte Bayern-Entwicklung gab's unter Pep"

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