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Davies fällt ins kalte Wasser: Bayerns Jüngster wird zum Gradmesser

Davies fällt ins kalte Wasser: Bayerns Jüngster wird zum Gradmesser

09/11/2019 um 15:43

Alphonso Davies wurde vom FC Bayern München zehn Monate lang behutsam aufgebaut - und nun ins kalte Wasser geworfen. Als Linksverteidiger muss sich der 19 Jahre alte Kanadier am Samstag Borussia Dortmunds gefährlichsten Waffen entgegenstellen. Eine Aufgabe, die ihm Interimscoach Hans-Dieter Flick ohne weiteres zutraut. Auf seinem Weg zum Profi hat Davies schließlich schon einiges erlebt.

Hansi Flick wirkte so entspannt wie man nur sein kann, wenn man vor dem ersten Bundesliga-Spiel als Trainer steht, man dabei die Verantwortung für den FC Bayern tragen und mal eben gegen Borussia Dortmund antreten muss.

"Die Zukunft beginnt nach dem Samstag", sagte Flick am Freitagnachmittag auf der Pressekonferenz und meinte damit vor allem, dass man sich erstmal mit der Gegenwart zurechtfinden müsse. Alles andere kommt erst nach dem so wichtigen Top-Spiel.

Für Alphonso Davies ist das eine ebenso passende Zielsetzung. Der junge Kanadier, 19, ist zuletzt, nachdem er in den letzten Monaten eher behutsam aufgebaut wurde, recht plötzlich in die Startelf der Bayern gespült worden.

Alphonso Davies bei FC Bayern - Tottenham Hotspur

Alphonso Davies bei FC Bayern - Tottenham HotspurGetty Images

Davies bekommt es mit den besten BVB-Spielern zu tun

"Wir haben angesprochen, was wir von ihm erwarten", sagte Flick am Freitag und redete Davies indirekt gut zu:

"Ich bin sehr zuversichtlich, dass er diese Aufgabe erfüllen kann. Er hat genug Speed, um auch Hakimi in die Schranken zu weisen."

Davies erinnert an Alaba

Davies Sprung ins kalte Wasser erinnert ein bisschen an 2010 und David Alaba, als Louis van Gaal den damals erst 17 Jahre alten Österreicher im Champions-League-Achtelfinale beim AC Florenz auf der für ihn damals ungewohnten Linksverteidigerposition aufbot - der Auftakt einer Weltkarriere, wenngleich Alaba beim folgenden 1:2 in Frankfurt spielentscheidend patzte.

"I bin a echta Wiener", stellte sich Alaba damals vor. "Servus, I bin's, da Phonzie", sagte Davies neulich, wenngleich zum Bairischen genötigt.

Es passt, dass sich Alaba dem Jungen angenommen hat. Gegen Piräus spielten sie Seite an Seite, der Österreicher innen, Davies außen. "Mit David Alaba habe ich einen Weltklasse-Linksverteidiger neben mir, was es für mich sehr viel einfacher macht. Er hilft mir, redet mit mir, gibt mir viele Anweisungen", erzählte Davies.

Einen ähnlichen Karriereweg wie Alaba trauen sie dem 19-Jährigen bei Bayern nun auch zu. Nicht umsonst haben sie vergangenen Winter zehn Millionen Euro für den bis dato eher unbekannten Profi aus der Major League Soccer ausgegeben. Mit entsprechenden Boni, so heißt es, könnte sich die Ablösesumme sogar noch auf 18,8 Millionen Euro erhöhen.

Doch in Nordamerika hatte Davies schon früh sein Potenzial angedeutet und für Furore gesorgt: Bei seinem Erstliga-Debüt und ersten Profi-Vertrag gerade mal 15 Jahre alt, spielte er sich mit seinen dynamischen Läufen und gewitzten Dribblings schnell in die Herzen der Fans seines Klubs Vancouver Whitecaps.

Alphonso Davies

Alphonso DaviesImago

Bewegte Vergangenheit, verheißungsvolle Zukunft

Über Davies bewegte Vergangenheit ist indes bereits einiges erzählt worden. Im Zeitraffer: Seine Eltern, Debeah und Victoria, flohen zur Jahrtausendwende vor dem Bürgerkrieg in Liberia, Alphonso kam im November 2000 im Holzbaracken-Chaos eines Flüchtlingscamps in Buduburam/Ghana auf die Welt. Die Unterkunft der Davies' damals: nicht größer als ein VW-Bus. Die Familie wurde zeitweise in alle Winde zerstreut, eine seiner Schwestern lernte er erst vor drei Jahren kennen.

2005 fanden die Davies' auf der anderen Seite der Welt in Ontario/Kanada Zuflucht. Der Vater fand kaum Arbeit, Alphonso begann mit dem Kicken, trug sobald er konnte selbst zum Unterhalt der Familie bei. "Es war kein leichtes Leben damals, aber meine Eltern haben unsere Familie in ein sicheres Land gebracht", sagt der 19-Jährige, der Kanada seine Heimat nennt, heute.

2017 erhielt der Bayern-Profi auch endlich die kanadische Staatsbürgerschaft - freilich auch aufgrund seiner sportlichen Erfolgsgeschichte, die bei Bayern doch erst so richtig losgehen soll.

Michael Cuisance, Alphonso Davies - FC Bayern München

Michael Cuisance, Alphonso Davies - FC Bayern MünchenGetty Images

Von Robben begrüßt - von Boateng getunnelt

Das Gefühl, Anfang 2019 an der Säbener Straße das erste Mal im Kreis der Bayern-Profis auf dem Trainingsplatz gestanden zu haben, sei jedenfalls überaus "überwältigend" gewesen. Arjen Robben sei damals als einer der ersten auf ihn zugegangen, habe sich mit Namen vorgestellt. Und Davies reagierte nach dem Motto: Hey Mann, das weiß ich doch.

Bei der Vorstellung auf dem Trainingsplatz hob Niklas Süle wie ein Ringrichter beim siegreichen Boxer Davies' linken Arm nach oben. Der Youngster grinste schüchtern, die Superstars um ihn rum klatschten.

Dann war's aber auch schon vorbei mit den Annehmlichkeiten. "Als ich das erste Mal beim Fünf-gegen-Zwei in die Mitte musste, hat mich Jérôme Boateng getunnelt. Zweimal", erzählte Davies Ende September der "BBC".

Kritik von Neuer, Lewandowski und Flick

Im Pokal gegen Bochum unterlief ihm zuletzt ein Eigentor. Am Mittwoch fing sich Davies gleich zwei Anschisse während es Spiels ein. Den ersten von Kapitän Manuel Neuer, als er einen Flankenball per Kopf zur Ecke klärte statt zu Neuer zurück zu köpfen, klopfte dieser sich lautstark auf die Brust. Hier her!

Als sich Davies in der zweiten Halbzeit dann doch mal energischer über die Mittellinie nach vorne traute, agierte er in einer Aktion zu eigensinnig und wurde prompt von Robert Lewandowski gerügt. Spiel deinen Ball!

"Davies hat zu wenig hinterlaufen", kritisierte dann auch Flick nach der Partie, fügte aber etwas versöhnlicher an: "In der zweiten Halbzeit hat er es öfter probiert. Er hat enormen Speed, das müssen wir mehr ins Spiel bringen."

Alphonso Davies: Forsch zum nächsten Meilenstein?

An Selbstvertrauen mangelt es Davies nicht - das kann man auf seinen Social-Media-Kanälen verfolgen. Auf die "BBC"-Frage, wer denn der am besten angezogene Bayern-Profi sei, antwortete er neulich keck: "Das dürfte dann ich sein."

Auf dem Platz ist er ebenso forsch. Eigentlich ein gelernter Flügelstürmer, agiert Davies selten wie ein klassischer Außen. Ihn zieht das Chaos an, er braucht den Kontakt, die Zweikämpfe. "Das hier ist der 'real deal'", sagt er ehrfurchtsvoll, aber auch angriffslustig.

Alphonso Davies (FC Bayern München)

Alphonso Davies (FC Bayern München)Getty Images

Mit seinen ersten Bundesliga-Treffern - kurioserweise beide Male zuhause je zum halben Dutzend gegen Mainz (6:0/6:1) -, war ein weiterer Meilenstein genommen, Davies in der Gegenwart des Profi-Kaders der Bayern angekommen.

Wobei - "Alphonso ist die Zukunft", sagte Salihamidzic da schon, "aber nicht nur das: Er zeigt auch, dass er schon jetzt eine große Rolle spielen kann."

Eine Rolle, die er jetzt gegen den BVB ausfüllen muss.

Video - #SotipptderBoss: BVB ringt den FC Bayern nieder

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