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Warum faselt die Liga vom Ende? Es wird Zeit für Kurzarbeit für Thiago & Co.

Warum faselt die Liga vom Ende? Es wird Zeit für Kurzarbeit für Thiago & Co.

24/03/2020 um 09:01

Die Coronakrise hält die ganze Welt in Atem und macht auch vor dem Profifußball nicht Halt. Während in anderen wirtschaftlichen Bereichen längst Kurzarbeit und Betriebsschließungen veranlasst werden, wird über solche Maßnahmen im Milliardengeschäft Fußball aber noch nicht diskutiert? Mindestens heuchlerisch, findet der LIGAstheniker, und fordert die Verantwortlichen zum Handeln auf.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

Vor einer Woche, als die Bundesregierung damit begann, die Corona-Maßnahmen hochzudrehen, traf ich vor unserem Haus einen ziemlich zerknirschten guten Bekannten. Der Mann, der eine Firma führt, die Cafébars in Unternehmen betreibt, erzählte mir, dass ihm ab sofort eine halbe Million Euro Umsatz im Monat durch die Lappen gehen würden. Die Unternehmen hätten auf Homeoffice umgestellt, alle Cafébars seiner Firma mussten geschlossen werden, umgehend habe er bei der Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeit für seine 20 Mitarbeiter beantragen müssen.

Seinen Mitarbeitern habe er nur eines in Aussicht stellen können: Kurzarbeit oder Kündigung. Die Mitarbeiter hätten sich für Kurzarbeit entschieden, die 60 bis 67 Prozent des ursprünglichen Lohns übernimmt jetzt die Arbeitsagentur. Ob die Firma die Coronakrise übersteht, kann heute noch niemand seriös sagen. Warum ich ihnen diese Geschichte erzähle, was das mit der Fußball-Bundesliga zu tun haben soll?

Während andere sich mit aller Macht gegen die Krise stemmen, tut die Liga erst gar nicht so, als wollte sie von ihrem hohen Ross der Überheblichkeit herabsteigen und übt sich aus geschäftigem Kalkül an larmoyanten Untergangsszenarien in eigener Sache. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Die Bundesliga wird nicht sterben, das weiß jeder, der klar bei Verstand ist, aber ein gewisses Frösteln bei Fans, Politik und Sponsoren kann schließlich nie schaden, will man nach Corona als großer Krisengewinnler reüssieren. Das ist abgeschmackt, aber offenbar erfolgversprechend.

DFL-Boss Seifert und das Pleitegespenst

Wieder einmal tut die Liga so als hätte sie mit dem ganz normalen Wirtschaften in diesem Land nichts zu tun. Als würden die Regeln für alle gelten, für Selbstständige, kleine und mittelgroße Firmen, Mittelständler aller Art, nur für den Fußball offensichtlich nicht. Also darf DFL-Boss Christian Seifert bei der DFL-Mitgliedertagung in der Coronakrise unwidersprochen ein Schreckensgespenst an die Stadionwände malen ("Es geht ums Überleben"), das tatsächlich viele Branchen treffen kann und wohl auch treffen wird, nur den 4-Milliarden-Euro-Betrieb Bundesliga wohl nicht.

Seifert insinuiert die Pleite der ersten Klubs und damit das Ende der Liga als Solidarverbund, wenn nicht bald möglichst mindestens mit Geisterspielen der Ligabetrieb wieder aufgenommen wird. (Wetten, dass der Fußball nach Corona als Allererster wieder zur Normalität zurückkehren darf?) Auf die Idee, selbst das betriebswirtschaftliche Krisen-Einmaleins anzuwenden, kommt er offenbar nicht. Kurzarbeit oder Kündigung, da unterscheidet sich Seifert nicht von meinem guten Bekannten, und da unterscheidet sich die Bundesliga im Grundsatz nicht von der Schweizer Liga.

Der Erstligist FC Sion hat gerade vorgemacht, wie das geht: Spieler, die einer vom Verein verordneten Kurzarbeit nicht zustimmten, bekamen einen blauen Brief ins Haus. Das immer noch opulente Salär für das Nichtstun: maximal 12.350 Schweizer Franken. In der Bundesliga wäre das wohl umgerechnet immer noch der Tagessatz für die großen Stars. Will man verhindern, dass Klubs in Schwierigkeiten kommen, dann müssen konsequent die Kosten gesenkt werden, wenn die Einnahmen ausblieben.

Das ist erstes Semester BWL, aber dass Seifert den Klubbossen ins Gewissen geredet hätte, sie müssten sich um ihre Ausgaben kümmern, dazu ist nichts überliefert.

Die Liga und ihre hohen Personalkosten

Tatsächlich sind die Personalkosten der größte Einzelposten der Klubs auf der Ausgabenseite der Bilanz. Insgesamt geht es dabei um 36 Prozent der Gesamtkosten der Liga, das entspricht 1,4 Milliarden Euro. Interessant dabei ist aktuell, dass der größte Einzelposten auf der Einnahmenseite, die 1,5 Milliarden für die TV-Einnahmen, ja gerade in der Coronakrise partiell ausbleiben. Es wäre also kein Hexenwerk zu erkennen, dass wenn auf der einen Seite die Einnahmen wegbrechen (hinzukommen noch ausbleibende Sponsorengelder, Ticketingeinnahmen etc.), auf der anderen Seite die Ausgaben angepasst werden müssen, was überall im Land auch passiert.

Das wäre Aufgabe der Geschäftsführer der Klubs, die offensichtlich nicht den Mumm haben, ihren in Watte gepackten Thiagos und Sanchos und Werners zu erklären, dass sie ihnen ab sofort die Millionengehälter anpassen werden, zumindest solange, bis wieder ordentlich trainiert und gespielt wird. Warum passiert das überall im Land, aber nicht im Fußball?

Es geht nicht um die Kleinen, es geht um die Großen

Stattdessen suchen Bayern-Boss Rummenigge und Dortmunds Geschäftsführer Watzke den Schulterschluss mit Seifert, gemeinsam lamentieren sie über die sich ausweitende Krise der Liga und machen sich urplötzlich Sorgen um die vermeintlich Kleinen, die, ohne entsprechendes Finanzpolster, dem Untergang geweiht seien, würde nicht bald wieder gespielt werden. Das ist mindestens geheuchelt, da es Rummenigge und Watzke noch nie um die Kleinen ging und Bayern und Dortmund auch vielmehr zu verlieren haben, sportlich wie finanziell.

Mit Personalkosten von 336 Millionen Euro (laut letzter Jahreshauptversammlung) hat gerade der FC Bayern einen Risikoposten im Portfolio, den sich auch der Rekordmeister, sollte die Coronapause über den 19. April hinaus andauern, nicht länger leisten wird wollen und können.

Die Kleinen indes haben längst erkannt, dass sie handeln müssen. Am Wochenende hat der Mainzer Sportvorstand Rouven Schröder erklärt, dass Profis wie Angestellte auf Teile ihres Gehalts verzichten, um die Krise abfedern zu können. Robert Lewandowski verdient, laut "Vermögensmagazin", weiter seine 19,5 Millionen pro Saison. Solange das so bleibt, kann die Krise einfach nicht so groß sein, wie Seifert & Co. sie auf Teufel komm raus gerne haben wollen.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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