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VfB Stuttgart | Thomas Berthold im Interview zum Reschke-Aus: "Der VfB hat nur noch eine Patrone"

Berthold exklusiv: "Der VfB hat nur noch eine Patrone"

13/02/2019 um 08:04Aktualisiert 13/02/2019 um 10:58

Mit Thomas Hitzlsperger hat der VfB Stuttgart nach Michael Reschkes Entlassung einen neuen Mann auf der Position des Sportvorstandes präsentiert. Dass Stuttgarts Probleme durch die Verpflichtung des Ex-Nationalspielers gelöst sind, glaubt Thomas Berthold jedoch nicht. Im exklusiven Interview mit Eurosport analysiert der 54-Jährige, was wirklich falsch läuft bei seinem Ex-Verein.

Das Interview führten Thomas Janz und Tom Müller

Herr Berthold, wie überraschend kam die Entlassung von Michael Reschke für Sie?

Thomas Berthold: Wenn man die letzten Wochen und Monate verfolgt hat, kam es nicht so überraschend. Es gab Anzeichen, dass es zum großen beziehungsweise mittelgroßen Knall kommen wird. Der große Knall wäre gewesen, Trainer und Sportdirektor zu entlassen. Jetzt war es der Schritt, sich nur vom Sportvorstand zu verabschieden. Für mich war das die vorletzte Patrone, die Stuttgart hat. Alles andere entscheidet sich auf dem Platz.

Was kann Thomas Hitzlsperger jetzt bewirken?

Berthold: Der Nachfolger kann jetzt nichts groß machen, außer Gespräche zu führen, für Geschlossenheit stehen und Ruhe bewahren. Jetzt kommt RB Leipzig am Wochenende, danach Bremen und dann Hannover.

"Reschke hat die Medienarbeit total unterschätzt"

Worin liegen die eigentlichen Probleme des VfB?

Berthold: Nach der Ausgliederung in die Fußball-AG hatte man nur Herrn Reschke und mit Guido Buchwald einen einzigen ehemaligen Spieler in einem Gremium des Vereins, der aber letztendlich keine Entscheidungsgewalt hatte. Dadurch ergab sich die Situation, dass Reschke eben relativ viel Entscheidungsfreiheit eingeräumt wurde. Reschke hat insgesamt rund 48 Millionen Euro investiert. Für mich stellen sich hier viele Fragen: Warum muss man beispielsweise einen Spieler wie Pablo Maffeo kaufen, der bei Manchester City in der zweiten Mannschaft gespielt hat? Das ist ein wirtschaftliches Risiko.

Was hätte man anders machen können?

Ich kann doch junge Profis auch mit einer Kaufoption ausleihen. Und wenn es funktioniert, dann kauft man ihn, und wenn nicht, dann geht er wieder zurück. Das machen andere Vereine auch und minimieren dadurch das Risiko. Der VfB war immer ein Verein, der für die Jugend stand, das war auch zu meiner Zeit so. Und dann kommt Reschke und fängt eine Diskussion darüber an, die zweite Mannschaft abzuschaffen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir schon: Was ist denn hier los?

Thomas Berthold spielte von 1993-2001 beim VfB Stuttgart.

Thomas Berthold spielte von 1993-2001 beim VfB Stuttgart.Getty Images

Reschke hat beim FC Bayern erfolgreich im Bereich Scouting gearbeitet. Was hat ihm als Sportvorstand gefehlt?

Berthold: Wenn man verdeckt in der zweiten und dritten Reihe steht, wie beim Scouting, dann ist das die eine Sache. Wenn man jedoch in der ersten Reihe und dadurch auch im direkten Kontakt mit den Medien steht, dann ist das ein ganz anderes Thema. Sehen Sie sich doch mal die medialen Auftritte von Reschke an, hier hat er einfach Defizite. Wenn man vor der Kamera steht, sollte man schon wissen, was sage ich wann, was lasse ich fallen oder eben nicht. Das Thema Medienarbeit hat er total unterschätzt. Der VfB ist im Sommer 2017 aufgestiegen. Damals gab es eine riesige Euphorie um Hannes Wolf und Jan Schindlmeiser. Beide hatten einen Plan und wollten mit jungen Spielern eine Mannschaft aufbauen, und auf einmal wurde dieser Weg unterbrochen. Plötzlich kam Herr Reschke ins Spiel. Eigentlich müsste man spätestens hier gewisse Fragen an die Verantwortlichen stellen.

Wie sehr berührt Sie als Ex-Spieler die aktuelle Lage des VfB?

Berthold: Mich berührt es aus dem Grund, weil ich in Stuttgart lange gespielt habe und auch noch viele Leute und das Umfeld kenne. Ich sehe das Potenzial in dieser Region, aber mich wundert aufgrund der mangelnden Strukturen nichts mehr. Wenn ich keine Strukturen und keine kompetenten Leute mit Stallgeruch habe, dann kann ich auch nicht erfolgreich sein.

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Ist Thomas Hitzlsperger der richtige Mann für den Job? Einer, der den Karren wieder auf dem Dreck ziehen kann?

Berthold: Er bringt als ehemaliger Spieler mit internationaler Erfahrung viel mit. Hitzlsperger hat vieles auf dem Platz selbst erlebt und kann die Situation besser einschätzen als jemand, der nie gespielt hat. Beim VfB geht es jetzt darum, nicht abzusteigen. Und wenn ich mir die Tabelle anschaue, dann geht es sogar nur noch um Platz 16 oder Platz 17. Die Konkurrenten sind Hannover und Augsburg. Die Aufgaben sind jetzt erst mal, im Umfeld für Ruhe zu sorgen, sich zu fokussieren und die Kräfte zu bündeln, um das Minimalziel zu erreichen. Mehr kann er nicht machen, er ist ja kein Zauberer. Die Kaderplanung ist gelaufen, und auch auf dem Transfermarkt kannst du nicht mehr tätig werden. Der VfB hat jetzt nur noch eine Patrone, den Trainer - und danach ist auch Schluss.

Hitzlsperger sagte, er habe einen sehr guten Draht zu Markus Weinzierl. Kann dieses Duo zusammen etwas bewegen oder muss Weinzierl am Ende doch gehen?

"Es fehlt dem VfB in allen Bereichen"

Was passiert in so einer Situation in der Mannschaft?

Berthold: Aufgrund der Negativerlebnisse der vergangenen Wochen ist das Selbstvertrauen natürlich nicht besonders groß. Fußball funktioniert relativ einfach. Du musst in der Defensive kompakt stehen und schauen, dass du Zweikämpfe gewinnst. Das war auch das Erfolgsrezept von Tayfun Korkut in der Rückrunde der vergangenen Saison. Die Mannschaft war bissig, hat Spiele auch mal mit 1:0 gewonnen und so Punkt für Punkt gesammelt. Der VfB ist ja keine Mannschaft, die Pressing spielen und den Gegner auseinandernehmen kann. Es fehlt in allen Bereichen, insbesondere was die Durchschlagskraft und das Tempo angeht. Deshalb gilt es jetzt, hinten kompakt zu stehen und eine gewisse Kontinuität in den Abwehrblock zu bekommen.

Wie meinen Sie das?

Zuletzt wurde andauernd durchrotiert. Das tut so einer Mannschaft nicht gut. Ein Trainer muss sehen, wer mental dazu bereit ist, die jetzige Situation anzunehmen. In der Winterpause hatte Weinzierl eigentlich genug Zeit, sich vorzubereiten und diese Themen anzugehen. Aber das, was er gemacht hat, hat scheinbar nicht gefruchtet. Aber da bin ich zu weit weg. Ich kenne die Trainingssteuerung und den Trainingsplan nicht. Ich kann nur das bewerten, was ich 90 Minuten gegen Düsseldorf gesehen habe. Und da war von den Attributen, die es braucht, um in der Bundesliga zu bestehen, nichts zu sehen. Da fragt man sich, wie die überhaupt ein Spiel gewinnen wollen. Und die Fortuna ist ein Aufsteiger. Es kommen ja auch noch andere Gegner.

Kann Markus Weinzierl die Spieler des VfB Stuttgart noch erreichen

Kann Markus Weinzierl die Spieler des VfB Stuttgart noch erreichenSID

Trauen sie Weinzierl diesen Umschwung nochmal zu?

Berthold: Mich hätte als Spieler nicht interessiert, ob da jetzt ein neuer Sportdirektor kommt. Aber ich bin auch eine andere Generation. Beim Trainer ist das noch mal eine andere Sache, weil man ja jeden Tag Kontakt hat. Diese Aktion tangiert die Spieler jetzt vielleicht mal einen Tag, aber im Endeffekt geht es ja morgen im Tagesgeschäft wieder weiter. Nach dem, was ich am Sonntag gesehen habe, frage ich mich aber, wer in dieser Mannschaft die Mentalität hat, um einen Impuls zu setzen. Wir können nicht immer alles auf den Trainer schieben. Der steht nicht auf dem Platz. Irgendwann muss auch mal eine Reaktion aus der Mannschaft kommen.

Wie wichtig sind in dieser Situation tragende Säulen wie Christian Gentner und Mario Gomez?

Berthold: Das wird sich jetzt zeigen, ob die beiden Säulen sind. Gomez läuft seiner Form in dieser Saison hinterher. Gentner ebenso. Säulen müssen jedoch auch auf dem Platz zeigen, dass sie welche sind. Nur weil sie älter sind und schon lange im Verein, heißt das ja noch nicht, dass sie Säulen sind. Sie müssen erst einmal mit Leistung überzeugen und das sehe ich aktuell nicht. Gerade die Älteren haben mit sich selbst zu tun. Der VfB hat von der Persönlichkeit her keinen Leader in der Mannschaft.

Benjamin Pavard hat ab 1. Juli 2019 einen Vertrag beim FC Bayern. Gibt ein Spieler in seiner Situation noch sein letztes Hemd im Abstiegskampf?

Berthold: Ich kenne Benjamin nicht, aber ich glaube, dass es für ihn auch nicht einfach ist. Er will sich ja mit Anstand verabschieden. Ich glaube, er hat einen guten Charakter. Er war lange verletzt, da kann man jetzt nicht mit einer Brille extra auf ihn schauen.

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