Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

Bundesliga
Drei Dinge, die auffielen: Lewandowski hat auf alles eine Antwort
05/10/2020 AM 06:01

Die Szene des Spiels? Als Alexander Schwolow nach dem Lewandowski-Elfmeter kurz vor Spielende mit beiden Fäusten den Rasen der Münchner Arena verprügelt. Haben Sie das gesehen? Mit beiden Fäusten schlägt er immer wieder auf die Grashalme seiner Torlinie ein, so als könnten die etwas dafür, dass der Ball doch noch einmal ins Netz gegangen war, nun zum vierten und entscheidenden Mal. Schwolow war ganz nah dran an einem perfekt geschossenen Strafstoß und doch unendlich weit weg von drei Punkten, die er so gerne aus München, dem "Big City Club" des deutschen Vereinsfußballs, mitgenommen hätte.

Schwolow ist ein beeindruckend guter Torhüter, das sagt man selten über einen Mann, der vier Tore kassiert. Seine Präsenz im Strafraum, seine Sprunggewalt, seine Selbstkritik, da will einer nicht nur irgendwie mitspielen, da will einer ganz nach oben und verzeiht sich selbst einen Unhaltbaren nicht. Nach dem Spiel jammerte Herthas Torhüter nicht über Schicksal oder mangelndes Fortune, ein Punktgewinn wäre verdient gewesen, nein, Schwolows Analyse war ebenso kurz wie prägnant: "Wir stellen uns dämlich an!" Wenn in Berlin der Traum vom internationalen Spitzenklub noch einmal Wirklichkeit werden soll, dann müssen sie auf der Torhüterposition nicht weiter suchen.

Hertha ist in der Gegenwart angekommen

"Die Zukunft gehört. Berlin", so lautet der aktualisierte Klubslogan der Hertha. Und bei aller Begeisterung für den couragierten Auftritt in München, da haben sie in der Hauptstadt etwas weit nach vorne gegriffen. Die Berliner sind nach langer Irrfahrt unter Pál Dárdai, Ante Covic oder Jürgen Klinsmann endlich mal in der Gegenwart angekommen. Unter Klinsmann war die Kluft aus Anspruch und Wirklichkeit besonders unerträglich groß, mit Fußball hatte das auf dem Rasen nur den Namen nach zu tun, alles Gewollte und Angekündigte, jede sogenannte Strategie hatte eine sektiererische Wahnhaftigkeit, die so übertrieben künstlich und gestrig war, dass man sie nicht ernst nehmen konnte.

Vielleicht tut man sich als Beobachter des Spiels heute deshalb so schwer daran zu glauben, dass in Berlin vielleicht doch noch ein Fußballprojekt entstehen könnte, das sportliche Exzellenz hervorbringt. Dass ausgerechnet der "Ich-war-schon-überall-mal"-Trainer Bruno Labbadia diesen Funken entfachen soll, macht es gerade mir persönlich so schwierig. Wenn es so ist, will ich gerne über meinen Bruno-Schatten springen.

Jhon Cordoba (li. Hertha BSC) und Thomas Müller von Bayern München

Fotocredit: Getty Images

Ein paar gute Argumente, neben dem dicken Geldbeutel des Investors gibt es allemal. Um Spieler wie Schwolow, Lukebakio, Córdoba, oder Mittelstädt und Jessic Ngankam, der offenbar nicht nur aussieht wie Kylian Mbappe, kann man tatsächlich eine erstklassige Mannschaft entwickeln, vorausgesetzt man bringt die nötige Seriosität mit. Seriös sind im hochgekochten Profifußball vor allem zwei Dinge: Geduld und Selbstkritik.

Trotz des starken Spiels in München kritisierte Torhüter Schwolow seine Mannschaft, dass man in der Endphase im eigenen Strafraum nicht entschlossen genug war und sich den Punkt noch habe nehmen lassen. Niklas Stark erzählte nach dem Spiel davon, wie sehr die Erwartungshaltung in der Stadt gestiegen sei und dass man im Sport Zeit brauche, um etwas Großes entwickeln zu können. Das ist richtig, die Frage ist, ob die erstarkte Hertha von ihrem Geldgeber und der Öffentlichkeit soviel Zeit bekommen wird. Gerade jetzt, da sich der richtige Weg abzuzeichnen beginnt…

Neuer Geist trotz Tabellensituation

Am Tabellenstand kann man den neuen Geist der Hertha bisher kaum ablesen. Drei Punkte nach drei Spieltagen, Platz 13, das klingt wie immer und könnte doch etwas ganz anderes bedeuten. Typen wie Schwolow wollen europäisch spielen. Die Europa League müsste demnach das Ziel sein, das ist ambitioniert, aber nach dem Auftritt in München auch nicht Science Fiction.

Es ist ein Teufelskreis auf den sich die Hertha da eingelassen hat: Big City-Club Spieler werden sie in Berlin erst bekommen, wenn sie im europäischen Spitzenfußball reüssieren, denn die brauchen die große Bühne. Das ist zunächst einmal die Euro League, aber selbst die reicht auf Dauer nicht.

Keinen Transferunsinn, bitte!

Wenn Trainer Bruno Labbadia und Manager Michael Preetz mit Leidensmine erklären, dass ihre Transfermarktaktivitäten einerseits bisher nicht funktioniert haben, andererseits man aber auch keine 20 oder 25 Millionen Euro für einen Spieler ausgeben wolle, dann wird die Zwickmühle der Hertha offensichtlich: Nach dem Einstieg von Geldgeber Lars Windhorst wird den Berlinern viel Mittelmaß zum Spitzenpreis angeboten.

Herauszufinden, wer wirklich zur "Alten Dame" passt, die ab sofort ein junges, wilde Ding sein will, das mit Mut und Mentalität selbst die Quintuple-Bayern so ärgern kann wie Sonntagabend, ist jetzt die wirklich große Aufgabe des Klubs. Nur soviel: Instagram-Star Mario Götze gehört nicht dazu. Die Hertha braucht Typen, die gleichzeitig griffig und selbstkritisch sind. Typen wie Schwolow eben. Also bitte, keinen Transferunsinn mehr heute am Deadline Day.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

Das könnte Dich auch interessieren: Götze bei Hertha weiter Thema - Labbadia äußert Bedenken

Spotify oder Apple Podcast? Höre alle Folgen "Extra Time" auf der Plattform deines Vertrauens

Chance für Bayern: Top-Talent zeigt sich wechselbereit

Bundesliga
#SotipptderBoss - Bundesliga-Tipps und Topfakten zum 6. Spieltag
GESTERN AM 19:31
Bundesliga
Kurioser Kurzeinsatz: Gelb-Rot in unter fünf Minuten
24/10/2020 AM 15:28