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Schalke 04: Nach Heidel-Rücktritt: Traut sich Tedesco S04 noch zu?

Der LIGAstheniker | Traut sich Tedesco Schalke noch zu?

26/02/2019 um 09:24Aktualisiert 26/02/2019 um 14:24

Der LIGAstheniker befasst sich mit dem Rücktritt von Christian Heidel beim FC Schalke 04 und fragt sich: Wann übernimmt Trainer Domenico Tedesco endlich Verantwortung? Für Thilo Komma-Pöllath wirkte der junge Coach, der als Jahrgangsbester auf dem Fußballlehrer-Lehrgang abschloss, zuletzt in seinen taktischen Anweisungen viel zu oft mutlos und eingeschüchtert.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Dass einer im Überversorgungswerk Bundesliga einmal von selbst seinen Vertrag kündigt, und nicht wie gewöhnlich gut bezahlt aussitzt, dass einer also das übernimmt, was man gemeinhin "Verantwortung" nennt, das kommt hierzulande so selten vor, dass wir uns den 23. Februar 2019 für die nähere Zukunft merken sollten.

Derart viel Offensivgeist wie Sportvorstand Christian Heidel hat auf Schalke seit Monaten keiner mehr gezeigt. Und es bestätigt eigentlich nur den Eindruck von einem Fußballmanager, den man seit Jahren gewonnen hat, dass da einer, bei aller Kritik an seinem Tun und trotz aller Fliehkräfte des Millionenbusiness', versucht, mit einer einigermaßen geraden Haltung und beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.

Und wenn man weiß, dass Trainer und Mannschaft schon vor dem Spiel von Heidels Abgang wussten, dann macht das die mutlose und verängstigte Mainz-Blamage noch größer. Und sie legt offen, warum Domenico Tedesco vielleicht nicht mehr der richtige Trainer auf Schalke sein könnte.

Christian Heidel vom FC Schalke 04

Christian Heidel vom FC Schalke 04Getty Images

Heidel, der Alleinschuldige?

Bisher war Manager Heidel eine Art Schutzpatron für den jungen, begabten Trainer Tedesco. Auf Heidel zielte die Hauptkritik, der Trainer konnte angesichts der schwächsten Schalker Zwischenbilanz seit 36 Jahren (Platz 14, 23 Punkte aus 23 Spielen) immer noch relativ ruhig arbeiten.

Das hat auch damit zu tun, dass man auf Schalke offenbar verstanden hat, dass überhastete Trainerentlassungen noch nie etwas gebracht haben außer Unruhe und Schulden. Man hat, auch das zählt, Tedesco einiges zu verdanken. Platz zwei und Champions-League-Qualifikation vom letzten Jahr sind unvergessen. Heidel also war der ausgemachte Schuldige, er habe den teuren Kader zusammengestellt, der jetzt nicht zusammenpasst.

Dass Ex-Kapitän und Klublegende Benedikt Höwedes letztes Jahr seinen Abschied nahm, wurde an Heidel festgemacht, verziehen haben ihm die Fans das bis heute nicht. Der Vorwurf, Heidel hätte Klubwerte beschädigt, weil die Marktpreise der Spieler in der Schalker Krise deutlich gesunken seien, klingt allerdings ein wenig absurd. Trainiert hat die Spieler immer noch der Trainer und der heißt Domenico Tedesco.

Was ist mit Tedescos Verantwortung?

Ihm, also Tedesco, könnte der wichtigste Satz in Heidels Abschiedserklärung derweil schon bald selbst um die Ohren fliegen. Dass Heidel bewusst, so wörtlich, "die sportliche Gesamtverantwortung" übernimmt, lässt automatisch die Frage offen, welche Verantwortung eigentlich der Trainer in der Krise trägt und noch übernehmen will? Und wieso liegt die sportliche Verantwortung eigentlich nicht auch bei ihm, dem Cheftrainer?

Seine Äußerungen zum Abgang seines Mentors wirken dann auch exakt so verquast und hasenfüßig, wie die letzten Spiele seiner Mannschaft. Gegen Manchester City in der Champions League führt Schalke 2:1 und hat einen Mann mehr auf dem Platz. Aber anstatt auf das dritte Tor zu gehen, wechselt Tedesco den einzig nominellen Stürmer aus und zittert Schalke so um den Sieg.

Tedescos taktische Anweisungen sind geprägt von der Angst, das Spiel zu verlieren und nicht vom jugendlichen Sturm und Drang, den man angesichts seines Alters erwarten dürfte. Tedesco hat die Hosen voll, wenn man das so salopp und etwas derb formulieren darf. Und schon drei Tage später dieser Offenbarungseid in Mainz, schlimmer geht es kaum noch.

Und was sagt Tedesco, als man ihn nach diesem Gegurke auf den Heidel-Abschied anspricht? Er müsse das erst mal sacken lassen. Dabei weiß er spätestens seit dem Vorabend von Heidels Plänen. Mehr kommt da nicht?

Domenico Tedesco in Rage an der Seitenlinie

Domenico Tedesco in Rage an der SeitenlinieGetty Images

Traut sich Tedesco Schalke noch zu?

Dass nämlich ist der Gesamteindruck, den Tedesco in den letzten Wochen vermittelt: es kommt zu wenig von ihm. Er wirkt gehemmt, eingeschüchtert, defensiv, er personifiziert damit eins zu eins das Spiel seiner Mannschaft. Wo ist die Überzeugung, die Krise hinter sich zu lassen? Traut er sich die Aufgabe nicht mehr zu? Ist sie ihm über den Kopf gewachsen?

Manchmal wirkt es so. Wieso lässt er es unkommentiert, wenn einer wie Heidel die ganze Verantwortung für sich reklamiert, was ist mit seiner? Tedesco ist nicht mehr der U17-Trainer, er ist nicht mehr Jahrgangsbester auf dem Fußballlehrer-Lehrgang, er ist jetzt Profi, Cheftrainer des vielleicht kompliziertesten Bundesligisten.

Das muss er auch verkörpern. Wenn er das kann, muss und soll er weitermachen. Wenn nicht, dann sollte er Platz machen für einen, der im Notfall die ganz große Katastrophe zu verhindern weiß.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

Video - Effenberg kritisiert Schalke-Manager Heidel harsch

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