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Sagt nein zu Tönnies! Warum der Schalke-Boss in der Bundesliga keinen Platz hat

Sagt nein zu Tönnies! Warum der Schalke-Boss in der Bundesliga keinen Platz hat

28/01/2020 um 07:39Aktualisiert 28/01/2020 um 10:39

Der LIGAstheniker beschäftigt sich nach dem 19. Spieltag der Bundesliga mit dem diskussionswürdigen Auftritt von Clemens Tönnies. Der Schalke-Boss hatte vor dem Auswärtsspiel seiner Mannschaft beim FC Bayern in einem Interview versucht, seine afrikafeindlichen Aussagen aus dem vergangenen August zu rechtfertigen. Dies ging allerdings nach hinten los. Ein Armutszeugnis für den Fußball.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

Am Montag jährte sich zum 75. Mal die Befreiung von Ausschwitz. Der 27. Januar ist der Internationale Holocaust-Gedenktag, es ist der Tag, an dem die Welt sich im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus vereint.

Und auf Schalke darf ein Aufsichtsratsvorsitzender, der offenkundig kein Problem damit hat, rassistische Sprüche in die Welt zu prügeln, einfach so weiter machen. Wenn es also wieder einmal eines Belegs bedurft hätte, wie weit die Fußballwelt sich von der Wirklichkeit entfernt hat, dann kann man das am aktuellen Umgang mit Clemens Tönnies sehen.

Tatsächlich wurde am vergangenen Wochenende seine Rückkehr in die Fußball-Öffentlichkeit begangen, als wäre er nach schwerer Krankheit überraschend genesen: Schön, dass er wieder da ist. Wir haben ihn vermisst!

Das ist eine Farce, die die Anti-Rassismus-Kampagne ("Say No to Racism!") von DFL, DFB und UEFA ad absurdum führt.

Loddar schwärmt von Clemens

Besonders bitter für unseren Berufsstand ist es, wenn Journalisten als Steigbügelhalter dabei helfen, Tönnies wieder in den Chefsattel zu hieven. Ich musste mich fremdschämen bei der Vorberichterstattung zum Topspiel FC Bayern gegen Schalke 04, gerade in diesen Tagen des Gedenkens.

Tönnies darf von seinem "Traumkontinent" Afrika schwärmen, dem er helfen wolle. Der ewige Lothar Matthäus erklärt der erstaunten Zuseherschaft, er kenne den Clemens so gut, der habe gar nichts gegen Afrikaner, das wisse er ganz, ganz genau.

Auch er selbst sei oft in Afrika, Afrika sei ja ein großes, überraschendes Abenteuer, und so geht das in einem fort. Viele TV-Zuschauer zeigten sich im Netz erbost über Tönnies' Aussagen.

Clemens Tönnies spricht mit Sebastian Hellmann (l.) und Lothar Matthäus (r.) von "Sky"

Clemens Tönnies spricht mit Sebastian Hellmann (l.) und Lothar Matthäus (r.) von "Sky"Imago

Tönnies fühlt sich missverstanden

Clemens Tönnies aber, und jetzt wird es wirklich ärgerlich, hat nichts verstanden in seiner dreimonatigen Pause von allen Ämtern, die ihm der Ehrenrat des FC Schalke zum Nachdenken aufgebrummt hatte.

Die Debatte um seine Person habe ihn schwer getroffen, lamentiert Tönnies bei "Sky" und spricht unkommentiert von seiner schweren Zeit, "nicht, weil ich etwas falsch gesagt habe, sondern weil es falsch aufgefasst wurde." Ergo: Nicht ich habe einen Fehler gemacht, sondern Ihr da draußen!

Spätestens jetzt müssten DFL und DFB erneut aktiv werden, denn einer, der sich rassistisch äußert und dann so tut, als wäre das kein Rassismus, das kennt man sonst nur aus der AfD.

Tatsächlich ist das, was Tönnies am 1. August beim Handwerkstag in Paderborn gesagt hat, gar nicht misszuverstehen. Der Fleischunternehmer sprach über eine mögliche Klimasteuer und sagte wörtlich: Wenn "wir in Deutschland" 27 Milliarden Euro ausgeben wollen, um 0,006 Prozent des Weltausstoßes an CO2 einzusparen, "warum gehen wir dann nicht her und geben das Geld ... unserem Entwicklungsminister? Der spendiert dann jedes Jahr 20 große Kraftwerke nach Afrika. Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist (…), Kinder zu produzieren."

Rassismus ist, so lese ich im Lexikon nach, wenn eine Gruppe von Menschen mit bestimmten biologischen Merkmalen hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit anderen von Natur aus über- oder unterlegen sein soll. Tönnies und seine 1.600 Zuhörer, die ihn zumeist frenetisch beklatschten, fühlen sich offenbar überlegen.

Sein Prinzip heißt Ausbeutung

Clemens Tönnies, der gerne stolz von seiner Freundschaft zu Wladimir Putin spricht, erzählt gerne stolz, dass er Menschen aus 87 Ländern beschäftigt, deswegen könne er kein Rassist sein. Die Arbeitsbedingungen in seinen Fleischfabriken seien allerdings eine Zumutung, beklagen die Gewerkschaften.

Wenn man Menschen aus so vielen Ländern ausbeutet, ist man es natürlich trotzdem.

In einem offiziellen Schalke-Video zu seiner Rückkehr vom letzten November erklärt er, er könne sich vorstellen, das Gesicht der Anti-Diskriminierungsbewegung in Deutschland zu sein.

Gestern war der Holocaust-Gedenktag. Für Leute wie Tönnies sollte es keinen Platz mehr geben im deutschen Fußball, heute nicht und auch nicht morgen. Sagt nein zu Tönnies!

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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