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Der LIGAstheniker: RB ist die dritte Kraft - Kompliment an den Kommerzfußball

Der LIGAstheniker: RB ist die dritte Kraft - Kompliment an den Kommerzfußball

15/04/2019 um 15:05

RB Leipzig brilliert nach mühsamem Start in der Bundesliga und wird die Champions League erneut erreichen. Die Roten Bullen etablieren sich langsam aber sicher als dritte Kraft im deutschen Fußball - und das verdient. Der LIGAstheniker zeigt in seinem neuen Blog, warum RB Leipzig dauerhaft ein Spitzenteam sein wird.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Der einzige in Ostdeutschland beheimatete Bundesliga-Klub wird in der kommenden Saison wieder auf die größte europäische Fußballbühne treten, die Champions League. Das kann man schon jetzt behaupten, auch wenn es rechnerisch, fünf Spieltage vor Schluss, noch nicht ganz durch ist.

Selbst Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick, der nicht für große Emotionssprünge bekannt ist, war derart euphorisiert ("Große Klasse"), dass man ihm und seiner Mannschaft nur gratulieren kann. Es gibt sicher viele gute Gründe, diese sektiererisch auftretende Kommerzerfindung namens RB unsympathisch zu finden.

Andererseits gibt es gerade im Profifußball viel zu viele Beispiele, die belegen, dass viel Geld nicht automatisch zu großer Innovation führt - siehe HSV, Schalke, Leverkusen. Das muss man dem "Brauseklub" lassen: Das Geld investieren sie sinnvoll, sie propagieren eine eigene Spielidee, ihre strategischen Entscheidungen gehen über den Tellerrand hinaus (Salzburg, New York oder Bragantino).

Aber bitte, nur weil der LIGAstheniker heute mal zu einer kleinen Lobhudelei ansetzt, schickt mir bitte keine eurer gesundheitsgefährdenden Koffeindöschen frei Haus, die braucht kein Mensch.

Leipzigs Saison: Wacklig bis brillant

Dass RB am Ende so gut da stehen wird, das war in der Hinrunde nicht immer absehbar. Eine deftige Pleite in Dortmund am ersten Spieltag, ein Unentschieden gegen Düsseldorf, mit Müh und Not ein Sieg gegen den De-facto-Absteiger Hannover, so ging es los. Danach wechselten sich unerklärliche Pleiten (0:3 gegen Freiburg) und großartiges Umschaltspiel (3:0 bei der Hertha) ab.

Erst in der Rückrunde schaffte es Rangnick, seiner Mannschaft Konstanz - also die Fähigkeit, nicht mehr unter ein gewisses Level zu fallen - erfolgreich zu verordnen. Stilprägend das brillante 5:0 wieder gegen die Hertha. Angesichts des jugendlichen Kaders ein Reifeprozess, der jetzt durchgängig erfolgreich spielbar wird. Ein Prozess, der in Europas erster Klasse nach dem Debüt in dieser Saison aufzeigen soll, was noch alles denkbar ist. Eben nicht nur Gruppenphase, sondern deutlich mehr.

Nagelsmann soll nächste Stufe zünden

Neudeutsch spricht man gerne vom Momentum, wenn sich vieles richtig zusammenfügt, wie in einem großen Puzzle. Da passt es, dass ausgerechnet jetzt Julian Nagelsmann - für viele nicht nur der sympathischste Trainer der Liga, sondern auch eine Art Softwareupdate von Jürgen Klopp - nach Leipzig wechselt. Die Losung ist klar: Wenn ein geerdeter Bayer wie Nagelsmann keine Berührungsängste mit dem künstlichen Klub hat, dann kann sie jeder überwinden.

Viel wichtiger aber ist, dass Nagelsmann sportlich die nächste Stufe zünden soll. Die dritte Kraft im deutschen Vereinsfußball ist gut und schön, aber es ist eben nicht genug. Interessant dürfte zu beobachten sein, ob Ralle Rangnick, der Nagelsmann genau deswegen geholt hat, ihm dafür auch freie Hand lässt.

Julian Nagelsmann will ab kommender Saison mit RB Leipzig erfolgreich sein

Julian Nagelsmann will ab kommender Saison mit RB Leipzig erfolgreich seinGetty Images

Denn dass jemand etwas noch besser kann als Rangnick selbst, ist ihm bisher eher selten untergekommen. (Anmerkung in eigener Sache: Bitte liebe RB-Presseabteilung, nicht mit dem Anwalt kommen, diese Zeilen sind ausdrücklich von der Meinungsfreiheit gedeckt. Danke.)

RB passt ideal in die Zeit

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie sich die Marketingstrategen des Mateschitz-Konzerns die Hände reiben, sollte Red Bull Salzburg auch durch Europa fegen, wie hierzulande in der Rückrunde. Und insofern, dass sich sportliche und kommerzielle Interessen derart eng vermengen, ist RB Leipzig sinnbildlich für den Profifußball dieser Tage.

Dass ein DFB-Präsident wegen einer Luxusuhr seine Integrität über Bord wirft, dass FIFA-Boss Gianni Infantino den Weltverband am liebsten an die Saudis verschachern will, dass die Bayern über eine "Super League" nachgedacht haben, all das ist längst Realität. Sollte die Super League eines Tages kommen, und die Bayern tatsächlich die Bundesliga verlassen, spätestens dann wäre RB Leipzig mehr als "nur" die dritte Kraft im Lande.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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