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Der unwürdige Abschied des Jérôme Boateng

Der unwürdige Abschied des Jérôme Boateng

21/05/2019 um 10:41

Jérôme Boateng gibt bei der Meisterparty des FC Bayern München ein trauriges Bild ab. Anders als Arjen Robben, Franck Ribéry und Rafinha droht dem 30-Jährigen nun ein Abgang durch die Hintertür. Boatengs Verhandlungsposition, um einen letzten großen Vertrag bei einem europäischen Top-Klub zu unterschreiben, hat sich in dieser Saison allerdings nicht gerade verbessert.

Tatort München, Allianz Arena: Der Abend war bereits angebrochen an diesem Samstag, dem 34. Spieltag in der Bundesliga, als die Bayern-Mannschaft vor die Südkurve trat und ausgelassen die siebte deutsche Meisterschaft in Folge feierte.

Die ganze Bayern-Mannschaft? Mitnichten, Jérôme Boateng saß gedankenverloren an der Mittellinie am Fuße des Meisterpodests, kickte kurz darauf ein bisschen mit seinen beiden Töchtern Lamia und Soley. Traurig wirkte er, teilnahmslos. Als hätte er mit dem FC Bayern bereits abgeschlossen.

Jerome Boateng vor Abgang beim FC Bayern München

Jerome Boateng vor Abgang beim FC Bayern MünchenGetty Images

Und Boateng? Der schmorte nur 90 Minuten auf der Bank, für den Weltmeister von 2014 anno 2019 fast schon Routine.

Theoretisch weg, faktisch aber noch da

Nun muss man dem deutschen Rekordmeister zugute halten, dass Boateng, anders als seine gefeierten Mitspieler, faktisch auch in der kommenden Saison noch das rote Trikot tragen wird.

Vertrag bis 2021 und noch kein neuer Verein in Sicht: Weder dem 30-Jährigen noch den Bayern kann man aus der unschönen Situation am Samstag einen Strick drehen, weil einfach die nötigen Fakten für einen Abschied in Ehren fehlten. Ein fader Beigeschmack bleibt dennoch.

"Ich weiß, wie sich Jérôme fühlt", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic nur knapp, betonte aber auch: "Wir haben 19 Jungs und jeder von denen kann spielen."

Nur in zwei der letzten sieben Liga-Spiele stand Boateng auf dem Rasen, ansonsten blieb ihm nur die Reservistenrolle. Dabei galt er noch vor gar nicht allzu langer Zeit zu den Besten seiner Kunst.

Dazu passt es auch, dass der Ex-Nationalspieler als erster Münchner Profi das Stadion nach den Feierlichkeiten verließ und bei der anschließenden Meister-Party am Nockherberg gar nicht erst auf dem Balkon erschien. Warum, blieb unklar.

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Von "Everybody’s Darling" zum Vergessenen

So oder so: Deutschlands ehemaliger "Everybody’s Darling" hat eine Saison zum Vergessen hinter sich gebracht. WM-Blamage, DFB-Ausbootung und die Degradierung unter Trainer Niko Kovac zum Bankdrücker: Die Liste der Rückschläge ist lang.

Hinzu kamen zahlreiche Patzer gerade in Zeiten des Herbst-Bebens beim alten und neuen deutschen Meister sowie die unglückliche Ansetzung einer privaten Party am Abend des Liga-Gipfels gegen den BVB.

Mit der Ankunft von Niklas Süle im Sommer 2017 war es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis einer des Weltmeister-Duos Boateng/Hummels seinen Platz räumen muss. Es erwischte am Ende nun den gebürtigen Berliner, nicht zuletzt auch aufgrund diverser Verletzungen.

So stand Boateng am Samstag also da, alleine und etwas bedröppelt, auf dem Rasen in der Allianz Arena. Ohne Verabschiedung, ohne Würdigung. Dass sein Abgang durch die Hintertür erfolgen wird, scheint ihm gewaltig zu stinken. Das Problem ist nur: Wohin soll es jetzt gehen?

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Boateng im Dilemma

Offiziell ist noch nichts, seine Verhandlungsposition hat sich jedoch im Vergleich zum Vorjahr, als noch Paris Saint-Germain und Manchester United um Boateng buhlten, verschlechtert. Dass er geht, ist laut der "Süddeutschen Zeitung" längst beschlossene Sache. Aber wohin? Und wer zahlt das, was sich Bayern und Boateng - als 2014er Weltmeister immerhin einer der besser Verdienenden bei Bayern - vorstellen?

Die "Bild" brachte Inter Mailand ins Gespräch, 20 Millionen Euro Ablöse sollen im Raum stehen. Doch auch bei den Nerazzurri hätte Boateng mit ordentlich Konkurrenz - Milan Skriniar, Stefan de Vrij, Miranda, Andrea Ranocchia - zu kämpfen. Zudem wären beim Gehalt sicherlich Abstriche von Nöten. Und Inter hat noch nicht mal die Champions League fix erreicht.

Es scheint fast so, als stünde Boateng vor einem schwierigen, aber auch wegweisenden Sommer. Der Abgang ist in der Theorie fix, in der Praxis aber noch in der Schwebe.

Bedeutet für Boateng in Abschiedswährung beim FC Bayern: Keine Blumen, keine Bilderrahmen, keine stehenden Ovationen und wohl auch kein großes Merci vom Verein. Stattdessen blieb ihm am letzten Spieltag nur eines: Die Einsamkeit am Mittelkreis.

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