Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath
Liebe Fußballfreunde,
Es liegt wohl in der Natur einer säkularen Gesellschaft, dass man Vorbildern nacheifert, die für einen selbst unerreichbar sind.
La Liga
Reales Dilemma für die Königlichen: Haaland oder Pogba
21/04/2020 AM 15:31
Ich zum Beispiel wäre in jungen Jahren gerne ein großer Schauspieler wie Richard Burton geworden oder noch besser ein Stadionzampano wie Bruce Springsteen. Aber die Frage muss doch mal erlaubt sein: Warum eigentlich? Warum will man immer ein anderer sein? Lieber ein zweiter "Boss", eine Kopie oder Nachahmung also, und kein erster, ganz eigener, originaler LIGAstheniker?
Und damit zu dem Mann, der die Bundesliga in dieser Saison besonders verzückt hat, durch seinen jugendlichen Sturm und Drang, durch seine ungewöhnliche Unbekümmertheit, Torgefährlichkeit und Treffsicherheit, durch seine zwölf Tore in elf Spielen für Borussia Dortmund: Erling Haaland, 19 Jahre alt.
Haaland ist, bei allem Schlagzeilenschaum, ein großartiges Talent, im Grunde noch immer ein Jugendspieler, einer, der eher noch zur U-21-Nationalmannschaft Norwegens gehört. Ein Weltstar, eine Ikone, ein Jung-Siegfried des modernen Profifußballs ist er noch nicht.
Auch deshalb sollte er sich in seinen ständigen Vergleichen mit dem selbst ernannten "Gott" des Fußballs, Zlatan Ibrahimovic, zurückhalten. Vor allem dann, wenn er tatsächlich einmal so groß werden will wie Zlatan und es nicht nur ein feuchter Jugendtraum bleiben soll.

Erling Haaland und Giovanni Reyna

Fotocredit: Getty Images

Noch hinkt der Vergleich

Es ist die Referenzgröße, die nicht stimmt im Vergleich mit Ibrahimovic und die zeigt, dass er die öffentlichen Lobgesänge und die seiner Familie, die seine Karriere sehr aktiv begleitet und koordiniert, allmählich selbst zu glauben beginnt.
Ibrahimovic ist nicht nur doppelt so alt wie Haaland, der also sein Sohn sein könnte, er ist eine völlig andere Persönlichkeit und ein völlig anderer Typus Stürmer als Haaland. Wenn Haaland also bei jeder Gelegenheit erzählt, wie jüngst wieder im englischen Fußballmagazin "FourFourTwo", wie toll er, der Erling den Zlatan findet und wie der seine Karriere geplant und gelebt hat, dann wird er ab sofort selbst mit den ständigen Vergleichen leben müssen, vor allem dann, wenn die Treffsicherheit mal zu wünschen übrig lässt.

Eine große Karriere muss man verkörpern

Tatsächlich ist der Unterschied zwischen den beiden noch riesig: Haaland überzeugt auf dem Platz durch seinen jugendlichen Überschwang, er tut instinktiv das Richtige, er denkt nicht darüber nach. Sein Vorteil ist sein ausgeprägtes jugendliches Selbstbewusstsein, das sich auch aus dem zieht, was er zu können glaubt, eingeflüstert von zuhause.
Nur, dass alles wird ihm nicht helfen, wenn er älter wird, wenn er Krisen durchleben muss und wenn ihm seine verloren gegangene Jugend einmal nicht mehr täglich seine einzigartige Genialität unter die Nase reibt.

Erling Haaland - BVB

Fotocredit: Getty Images

Was ich sagen will: Eine große Fußballkarriere muss man verkörpern können. Keiner konnte das so gut wie Ibrahimovic. Würde man die zehn besten, irrsten, anmaßendsten Sprüche des Fußballs der letzten zehn Jahre auf ein T-Shirt drucken lassen, wären sieben von Ibrahimovic.
Wer Erling Haaland nach einem Bundesligaspiel bei den TV-Kollegen am Mikrofon erlebt hat, der sieht ein stotterndes Kind, das jenseits des Platzes eher verloren wirkt. Vielleicht sollte er sich also noch ein bisschen Zeit nehmen für seine nächste Jubelprovokation wie gegen PSG in der Champions League.
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Was Zlatan besser kann

Die ständigen Zlatan-Vergleiche schaden nicht nur seiner persönlichen Entwicklung, sie sind auch sportlich und taktisch noch nicht angebracht. Der Radius von Ibrahimovic auf dem Feld ist deutlich größer als der von Haaland. Ibrahimovic kann Strafraumstürmer, Flügelstürmer, Spielmacher, er kann eine echte "11" sein und ein "Zehner", und wenn es sein muss, alles im selben Spiel.
In seinen letzten Länderspielen für Schweden agierte er wie ein Spielmacher, der dank seiner überragenden Technik seine Mitspieler in Szene setzen und glänzen lassen wollte. Erst als er sah, dass die das Tor nicht trafen, übernahm er auch das wieder selbst.

Einfache Frage an Haaland, zwei Antworten: "Ronaldo und Zlatan"

Bei aller Arroganz oder Egoshootertum, das ihm gerne unterstellt wird, Ibrahimovic ist während seiner großen Zeit auf dem Feld ein ungewöhnlich mannschaftsdienlicher Superstar gewesen, ein Leader, der die Bezeichnung auch verdient.
Ein Leader aber muss Erling Haaland erst noch werden. Meine Bitte, lieber Erling: Die Corona-Pause fürs Interviewtraining nutzen und Ball flach halten. Dann klappts irgendwann und vielleicht auch mit Deiner Zlatanisierung!
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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