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Der LIGAstheniker: Vorsicht, Bayern! Diese Bremer können Pokalfinale

Der LIGAstheniker: Vorsicht, Bayern! Diese Bremer können Pokalfinale

24/04/2019 um 19:15Aktualisiert 24/04/2019 um 20:15

Der SV Werder Bremen spielt seine beste Saison seit Jahren. Das liegt vor allem an einem Mann: Trainer Florian Kohfeldt. Nach der knappen Niederlage beim FC Bayern München in der Bundesliga am Wochenende kommt es nun im DFB-Pokal-Halbfinale am Mittwoch zum Wiedersehen. Der LIGAstheniker zeigt, warum Werder das Pokalfinale erreichen könnte und es nicht einmal eine große Sensation wäre.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Es war, wie erwartet, die 19. Niederlage der Bremer in Serie gegen ihren langjährigen Lieblingsfeind der 80er und 90er Jahre, Bayern München. Allerdings musste dafür schon ein halbes Eigentor von Davy Klaassen herhalten, der Niklas Süles Schuss eine völlig neue Richtung gab. Die Kommentatoren sprachen von einem "schmutzigen Sieg“.

Klar, die Bayern waren über weite Strecken überlegen, aber richtig zwingend waren sie kaum. Gerade zu Beginn waren die Bremer so mutig, wie es ihr Trainer Florian Kohfeldt vor der Partie von ihnen verlangte. Und wer weiß schon, wie das Spiel ausgegangen wäre, hätte Werder 90 Minuten mit elf Mann bestritten und nicht nur knapp 60.

Schiedsrichter Tobias Welz zeigt Milos Veljkovic von Werder Bremen beim FC Bayern die Gelb-Rote Karte

Schiedsrichter Tobias Welz zeigt Milos Veljkovic von Werder Bremen beim FC Bayern die Gelb-Rote KarteImago

Sportchef Frank Baumann spricht von der "besonderen Wucht", die man zuhause im eigenen Stadion entfalten könne. Es wäre keine Sensation, wenn in zwei Tagen keine 20. Bremer Niederlage in Serie hinzukäme. Im Gegenteil: Man könnte sagen, es hätte sich etwas angekündigt.

Bremens beste Saison seit Jahren

Bremen spielt seine stärkste Saison seit neun Jahren. 2010/11 waren die Hansestädter das letzte Mal im Europapokal vertreten, seitdem im Mittelmaß und im Abstiegskampf verschwunden. Dass sie heute als Tabellenachter wieder von der Europa League träumen dürfen, hat viel mit dem Trainer zu tun, Florian Kohfeldt.

Er verkörpert einen Trainertypus, der gerade jetzt quer durch die Liga dringend gesucht wird, ob in Berlin bei der Hertha, in Gladbach oder Stuttgart. Kohfeldt ist ein Coach, der die Spieler besser macht. Das behaupten zwar viele, bei ihm stimmt es aber tatsächlich.

Max Kruse und Thomas Müller bei FC Bayern - Bremen

Max Kruse und Thomas Müller bei FC Bayern - BremenGetty Images

In Berlin suchen sie gerade wortwörtlich nach so einem Trainer als Nachfolger für Pál Dárdai. Max Kruse galt nach seinen Poker-, Geld- und Frauen-Eskapaden in Wolfsburg und Gladbach als erledigt. In Bremen spielt er besser als zu seiner besten Zeit. (Ob er - am Oberschenkel verletzt - am Mittwoch tatsächlich auflaufen kann, ist noch fraglich.)

Oder Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein, der es unter Kohfeldt aus der zweiten Bremer Mannschaft bis zur A-Nationalmannschaft gebracht hat. Oder Milot Rashica, Yuya Osako, Niklas Moisander – so gut wie jetzt in Bremen hat man sie selten gesehen. Warum ist das so? Dieser Trainer macht den Unterschied.

Kohfeldt ist Trainer des Jahres

Hinzu kommt, dass Kohfeldt seinen spritzigen Offensivfußball noch einmal ein Stück weit optimiert hat. Er hat die Balance zwischen Hauruck nach vorne und Absicherung nach hinten besser justiert als noch in der Vorsaison. Dieser Reifeprozess ist deutlich sichtbar.

Und so geben eben nicht Domenico Tedesco oder Hannes Wolf die Blaupause für die nächste hochgelobte Trainergeneration ab, sondern mit Kohfeldt einer, der bodenständig und nicht so geleckt daherkommt und mit dem man gerne abends beim Bier noch einmal über das Spiel fachsimpeln möchte.

Kohfeldt ist weniger distinguiert und spröde als Tedesco, weniger Laptoptrainer als Mutmacher und Überzeugungstäter und doch mit einer klaren Idee vom Spiel: schnell, offensiv, mutig und selbstbewusst.

Dass sie in Bremen in den Europapokal wollen, dass erzählen sie schon die ganze Saison über. So viel innere Überzeugung hat man bei Tedesco nie gespürt. Für mich ist Florian Kohfeldt schon jetzt der Trainer dieser Saison.

Bayerns Angst vor Zocker Kruse

Und die Bayern? Sie müssen aufpassen. Das Double, das Vorstandsboss Rummenigge seit dem Ausscheiden in der Champions League vehement öffentlich einfordert, war vielleicht noch nie so wacklig wie in diesem Jahr.

Die Meisterschaft ist weiterhin offen, der Pokal mit seinen K.o.-Spielen nur etwas für von sich selbst Überzeugte und nicht für solche, die ihren Status Quo inmitten des Umbruchs erst noch finden müssen. Vor einem wie Kruse haben sie Respekt in München. Ein Zocker wie gemacht für ein Zockerspiel wie dieses.

Selbstbewusst selbst mit Verletzung. Kaum vorstellbar, dass Kruse verzichtet, wenn es nur irgendwie geht. Der Mittwoch wird zeigen, ob der einbeinige Kruse einmal in die Fußballliteratur eingehen wird.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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