"Wie lange liegt denn Schnee in Bremen?"
Ana Micoud rümpfte die Nase. Einen Wechsel ihres Mannes Johan aus dem italienisch-sonnigen Parma ins unterkühlte Bremen konnte sich die Französin so gar nicht vorstellen. Und auch ihr Gatte war zunächst alles andere als begeistert.
Auf der anderen Seite des Verhandlungstischs saß aber ein Mann, der den genialen Spielmacher Johan Micoud unbedingt von seinem verwegenen Plan überzeugen wollte: Werder-Manager Klaus Allofs.
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Da habe ich erstmal Gänsehaut gekriegt!
13 Jahre lang - von 1999 bis 2012 - war Allofs der starke Mann beim norddeutschen Traditionsklub. Durch viele starke Transfers machte er aus dem Durchschnittsklub einen europaweit geachteten Spitzenverein.
Und der Coup mit Micoud im Sommer 2002 trug maßgeblich zu dieser Entwicklung bei. "Als mich ein französischer Berater anrief und sagte: 'Johan Micoud ist zu haben und das zu ganz guten Konditionen', da habe ich erst einmal Gänsehaut gekriegt!"
Mit dieser Begeisterung steckte Allofs den eigenwilligen Franzosen offenbar an. Kurze Zeit später wechselte der damals 29-Jährige ablösefrei an die Weser. Und seine Frau kam natürlich mit.
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Ana und Johan Micoud mit Paul Stalteri und dessen Ehefrau Christina

Fotocredit: Imago

Diva, Rüpel, Freigeist

Eine Diva nannten ihn seine Gegner, manche verwendeten sogar das Wort "Rüpel". "Es gibt Grundlagen und man lässt der Fantasie freien Lauf. Wie in der Kunst, ein Bild zu malen. Mich fasziniert die Freiheit des Geistes", beschrieb Micoud seine Fußball- und Lebensphilosophie einmal selbst.
Der Spielmacher hatte seine ganz eigenen Vorstellungen, verknüpft mit einem starken Willen. Er galt als schwieriger Typ. Auch deshalb hatte Werder überhaupt eine Chance auf seine Verpflichtung gehabt. Allofs aber kannte die Risiken und wusste, was in seinem Spieler vor sich ging.
Der Manager ahnte, dass Micouds gelegentliche Ausfälle aus einer tiefen Frustration heraus entstanden.

Micoud leidet unter ständigen Vergleichen mit Zidane

In seinem Heimatland wurde der geniale Stratege ständig mit Zinédine Zidane verglichen. Dem großen "Zizou", der für die damalige Rekordablöse zu Real Madrid gewechselt war. Micoud konnte diesen Vergleich nicht gewinnen. Er war die Nummer zwei.
Also gab Allofs dem Europameister von 2000 die gewünschte Freiheit - auf und neben dem Platz. Hier bei Werder, da war Micoud der Boss, ohne Wenn und Aber. Oder eben "Le Chef", wie die Werder-Fans ihn bis heute nennen.
"Man wusste, dass er jeden Moment austicken konnte, so impulsiv war er. Er hat sich aber auch immer unglaublich für die Mannschaft eingesetzt", erzählte Allofs erst kürzlich im "Bild"-Podcast Phrasenmäher. "Johan wollte einfach immer gewinnen."

Ailton und Johan Micoud

Fotocredit: Imago

Mit seinem Willen forderte er seine Mitspieler jeden Tag aufs Neue heraus. Das sei nicht einfach gewesen, meint Allofs. "Johan war in jedem Training unangenehm und ekelig für die Mitspieler, aber auch für den Trainer." Der - Thomas Schaaf - konnte damit allerdings mehr als gut leben.
Denn die Siegermentalität seines Leaders steckte seine Mannschaftskollegen an. Nach einem sechsten Platz im ersten Micoud-Jahr folgte schon in der Saison darauf der Höhepunkt. Werder spielte die - bis heute - beste Saison seiner Vereinsgeschichte und stellte sich das Double aus Meisterschale und DFB-Pokal in die Vitrine.
Johan war kein Verrückter, der wirklich gewalttätig war.
Sportlich folgten zwar keine weiteren Titel mehr, Werder etablierte sich aber nachhaltig in der nationalen Spitze. Micouds Anteil daran war groß, so wie es Allofs bei dessen Verpflichtung erträumt hatte.
Neben dem Platz aber war nicht immer alles rosarot.
Einmal ohrfeigte der Franzose einen Journalisten. Seinen eigenen Rauswurf konnte er anschließend nur durch eine widerwillige Entschuldigung abwenden. Im Trainingslager 2005 verpasste er dann seinem Mitspieler Fabian Ernst eine Kopfnuss.
Allofs erinnert sich lebhaft an die Tage rund um diese Aktion. "Johan war kein Verrückter, keiner, der wirklich gewalttätig war. Meistens konnte man ganz normal mit ihm reden. Aber manchmal reichte eine Kleinigkeit, wenn sein Stolz verletzt wurde, dann wurde es gefährlich", so der heute 63-Jährige, der seinen Star im Anschluss eigentlich hätte suspendieren müssen.
Er tat es dennoch nicht. "So eine Aktion von einem Spieler, der keinen Wert für die Mannschaft hat, wäre nicht akzeptiert worden. Die Mannschaft wusste aber, wie wichtig er war. Alle Spieler sind zwar eigentlich gleich, aber manche sind eben gleicher", so Allofs. Diese Anekdote beschreibt die Micoud-Ära an der Weser mehr als treffend.

Karriereende 2008, Winzer 2020

2006 verließ "Le Chef" Werder schließlich nach vier Jahren, 169 Pflichtspielen, 47 Toren und 57 Assists. Er ging zu Girondins Bordeaux, wo er seine glanzvolle Karriere zwei Jahre später nach insgesamt 18 Profijahren dann auch beendete.
Auch heute, zwölf Jahre später, ist Micoud ein eigenwilliger Zeitgenosse mit klaren Zielen und Meinungen. Er mache nur Dinge, hinter denen er einhundertprozentig stehe, sagte er, nachdem er das Präsidentenamt bei seinem Heimatverein AS Cannes kürzlich nach dreijähriger Amtszeit niedergelegt hatte.

Ex-Werder-Star Johan Micoud ist heute Winzer

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"Heute finde ich nicht mehr die richtige Gleichung. Aus diesem Grund gebe ich meinen Platz frei, um mich anderen Horizonten zuzuwenden." Gesagt, getan.
Derzeit arbeitet er als Winzer und TV-Experte. Und ab und zu besucht er Bremen. Mit seiner Frau ...
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