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Taktik-Check zum FC Bayern München: Das kann Niko Kovac von Jupp Heynckes lernen

Was Kovac noch von Heynckes lernen kann

10/11/2018 um 09:43

Im Topspiel bei Spitzenreiter Borussia Dortmund ist der FC Bayern ausnahmsweise nicht in der Favoritenrolle. Doch warum gelingt es Niko Kovac nicht, dass sein Team endlich dieselbe Power auf den Platz bringt wie im Vorjahr, als Jupp Heynckes nahezu identischen Kader zur Verfügung hatte? Eurosport.de analysiert im Taktik-Check, was Kovac von Vorgänger Heynckes lernen kann.

Schwaches Zentrum? Leeres Zentrum!

Gegen tief stehende Griechen ließ die Mannschaft von Kovac den Ball sicher durch die eigenen Reihen laufen - meist aber ohne Raumgewinn. Zu oft landete man frühzeitig auf der Außenbahn, wurde zu dritt zugestellt und musste wieder verlagern. Das Problem dabei: Wegen einer schlechten Raumaufteilung dauerten diese Seitenwechsel viel zu lang.

Im Zentrum hatten die Bayern, wie so oft in den letzten Wochen, keine richtige Präsenz, gegen Athen wurde dieses Problem durch die Auswahl der Spieler noch einmal verstärkt. Javi Martínez agierte als Sechser klar vor den Innenverteidigern, konzentrierte sich aber wie gewohnt auf seine absichernde Rolle - ein permanent ballfordernder Spielgestalter wird aus dem Spanier wohl nicht mehr.

Javi Martínez bei FC Bayern - Athen

Javi Martínez bei FC Bayern - AthenGetty Images

Vor ihm agierten mit Leon Goretzka und Thomas Müller zwei Spieler als Achter, die ebenfalls keineswegs für Kontrolle und Dominanz stehen, die beiden sind vertikal ausgerichtete Spielertypen und streben in die Tiefe beziehungsweise in den Strafraum.

Die Folge: War der Ball außen bei Franck Ribéry oder Serge Gnabry, gab es nur drei Optionen - keine davon vielversprechend: Entweder flankten sie aus einer statischen Situation heraus in den von der Athener Fünferkette gefüllten Strafraum oder sie probierten es im Dribbling gegen zwei, öfter auch mal drei Leute.

Die letzte, sicherste, aber für die Zuschauer langweiligste Option war das "Spiel im U". So bezeichnete Pep Guardiola schon den "Worst Case" bei Ballbesitz: Der Ball wandert vom Außenstürmer über den Außenverteidiger und beide Innenverteidiger wieder auf die andere Seite über den Außenverteidiger zum Außenstürmer - im "U" also.

Um dies zu verteidigen, muss der Gegner lediglich ein bisschen laufen, das reine Verschieben setzt aber auf diesem Niveau keine Mannschaft unter Stress. Ein von Lucien Favre eingestelltes Dortmunder Team erst recht nicht.

Wo ist das Umschaltspiel geblieben?

Natürlich wissen weder Journalisten noch Fans, welche exakten Anweisungen die Mannschaft vom Trainer bekommt. Aktuell wirkt es aber so, als würde es entweder viel zu wenige, viel zu viele oder unklare taktische Regeln geben - anders ist die zuletzt gezeigte Leistung schwer zu erklären.

Unter Jupp Heynckes spielte der FC Bayern einen sehr zielstrebigen Fußball, der vor allem deshalb so gut funktionierte, weil es einige wenige klare taktische Marschrouten gab - die dann aber mit allerhöchster Konsequenz umgesetzt worden sind.

Jupp Heynckes (FC Bayern München)

Jupp Heynckes (FC Bayern München)Imago

Gerade im Zentrum war man variabel, die Akteure tauschten oft die Positionen. Aber es war zu jedem Zeitpunkt jeder wichtige Raum besetzt - so etwas muss regelmäßig trainiert und im Video analysiert werden, auch bei Weltklassespielern.

Ein weiterer Aspekt, den Kovac sich von seinem Vorgänger abschauen sollte, ist das Umschaltspiel in beide Richtungen. Zur Zeit gibt es kein kollektives Gegenpressing nach Ballverlust: Einige Spieler setzen (teilweise halbherzig) nach, andere lassen sich nach hinten fallen, wieder andere bleiben stehen. Die sofortige Rückeroberung des Balls ist für Topmannschaften ein wichtiges Mittel, um den in der Regel tiefstehenden Gegner auch mal in ungeordneten Moment zu erwischen.

Die richtige Umsetzung ist eine Frage der Bereitschaft, der schnellen Kommunikation und der Abstände untereinander. Fehlt hier auch nur ein Detail, nutzt eine Mannschaft mit schnellen Spieler - wie der BVB - das gnadenlos aus.

Bundesliga - Marco Reus (BVB), Thomas Müller (FC Bayern München)

Bundesliga - Marco Reus (BVB), Thomas Müller (FC Bayern München)Imago

Beim Umschalten in die Offensive fehlt aktuell ebenfalls die Durchschlagskraft, auch hier scheint es im Vorjahr klarere Muster gegeben zu haben - der Ball wurde zielstrebig Richtung Tor getrieben, Überzahlsituationen ausgespielt, Gleichzahlsituationen per Dribblings zu den eigenen Gunsten entschieden.

Eurosport-Check: Die Ergebnisse der Bayern blieben zuletzt hinter den Erwartungen zurück. Dass die Leistungen die Resultate rechtfertigten, ist aber das eigentlich Besorgniserregende aus Münchener Sicht - verdiente Niederlagen oder Unentschieden kommen im Selbstverständnis des FC Bayern ja eigentlich nicht vor, vor allem nicht in der zuletzt aufgetretenen Regelmäßigkeit. Es fehlen aktuell viele Kleinigkeiten, allen voran im Positionsspiel und beim Umschalten in beide Richtungen. Kovac muss es nun schleunigst gelingen, die Sinne der Mannschaft für diese Details zu schärfen - Einzelgespräche, Videoanalysen, Trainingseinheiten, da gibt es viele Möglichkeiten. Nur dann kann der Rekordmeister seinem Selbstverständnis auf Dauer gerecht werden und den BVB einholen.

Video - Bundesliga 1800 #46 | Rededuell zu BVB-FCB: "Favre ist besser als Kovac!"

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