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Der nette BVB - ein Spitzenteam nur auf dem Papier

Der nette BVB - ein Spitzenteam nur auf dem Papier

10/02/2020 um 13:30Aktualisiert 10/02/2020 um 15:18

Der LIGAstheniker nimmt sich in dieser Woche den BVB zur Brust, denn dort ist für ihn nach der Niederlage gegen Bayer Leverkusen völlig offensichtlich geworden, dass die Dortmunder eine Leerstelle im Leadership aufweisen. Bei der Borussia herrscht aus seiner Sicht ein Strukturproblem, das die Westfalen vom FC Bayern unterscheidet und es fehlt ein Anführer - vor den Kameras und in der Kabine.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

Eigentlich sprach er nur über die Einstellung seiner eigenen Spieler, aber jeder Dortmunder, der ihn so reden hörte, musste glauben, der nette Herr Bosz mache sich über den BVB lustig. Das ist zwar gegen die gebräuchliche Geschäftsordnung der Liga, dass der Trainer der Heimmannschaft einen Rivalen ironisiert, noch dazu einen, der vor ihm in der Tabelle notiert ist. Tatsächlich aber gibt es derzeit wenige Klubs, die es mehr verdient hätten als Borussia Dortmund, dass man sie ein bisschen durch den Kakao zieht.

Ein Traditionsverein und selbsternannter Meisterschaftsfavorit, der nicht nur ein immenses Budget investiert, sondern auch noch in den richtigen Kader investiert, der ein Händchen hat, einige der großen Talente des Weltfußballs rund um den Borsigplatz zu versammeln, der einen international renommierten Trainer verpflichtet hat, um große Titel zu gewinnen und der dann doch regelmäßig auftritt wie eine aufgeschreckte Schülermannschaft kurz vorm Abi, das ist natürlich irre komisch.

BVB: Leerstelle im Leadership

Emre Can

Emre CanImago

Er meinte die 2:1-Führung seines Teams, das dieses sich noch in ein 3:4 hatte umwandeln lassen. Das "dreckiger"-Zitat, das es sicher in den Saisonrückblick der Liga bringen wird, freut die Journalisten, derart Tacheles spricht eigentlich kein Fußballer mehr. Das ist erfrischend und macht gleichzeitig überdeutlich worin das größte Problem des BVB liegen könnte: wenn der Neue Can, der gewöhnlich selbst ein ganz Ruhiger ist, lauter ist als der ganze Rest des Teams, dann gibt es offenbar keinen, der sonst den Mund aufmacht.

Ein Anführer, der wirklich einer sein will, der muss auf beiden "Bühnen" performen können - in der Kabine, und vor den Kameras. Von einem Hummels oder einem Reus hätte man das erwarten können. Doch offenbar falsch gedacht. Bei Dortmund ist trotz beeindruckender Kadergröße und Talentversammlung im Leadership eine beeindruckende Leerstelle zu verzeichnen.

BVB: Axel Witsel, Giovanni Reyna und Dan-Axel Zagadou

BVB: Axel Witsel, Giovanni Reyna und Dan-Axel ZagadouGetty Images

Mit Memmen wird man nicht Meister

Nun ist es kein Geheimnis, dass Lucien Favre keine lauten, selbstbestimmten Spieler will, weil er selbst mit jeder Form von Lautstärke hadert. Angesprochen darauf, was diese neuerliche Niederlage in Leverkusen für das Meisterschaftsrennen bedeute, entgegnete Favre, er wolle darüber nicht mehr reden. Mit der Kritik an seiner Person könne er gut leben und man habe gegen einen guten Gegner verloren, so oder so ähnlich geht ein typischer Favre-Satz vom Wochenende.

Das ist derart kleinlaut und was Anspruch und Zielsetzung angeht so mittelmäßig eingepegelt, dass Favre damit selbst in der zweiten Liga nicht titelwürdig wäre. Auch von Matthias Sammer hört man in Dortmund nichts mehr, seit er als offizieller Einflüsterer von Vorstandsboss Aki Watzke gilt. Wer sich noch an Sammers Bayern-Zeit erinnern kann, wie er regelmäßig selbst Supernerd Pep Guardiola öffentlich in die Suppe spuckte, der traut auch hier seinen Augen und Ohren kaum. Und "Spielerchef" Sebastian Kehl fehlen zum bösen Buben sowieso alle Charaktermerkmale.

Der BVB und sein Strukturproblem

Das "Boss-Problem" der Dortmunder, wie die Sport-Bild gemutmaßt hat, kommt dabei ja nicht von ungefähr. Man will unbedingt auf Augenhöhe mit dem FC Bayern agieren, aber man will die internen Strukturen des Klubs nicht von "schön, wenn es klappen würde" auf "alternativlosen Erfolg" umrüsten. Das mag sympathisch sein, nur die Bundesliga ist eben kein Schönheitswettbewerb, sondern ein Hochdruckkatalysator.

Ein Beleg für die Dortmunder Fehlkonstruktion ist der klubinterne Umgang mit neuen Stars und die Auswirkungen auf die Hackordnung im Team. Ehemalige Spieler wie Aubameyang, Dembélé oder Alcacer waren nur drei der trojanischen Pferde, die sich der BVB einst mit viel Brimborium und anfänglich großem Erfolg in den Stall gestellt hat, um sich nur wenig später von ihnen auf der Nase herumtanzen zu lassen. Und wer sagt eigentlich, dass es bei Haaland nicht genauso sein wird, von dem heute schon die ganze Welt weiß, dass er eine Ausstiegklausel besitzt und offenbar, entgegen allen Dementis, eine Art Einsatzverpflichtung?

Hat man je davon gehört, dass bei den Bayern einem einzelnen Spieler Vorrechte eingeräumt wurden, die imstande waren, die gesamte innere Struktur eines Kaders und eines Klubs aus den Latschen zu kippen? Ich jedenfalls kann mich nicht daran erinnern. Nicht dass man den Mund aufmacht, ist das Problem, lieber Scholli, sondern Spieler, denen es viel zu gut geht, dass sie gar nicht erst den Mund aufmachen müssen.

Beim BVB kann man das gerade Woche für Woche in Echtzeit studieren.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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