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Warum Kovac eine zweite Bayern-Saison bekommen sollte

Warum Kovac eine zweite Bayern-Saison bekommen sollte

19/05/2019 um 21:53Aktualisiert 22/05/2019 um 17:32

Niko Kovac holt in seinem ersten Jahr als Trainer des FC Bayern München die Meisterschaft, der DFB-Pokal kann folgen - viel mehr geht nicht nach einer Saison mit spektakulär vielen Irrungen und Wirrungen. Trotzdem wird diskutiert, ob Kovac seinen Job behalten darf, was reichlich skurril wirkt. Argumente für einen Verbleib beim FC Bayern bemessen sich nicht nur am möglichen Double.

Vermutlich hat es das nie gegeben: Dass ein frisch mit Weißbier getaufter Meistertrainer noch auf dem Rasen gefragt wird, ob er glaubt, seinen Job behalten zu dürfen.

Niko Kovac hat tadellose Manieren, also echauffierte er sich nicht über Pietät- und Niveaulosigkeiten, sondern antwortete ehrlich: Er habe "Informationen aus erster Hand" und sei daher "überzeugt, dass es weitergeht" beim FC Bayern München.

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Was am Samstag in der Allianz Arena gesichert zum ersten Mal geschah, waren Chöre aus der Kurve, die Kovac als "besten Mann" glorifizierte. Das wühlte ihn auf, und irgendwann war nicht mehr zu unterscheiden, ob seine Wangen wegen des Weißbiers glänzten oder doch wegen ein paar Tränchen.

Und damit zum Thema dieser Tage: Sollte der FC Bayern seinen staatlich geprüften Meistertrainer und potentiellen Double-Sieger rauswerfen?

Hoeneß wollte Kovac "bis aufs Blut verteidigen"

Antworten können ausschließlich aus dem Münchner Führungszirkel stammen. Es wirkt verdächtig so, als ob Kovac von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge nur geduldet würde, von Sportdirektor Hasan Salihamidzic immerhin geschätzt und von Präsident Uli Hoeneß - tja, was eigentlich? "Bis aufs Blut verteidigen" ist ein Versprechen vom Herbst.

Nach Bayerns Meisterball, einem 5:1 gegen Eintracht Frankfurt, das im schlimmsten Falle zweistellig hätte enden können für die Hessen, lieferten alle Bosse außer Rummenigge haltbare Argumente pro Kovac. Davon gibt es nämlich einige.

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"Wir sind im Umbruch, in diesem Jahr und auch im nächsten Jahr", sagte Hoeneß. "Niko hat einiges aushalten müssen, er hat das gut gemacht und sich belohnt", sagte Salihamidzic nach einer Saison mit spektakulär vielen Irrungen und Wirrungen.

Bayern hatte den schwächsten Kader der Vorjahre

Dem nicht als 1A-Wunschlösung verpflichteten Kovac wurde eine Umbruchself vorgesetzt. Der schwächste Kader der Vorjahre war über dem Zenit (Franck Ribéry, Arjen Robben, vielleicht Manuel Neuer, Mats Hummels, Jérôme Boateng, Thomas Müller), oft und lange verletzt (Neuer, Corentin Tolisso, Kingsley Coman) und wurde mit günstigen Spielern verstärkt (Leon Goretzka, Serge Gnabry, Rückkehrer Renato Sanches - dazu kam Alphonso Davies für zehn Millionen Euro im Winter).

Die Moderation der Causa Robbery war eine Sache für sich. Wer sah, wie Robben am Samstag verärgert gegen den Torpfosten trat, weil er auf seine Einwechslung drängte, mochte schon erahnen, wie heikel die Behandlung der alternden Ikonen war. Zumal Kovac nicht die Aura eines Jupp Heynckes hat, vor allem deshalb übrigens, weil er sie gar nicht haben kann.

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Die Grundgesetz-Pressekonferenz. Die nie gefundenen "Maulwürfe" der Bayern-Kabine. Die Goldsteak-Affäre um Ribéry. Die kryptischen Rummenigge-Worte. Und, selbstverständlich, die Instagram-Kritik von Lisa Müller.

Ehemann Thomas fasste es im Meister-Moment treffend zusammen: "Wir hatten so viel Stress und Ärger dieses Jahr." Hoeneß erkannte eine "ganz besondere Meisterschaft" samt "unglaublicher Willensleistung".

FC Bayern: Kovac steht ja erst am Anfang

Kovac hat eine Herbstkrise überwunden und internen Dauerstress auch; er hat dank der zweitbesten Rückrunde in Bayerns Vereinsgeschichte neun Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund aufgeholt; er hat überdies die Maske gewahrt, obwohl mitunter durchschien, wie unsäglich Kovac so manche Sitte an der Säbener fand - etwa in der Vorwoche, als er einen Mangel an Menschlichkeit beklagte.

Und der 47-Jährige ist ja erst am Anfang, wie Ribéry richtig registrierte: "Der Trainer braucht Zeit. Niko ist ein guter Mensch. Ich hoffe, er bleibt bei Bayern."

Fair bewertet werden kann Kovac erst nach einer zweiten Saison mit einem Team, dessen Zusammenstellung er aktiv beeinflusste. Der Kroate kennt sein Aufgabenheft, er muss sich taktisch entwickeln, (intern) an Profil zulegen und Leitplanken festlegen, fußballerisch wie atmosphärisch. Ein blutleeres Champions-League-Aus gegen Liverpool darf sich nicht wiederholen, aber Kovac verdient es, die Chance zur Korrektur zu kriegen.

Für Erste besteht die Möglichkeit, der Meisterschaft noch den DFB-Pokal folgen zu lassen. Das wäre ein Titel mehr als im Vorjahr unter dem heiligen Heynckes.

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